Meinung

Inzest: Aufklärung gegen Empörung

Leo Latasch Foto: Gregor Zielke

Der deutsche Ethikrat hat sich mit der Frage beschäftigt, ob Inzest strafbar bleiben soll, und das Medienecho ist heftig. Man glaube wohl, »dem Zeitgeist huldigen zu müssen«, liest man – plus den Hinweis, es gäbe »aktuell drängendere Probleme« wie etwa den Ukraine-Konflikt oder die Ebola-Epidemie, ohne dass jemand erklärt, was der Ethikrat mit Ebola oder der Ukraine zu tun haben soll. Oder es wird gleich die Abschaffung des Gremiums gefordert.

Darum geht es: »Der Ethikrat schlägt vor, den einvernehmlichen Geschlechtsverkehr erwachsener Geschwister sowie von Personen über 14 Jahren mit erwachsenen Geschwistern nicht mehr unter Strafe zu stellen – vorausgesetzt, dass diese nicht mehr in der gleichen Familie leben.« 14 Mitglieder stimmten dafür, neun dagegen, und zwei enthielten sich.

sozialer druck Warum hat sich der Ethikrat überhaupt damit beschäftigt? Der soziale Druck, der auf solchen Paaren, die zusammenleben, lastet, ist unvorstellbar groß, obwohl zwischen Geschwistern nur der Geschlechtsverkehr und keine anderen sexuellen Handlungen strafrechtlich erfasst sind, diese kaum nachweisbar sind und es – nach Fremdanzeigen – äußerst selten zu Verurteilungen kommt. Von dem Druck, dem solche Paare ausgesetzt sind, konnten sich einige Mitglieder des Ethikrates persönlich überzeugen.

Freilich hat das Gremium in seiner Stellungnahme keineswegs die Abschaffung des Inzestparagrafen gefordert, wie zu lesen war. Auch dass die Gesetze zum Schutz vor Missbrauch und sexueller Gewalt keinesfalls geändert werden dürfen, steht ausdrücklich in dem Gutachten.

risiko Zum Argument der »behinderten Nachkommen« hatte sich bereits 2008 die Deutsche Gesellschaft für Humangenetik geäußert: Sex deswegen zu verbieten, sei »ein Angriff auf die reproduktive Freiheit aller«. Zudem gilt als erwiesen, dass etwa das Risiko einer Behinderung bei Geschlechtsverkehr unter Geschwistern nicht höher ist, als wenn Frauen über 40 schwanger werden. Ähnliches gilt, wenn Behinderte miteinander Kinder zeugen. Auch der »Familienschutz« taugt als Argument nicht: Alle Paare, die sich beim Ethikrat gemeldet hatten, waren getrennt voneinander aufgewachsen.

Man sieht: Was an vermeintlich sachlichen Gründen für ein juristisches Verbot vorgetragen wird, entpuppt sich als bloß moralische Empörung, die zudem bei betroffenen Menschen für große Nöte sorgt. Daher war die Empfehlung des Ethikrates sinnvoll.

Der Autor ist Mitglied des Deutschen Ethikrates.

Debatte

Danger Dan und Igor Levit: So reagiert »Die Anstalt« in ihrer Sendung auf die Absage des ZDF

In seiner Jubiläumssendung geht es ausführlich auf den Streit ein

 19.07.2026

Argentinien

Der jüdische Teil von Messi

Während im Internet Gerüchte über Herkunft und Sympathien der Spielerikone kursieren, erzählen die Söhne eines verstorbenen argentinischen Fußballfans eine andere, besonders schöne Geschichte

von Sophie Albers Ben Chamo  19.07.2026 Aktualisiert

NRW

Minister sieht bei Danger Dan-Song Nähe zu Extremisten

Der Rapper Danger Dan darf einen neuen Song nicht in der Satiresendung »Die Anstalt« präsentieren. Nun meldet sich der NRW-Medienminister zu Wort, der auch im ZDF-Fernsehrat sitzt

 18.07.2026

Kommentar

Absage an Danger Dan und Igor Levit: Das ZDF hat absolut richtig gehandelt

Nicht alles, was nicht justiziabel ist, muss auch gesendet werden. Schon gar nicht unverhohlene Aufrufe zur linksextremen Gewalt und Verherrlichung der »Hammerbande«-Terroristen

von Philipp Peyman Engel  18.07.2026 Aktualisiert

Kommentar

Warum ich mit der SPD fertig bin

Eine späte Einsicht ist besser als gar keine, oder?

von Imanuel Marcus  18.07.2026

Rechtsterrorismus

NSU-Unterstützerin Susann E. zu zwei Jahren Haft verurteilt

Im Prozess gegen Susann E. in Dresden ist das Urteil gesprochen. Weil sie der NSU-Terroristin Beate Zschäpe mit ihrem Ausweis und ihrer Krankenkassenkarte aushalf, wurde sie verurteilt. In Haft muss sich nicht.

 17.07.2026

Frankfurt am Main

»Widerstand ist Völkerrecht«-Demo darf stattfinden

Laut Staatsanwaltschaft liegt trotz des Demo-Mottos »Palästina darf sich wehren, auch mit Steinen und mit Gewehren« keine Volksverhetzung vor

 17.07.2026

Mainz

»Mutlos«: »Anstalt« reagiert auf Ausladung von Danger Dan

Die Macher der Satiresendung kritisieren die Entscheidung des ZDF deutlich. Auch der Musiker selbst meldet sich nochmal zu Wort - es geht auch um das Thema Gewalt

 17.07.2026

Berlin

SPD-Arbeitskreis fordert Ende deutscher Blockade gegen EU-Kurs zu Israel

»Es ist nicht glaubwürdig, wenn deutsche Waffen dazu dienen, die humanitäre Katastrophe zu verlängern«, sagt der SPD-Bundestagsabgeordnete Ralf Stegner

 17.07.2026