Historikerstreit

Haltet den Diem!

Sportgeschichte trifft Politik – ein Lehrstück

von Martin Krauss  13.12.2010 16:58 Uhr

Auf der falschen Bahn? Historiker streiten über den Antisemitismus von Carl Diem. Foto: ullstein

Sportgeschichte trifft Politik – ein Lehrstück

von Martin Krauss  13.12.2010 16:58 Uhr

Am Sportpark Müngersdorf 6. Das ist die Postadresse der Deutschen Sporthochschule in Köln, 1947 von Carl Diem gegründet. Bis 2007 war der Weg noch nach ihm benannt.

»Leben und Werk Carl Diems« heißt ein Forschungsprojekt, das jetzt zum Abschluss gekommen ist. Hinter dem harmlosen Titel verbirgt sich mehr als die Auseinandersetzung um eine Adresse, es ist ein Historikerstreit: War Diem, der Organisator der Olympischen Spiele 1936, ein Antisemit? Von einem »Kulturkampf« spricht der Sporthistoriker Lorenz Peiffer aus Hannover, ein Ringen um die »Deutungshoheit« erkennt darin sein Kollege Michael Krüger.

umbenennen Darum geht es: Der Historiker Frank Becker hat, finanziert vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), der Sporthochschule in Köln und der Krupp‐Stiftung, eine Biografie Carl Diems geschrieben. Ein wissenschaftlicher Beirat des DOSB wurde Becker zur Seite gestellt. Nun liegt sein vierbändiges Werk vor – und der Auftraggeber ist nicht zufrieden. »Mit dem Beirat des DOSB gab es einen Streit darüber, wer die abschließenden Empfehlungen abgeben darf«, berichtet Becker. »Vorher war vereinbart worden, dass ich das mache.

Ich hatte aber den Eindruck, dass meine Ergebnisse denen zu kritisch sind.« Denn Beckers Rat lautet: »Benennt die Diem‐Straßen um!« Der Beirat hingegen sieht »keine Hinweise auf moralisch verwerfliche Entscheidungen oder Handlungen Carl Diems im Dritten Reich«.

Sprecher des Beirats ist der emeritierte 80‐jährige Tübinger Pädagoge Ommo Grupe, selbst Diem‐Schüler. Krüger und Grupe hatten von Beginn an vorgegeben, was bei Beckers Arbeit herauskommen sollte: »Antisemit war Diem nie und nimmer«, heißt es 2004 in einem Aufsatz Krügers. Dass Diem ein Militarist war, geben seine Verteidiger noch zu, wenn auch zähneknirschend. Der Potsdamer Historiker Hans‐Joachim Teichler sagt: »Er war ein soldatischer Typ.« Doch Michael Krüger glaubt, Diem habe nur »die Leistung der sportgestählten Soldaten« gelobt, »nicht die NS‐Politik«.

Sportfunktionär Am meisten bringt die etablierte Sporthistorikerzunft jedoch der Vorwurf der Judenfeindschaft auf die Palme. Teichler sieht bei Diem zwar einen »diskreten Antisemitismus der wilhelminischen Oberschicht«, doch wurmt ihn, dass der Berliner Historiker Ralf Schäfer im Handbuch des Antisemitismus des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin (ZfA) Carl Diem einen Beitrag widmete. Sein Name solle dort entfernt werden, fordern Teichler und Krüger. Die Begründungen lesen sich wie Einträge in Entnazifizierungsbögen: Diem sei mit einer »Vierteljüdin« verheiratet gewesen, habe privat oft auf Hitler geschimpft, in der NSDAP sei er nie gewesen. Der Kölner Historiker Manfred Lämmer fügt hinzu, der Sportfunktionär habe jüdische Freunde gehabt. Und Michael Krüger verweist auf Diems hohes Ansehen, »vor allem in Israel«.

Der Geschichtswissenschaftler Ralf Schäfer hat Diems politische Einstellungen genauer erforscht. Antisemitismus sei bei dem 1882 Geborenen nicht das Vorherrschende gewesen, es habe im deutschen Sport Schlimmere gegeben. Aber Schäfer, der mit dieser Arbeit bei Wolfgang Benz am ZfA promoviert hat, hat in Diems Nachlass einige belastende Aussagen gefunden. Etwa, wenn er 1913 über die »Judenpresse und ihr zersetzendes Gesäusel« schimpfte. 1940 erkundigte sich Diem beim deutschen Botschafter in Paris, ob zwei französische Sportfunktionäre Juden seien. Hier deute er, so Schäfer, seine Bereitschaft an, sich »des Vernichtungsapparats des NS‐Regimes zu bedienen«. Noch für 1949 lassen sich laut Schäfer antisemitische Topoi nachweisen, wenn Diem etwa über einen jüdischen Kameraden aus seiner Armeezeit berichtet, der hätte »etwas irgendwie Unmilitärisches an sich« gehabt.

Verrannt Genau dies bringt Hans‐Joachim Teichler in Rage: Hier lägen nur »Projektionen« vor, Schäfer und sein Doktorvater Benz hätten sich »verrannt«. Aller‐ dings führte Teichler auf einer Konferenz in Köln selbst über eine Fechterin aus, sie sei »die Tochter eines Offenbacher Rabbiners und einer deutschen Mutter«. Gerade, wenn er den Antisemitismusvorwurf zurückweisen will, rutscht dem Historiker das Stereotyp vom Juden, der kein Deutscher sein könne, raus.

Auf dieser Konferenz wetterte Wolfram Pyta, ein Zeitgeschichtler aus Stuttgart, gegen das Zentrum für Antisemitismusforschung, es sei ein »volkspädagogisches Institut«, das in der »wissenschaftlichen Er‐ forschung der NS‐Verbrechensgeschichte im engeren Sinne« keine Rolle spiele.

Für Ralf Schäfer schimmert in der Vorstellung, Judenhass habe es nur bei NS‐Verbrechern gegeben, ein tiefes Unverständnis von Antisemitismus durch: Als Juden‐ hasser gelten hier Propagandisten wie Julius Streicher; darunter würden sie keinen Antisemitismus erkennen.

Wo der tiefere Grund zu suchen ist, warum jetzt, im Jahr 2010, wieder Carl Diem aufs Schild gehoben werden soll, ist unklar. Der Freiburger Sporthistoriker Diethelm Blecking vermutet, dass es hier um konservative »Ideologieproduktion« geht: »Während im Sport insgesamt alles offener und liberaler wird, versuchen einige Sporthistoriker fast hagiografisch die Person Carl Diem hochzuhalten.« Frank Becker, dessen Werk von den Auftraggebern geschmäht wird, meint, es sei ein »Kampf um Deutungshoheit – daran hängen auch Karrieren und Stellen.«

lachen Lorenz Peiffer aus Hannover, der derzeit an einem Forschungsprojekt zu jüdischem Sport in Deutschland sitzt, sieht einen Zusammenhang mit den Debatten um die braune Vergangenheit des Auswärtigen Amtes. In beiden Fällen habe sich lange die Mär gehalten, es sei dort zumindest teilweise anständig zugegangen.

Als auf der Kölner Diem‐Tagung der emeritierte Historiker Manfred Lämmer meinte, man möge doch besser Avery Brundage, den langjährigen amerikanischen Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees, ins Handbuch des Antisemitismus aufnehmen, erntete er Lachen. Dass Brundage ein ausgewiesener Judenfeind war, ist bekannt.

Aber in der deutschen Sportwissenschaft sucht man vergeblich nach einer Studie, die diesen Aspekt untersucht. Die Reaktion der Fachleute galt wohl dem augenscheinlich befreienden Umstand, dass ein Amerikaner der schlimmste Judenhasser der Sportgeschichte gewesen sein soll. Während sich das Gros der deutschen Sporthistoriker weitere Untersuchungen zum Antisemitismus von Carl Diem verbittet.

Carl Diem (1882–1962)
Der Cheforganisator der Olympischen Spiele 1936 wird bis heute als »Vater des deutschen Sports« verehrt. Schon 1916 sollte er die Olympischen Spiele organisieren, die wegen des Weltkriegs ausfielen. Außerdem sorgte er für die Etablierung einer Sportwissenschaft in Deutschland. Im Dritten Reich war er Leiter der Auslandsabteilung des Nationalsozialistischen Reichsbundes für Leibesübungen (NSRL). Auch das Deutsche Sportabzeichen geht auf ihn zurück.

Gedenken

US-Vizepräsident Pence besucht Gedenkstätte Auschwitz

Gemeinsam mit dem polnischen Präsidenten Duda erinnerte der Politiker an die Opfer der Schoa

 15.02.2019

Berlin

Zentralrat der Juden begrüßt Bundesratsbeschluss

Die Länderkammer forderte die Bundesregierung auf, Renten von jüdischen Zuwanderer zu erhöhen

 15.02.2019

Konferenz

Israel will Allianz mit arabischen Staaten

Hochrangige Regierungsvertreter beraten in Warschau über die Zukunft des Nahen Ostens

von Michael Fischer, Natalie Skrzypczak  14.02.2019