Meinung

Israel: ein bisschen Armee-Reform

Premierminister Benjamin Netanjahu hat am Sonntag eine neue Gesetzesvorlage präsentiert: »Heute, nach 65 Jahren, überreichen wir dem Kabinett den Entwurf für erhöhte Gleichheit bei der Teilung der Lasten.« Gemeint ist die Wehrpflicht für ultraorthodoxe Juden. Durch einen Beschluss des Staatsgründers David Ben Gurion waren sie bislang vom Militärdienst befreit, wenn sie rund um die Uhr heilige Schriften studierten.

Damals, 1948, gab es nur noch wenige Charedim, erkennbar an schwarzen Hüten, Kaftanen und Schläfenlocken. Unter den sechs Millionen Opfern der Schoa stammte ein großer Teil aus dem ultraoorthodoxen Milieu Osteuropas. Eine ganze Kultur war vernichtet worden, einschließlich der jiddischen Sprache und eines Lebenstils, der in Israel nur in Vierteln wie Bnei Brak und Mea Schearim überlebt hat.

Generationen Ben Gurion wollte eine Art Reservat für das charedische Judentum schaffen, das entscheidend zum Erhalt jüdischer Kultur in der Diaspora beigetragen hatte. Nach drei Generationen werden die Privilegien für die Ultrafrommen von vielen weltlichen Juden in Israel als unerträgliche Belastung wahrgenommen. Nicht nur, weil sie im Kriegsfall allein den Kopf hinhalten müssen.

Charedim sind nicht nur vom Militärdienst freigestellt, viele von ihnen gehen auch keiner Erwerbstätigkeit nach und zahlen keine Steuern. Etliche von ihnen leben auf Kosten der Staatskasse. Gleichzeitig wächst ihr demografisches Gewicht. Ultraorthodoxe machen inzwischen über zehn Prozent der israelischen Bevölkerung aus.

Die Reaktionen auf den von Netanjahu stolz präsentierten Kompromiss – nämlich: verkürzter Wehrdienst und spätere Rekrutierung als andere Wehrpflichtige – fallen sehr unterschiedlich aus. Ultraorthodoxe sprechen vom »schwärzesten Tag in der Geschichte Israels«, ihr Dienst für Gott rette das Volk Israel genauso wie der Dienst mit der Waffe. Weltliche Israelis hingegen hoffen, dass jetzt endlich gleiches Recht für alle Bürger gilt.

Abgeschlossen wird dieser Prozess der gesellschaftlichen Integration jedoch erst sein, wenn auch die bislang freigestellten 1,5 Millionen arabischen Bürger gleichberechtigt nicht nur von Staatsbürgerrechten profitieren, sondern auch die Pflicht akzeptieren, ihrem Staat zu dienen – beim Militär oder in einem Zivildienst.

Der Autor ist freier Journalist in Jerusalem.

Essen

»Holo-Voices«: Zeitzeugen des Holocausts sollen für immer sprechen

Auf der ehemaligen Zeche Zollverein in Essen startet ein Medienprojekt, das Zeugen des Holocausts mit Besuchern in einen Dialog bringt. »Holo-Voices« soll Zeitzeugen »eine Stimme für die Ewigkeit« geben

 20.01.2026

Washington D.C.

Mitglied im Aufsichtsrat des Holocaust-Museums: Bernie Sanders blieb Sitzungen 18 Jahre lang fern

Der Vorgang sorgt für scharfe Kritik, auch aus den eigenen Reihen. Nun soll der jüdische Senator aus dem Gremium ausgeschlossen werden

 20.01.2026

Gedenktag

Weltweit noch 196.600 jüdische Holocaust-Überlebende

Am 27. Januar wird an die Befreiung des KZ Auschwitz vor 81 Jahren erinnert. Dort und an vielen anderen Orten ermordeten die Nationalsozialisten Millionen Juden. Noch können Überlebende von dem Grauen berichten

 20.01.2026

Eva Umlauf

»Man tut sich mit den toten Juden leichter als mit den lebenden«

Die Münchnerin ist Präsidentin des Internationalen Auschwitz-Komitees. Auf eine bestimmte Art des Gedenkens an die Opfer der Schoa schaut sie kritisch – und sagt, was sie sich wünscht

von Leticia Witte  20.01.2026

Stuttgart

Holocaust-Überlebende kritisiert ARD-Spitze, Sender reagiert mit Programmänderung

Eva Umlauf bezeichnet den Umgang mit dem Film »Führer und Verführer« als »Skandal und Schande«. Programmdirektorin Christine Strobl reagiert

 20.01.2026

Iran

Im Schatten der Gewalt

Das Teheraner Regime hat die jüngste Protestwelle mit aller Härte niedergeschlagen. Doch hinter der erzwungenen Ruhe wächst der Druck

von Arne Bänsch  20.01.2026

Teheran

Iran setzt Demonstranten Ultimatum, Justiz droht mit Hinrichtungen

Polizeichef Ahmad-Reza Radan fordert Demonstranten auf, sich zu stellen. Zugleich heißt es, bestimmte Delikte könnten als »Verbrechen gegen Gott« gewertet werden. Darauf steht die Todesstrafe

 20.01.2026

Meinung

Einladung, Empörung, Ausladung

Dass der Iran am Weltwirtschaftsforum in Davos zunächst willkommen war und kurz darauf wieder ausgeladen wurde, ist ein Lehrstück darüber, wie Menschenrechte erst dann zählen, wenn sie zum Reputationsrisiko werden

von Nicole Dreyfus  19.01.2026

Warnung

Holocaust-Überlebende besorgt um Zukunft der Demokratie

Sieben Holocaust-Überlebende berichten in dem Buch »Nach der Nacht« über ihre Sorgen um die Demokratie und den Aufstieg rechter Parteien. Zu sehen sind Ausschnitte der Interviews auch im Nachtprogramm der ARD

 19.01.2026