Internet

Im Nazi-Netz

Unerkannt: Die Nutzer von rechtsextremistischen Online-Plattformen geben sich Namen wie »WW-Terrorcrew«. Foto: ddp

Das Forum tobt, lästert, droht. Kaum war im Dezember 2009 der Schriftzug »Arbeit macht frei« aus der KZ-Gedenkstätte Auschwitz gestohlen worden, gab es im »Thiazi«-Forum, dem größten deutschsprachigen Tummelplatz für Neonazis im Internet, Dutzende Reaktionen. Das sei die »lustigste Nachricht« des Jahres, schreibt ein Nutzer. Andere wittern eine jüdische Verschwörung oder machen zynische Vorschläge für einen neuen Schriftzug: »Lügen macht reich« und »Zu Besuch im Märchenland«.

Solche Kommentare sind noch vergleichsweise harmlos. Anders geht es im »Thiazi«-Forum, das seinen Namen von einer Heldenfigur aus der germanischen Mythologie ableitet, zu, wenn die Rede auf Aussteiger aus der rechten Szene kommt. Dann verweisen Nutzer mit martialischen Namen wie »WW-Terrorcrew« darauf, wie das Dritte Reich Verräter abgestraft habe.

mordaufruf Gabriel Landgraf glaubt, dass solche Drohungen ernst zu nehmen sind. 15 Jahre lang war er in der Berliner rechtsextremen Szene verwurzelt; 2006 stieg er aus. »Danach wurden Pressemitteilungen in Foren über meinen Ausstieg veröffentlicht, und ich bekam Drohanrufe«, sagt er. Das Internet, glaubt Landgraf, ist inzwischen »immens wichtig« für die Rekrutierung des rechten Nachwuchses. Geschickt werde versucht, alle Strömungen zu bedienen: »Brauchtum, Lifestyle, Politik, Filme – da ist für jeden etwas dabei.«

Mit harmlosen Fachsimpeleien über Tätowierungen oder mit rechter Musik zum Download wird der Einstieg in die Szene leicht gemacht. Daneben findet man im Forum aber auch Ratschläge für den Straßenkampf oder Tipps beim Waffenkauf. Es gibt historisches Tonmaterial, NS-Plakate, Hitlers Mein Kampf oder andere antisemitische Hetzschriften in digitalisierter Form.
Das Rezept scheint aufzugehen. Nach eigenen Angaben sind 21.000 Mitglieder registriert. Das ganze Forum ist nach einer hierarchischen Logik konzipiert: Wer viele Beiträge schreibt und Spenden auf ein britisches Konto überweist, darf mehr machen als ein einfaches Mitglied.

vermummung Der Diskussionsbedarf scheint gewaltig. Es gibt eine Million Beiträge zu fast 68.000 Themen – beinahe alles ist frei zugänglich. Allein zum Unterforum »Holocaust: Betrug des 20. Jahrhunderts?« existieren 16.000 Posts, in denen versucht wird, die Judenvernichtung als »perfide organisierte Gräuellüge« darzustellen. Zwischen Holocaustleugnung und Hasstiraden gegen »Zigeuner, Ausländer oder Homosexuelle« finden sich Themen, deren Kontrast nicht drastischer ausfallen könnte: »Bombensturm« gibt Tipps zum Kochen von Kartoffeln, »Odins Berserker« bittet um Hilfe im Kampf gegen Schimmel, und »Genickschuss« zeigt das Bild seiner niedlichen Hündin. Doch die netten Tierbesitzer selbst sieht man in den Galerien eher selten. Wer sein Foto ins Forum stellt, schwärzt oft die Augen oder posiert vermummt vor einer Hakenkreuzflagge.

Gerichtsbarkeit Auch der Betreiber hat sich abgesichert: Die in Deutschland strafbare Holocaustleugnung kann nicht juris-tisch geahndet werden, weil der Server in den USA steht. »Dieses Forum ist außerhalb der Reichweite der deutschen Gerichtsbarkeit«, jubelt ein Nutzer. Dennoch erwähnt der Verfassungsschutzbericht im Jahr 2004 und 2006 »Skadi«, den Vorgänger von »Thiazi«. In einem Fall suchte damals ein User nach Anleitungen für Rohrbomben – damit wolle er »eine Punkerhütte zerstören oder nen Türkenladen«. Das ist selbst manchen »Thiazi«-Nutzern zu viel. »Solche Steilvorlagen müssen wir unserem Feind nicht bieten!«

Einige Ratschläge bergen unfreiwillige Komik. So empfiehlt »Fritz Brand«, wie man Anhänger rekrutieren kann: »Man hilft einer Frau, den Kinderwagen aus dem Zug zu heben.« Sobald sie sich bedanke, solle man stolz antworten: »Nichts zu danken. Ich bin Nationalsozialist, das war selbstverständlich.«

Eklat in Halle

AfD-Mann Tillschneider will an Anschlags-Gedenken teilnehmen

Aktivisten der Jüdischen Studierendenunion Deutschland verhinderten, dass der Landtags-Vizepräsident die Synagoge betrat

von André Anchuelo  09.10.2026

Meinung

Nein, Frau Pillay hat den Friedensnobelpreis nicht verdient!

Die Südafrikanerin hat Israel vorverurteilt und Antisemitismus in den Reihen ihrer Kommission nicht ernstgenommen. Ihre Auszeichnung durch das Nobelpreiskomitee ist ein großer Fehler, meint der Direktor von UN Watch

von Hillel Neuer  09.10.2026

Sachsen-Anhalt

Zentralratspräsident Josef Schuster: Tillschneider »verhöhnt die Opfer« von Halle

Der rechtsextreme Politiker hatte am Freitag versucht, am Gedenken für die Opfer des Anschlags von Halle teilzunehmen

 09.10.2026

Oslo

Israel-Kritikerin Navanethem Pillay erhält den Friedensnobelpreis

Für ihren Einsatz gegen Menschenrechtsverletzungen und für das Völkerrecht: Mit dem Friedensnobelpreis wird in diesem Jahr die südafrikanische Juristin Navanethem Pillay geehrt

 09.10.2026

Magdeburg

Landtagspräsident Rausch plant außenpolitische Initiativen

Mit Tobias Rausch ist erstmals ein AfD-Politiker zum Präsidenten eines deutschen Landtags gewählt. Während noch über die Hintergründe seiner Wahl diskutiert wird, plant der 35-Jährige bereits außenpolitische Initiativen

 09.10.2026

Sondierungen

Lauterbach gegen Rot-Grün-Rot in Berlin

Karl Lauterbach hält den Antisemitismusvorwurf gegen die Linke in Neukölln für gerechtfertigt. Dennoch warnt er vor einer Gleichsetzung mit der AfD

 09.10.2026

Washington D.C.

Trump: Bis zu den Midterms keine Angriffe auf Iran

Am 3. November wird in den USA gewählt. Medien berichteten über mögliche neue Angriffe gegen den Iran noch vor dem Urnengang. Dem widerspricht der Präsident nun

 09.10.2026

Berlin

Zentralrat der Juden kritisiert Antisemitismus-Papier von Linken, Grünen und SPD

Die mutmaßliche neue Regierung will mit Gremien gegen antisemitische Ausfälle von Abgeordneten der Koalition vorgehen. Den Zentralrat der Juden, die Deutsch-Israelische Gesellschaft und die WerteInitiative überzeugt das nicht

 09.10.2026 Aktualisiert

Nahost

Huthis greifen Flughafen in Riad an

Die Huthi und die von Saudi-Arabien unterstützte Regierung bekämpfen sich im Jemen weiter. Auch Saudi-Arabien gerät immer wieder selbst in die Schusslinie. Droht eine weitere Eskalation am Golf?

 08.10.2026