Washington D.C.

Global Forum des AJC: Das Paradox der jüdischen Geschichte

AJC-Chef Ted Deutch Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Tief unter der Erde, in den vier Untergeschossen des Marriott Hotels in Washington, treffen sich 2000 Juden aus 70 Ländern. Wenn das Judentum eine Partei wäre, dann wäre diese Veranstaltung ihr Parteitag. Irgendwo in den Tiefen dieses gewaltigen Hotelkomplexes bekommt jeder Teilnehmer zu Beginn einen Stoffbeutel mit dem Motto der drei Tage dauernden Zusammenkunft: »Shape a new future«.

Das Treffen zeugt von einem unzerstörbaren Willen des Aufbruch zu neuen Ufern, trotz des grassierenden Antisemitismus in aller Welt. 91 Prozent der Juden in den USA fühlten sich 2025 weniger sicher nach den jüngsten antisemitischen Attacken, so das Ergebnis einer Umfrage des American Jewish Committee (AJC). Der 7. Oktober 2023 und der darauf folgende Krieg Israels gegen die Hamas haben den Hass auf Juden in aller Welt potenziert, ob in Chile, in Australien oder Europa.

Das Weltforum des AJC aber setzt Signale der Hoffnung. Generaldirektor Ted Deutch sagt: »Es ist die Hoffnung, die uns voranbringt.« Anders formuliert es eine jüdische Studentin, die sich in einer Veranstaltung über die Zukunft des jüdischen Lebens in Europa zu Wort meldet: »Wir haben keine Wahl. Wir haben die Schoa überlebt, die spanische Inquisition und andere Pogrome. Wir überstehen auch das.«

Neuer Schmerz

Tatsächlich ist auch Washington in diesen Zeiten nur vermeintlich ein sicherer Tagungsort. Davon zeugen die zwei Sicherheitsschleusen, durch die jeder Teilnehmer hindurch muss. Und davon zeugt die jüngste Erinnerung an den 21. Mai vergangenen Jahres, als ein »propalästinensischer Aktivist« ein junges Paar erschoss, beide Mitarbeiter der israelischen Botschaft in Washington: Sarah Milgrim und Yaron Lischinsky. »Schmerz in Sinn verwandeln«, lautete das Thema der Veranstaltung damals – getrieben von einer unverwechselbaren amerikanisch-jüdischen Mentalität der Hoffnung. Sie endete vorläufig in neuem Schmerz, in neuer Angst.

Aber das American Jewish Committee bleibt bei seinem »Dawqa«, dem hoffenden Trotz. Das Paar, das kurz vor der Verlobung stand, erhält beim AJC Global Forum posthum den Ofir Libshtein Bridge Builder Award. Die Eltern nehmen ihn entgegen. Zwei Paare betreten die Bühne vor einem 30 Meter breiten Bildschirm: Erst Bob und Nancy Milgrim, die Eltern von Sarah Milgrim, dann Daniel und Ruth Lischinsky, Vater und Mutter von Yaron Lischinsky. Beiden Paaren gelingt es, die Fassung zu bewahren und vor dem Weltforum Worte der Hoffnung an die Anwesenden zu richten.

Die Milgrims sprechen vom politischen Vermächtnis ihrer Tochter: »Wir sollten sie nicht ehren, indem wir die Koexistenz aufgeben. Wir werden ihr die Ehre erweisen, in dem wir den Einsatz für unmissverständliches Brückenbauen verdoppeln.« Und die Lischinskys erinnern an das Thema der AJC-Veranstaltung vor einem Jahr in Washington, bei der ihr Sohn ermordet wurde. Es ging darum, bessere Wege humanitärer Hilfe für die Menschen in Gaza zu finden. »Sie waren wirklich Brückenbauer, Friedensstifter«, sagen Daniel und Ruth Lischinsky.

Grauen der Gefangenschaft

Vielen der 2000 Menschen im Saal stehen die Tränen in den Augen, auch als Nancy Milgrim über das Jahr der Trauer berichtet, das hinter ihr liegt: »Wir sind dankbar für die jüdischen Traditionen der Trauer.« Seit einem Jahr sprechen die Milgrims täglich das Kaddisch, und der Schabbatgottesdienst am Freitag gibt ihnen Halt.

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Der Preis, den die trauernden Eltern für ihre Kinder in Empfang nahmen, ist nach Ofir Libstein benannt, den Kommunalpolitiker und Friedensaktivisten, der am 7. Oktober in Kfar Aza von Hamas-Terroristen ermordet wurde.

Ebenso bewegt der Auftritt von Keith und Aviva Siegel, zwei ehemaligen Geiseln in der Hand der Hamas, die das Grauen der Gefangenschaft in den Kerkern der Islamisten überlebten. Aviva dankt dem American Jewish Committe für seine Bemühungen um ihre Befreiung: »Ihr wart jede Minute bei uns, und ich habe es gefühlt.« Jetzt wollen die beiden ihr Leben in den Dienst von »IsraAid«, stellen, einer israelischen Hilfsorganisation, die weltweit Menschen in Krisen hilft – von der Ukraine bis nach Malawi.

Vom Campus suspendiert

Ein bisschen feiert sich das American Jewish Committee auch selbst in diesen feierlichen, emotional geladenen Tagen in der US-Hauptstadt. Denn es besteht nun 120 Jahre. Der Anlass für die Gründung waren 1906 die antisemitischen Pogrome in Russland. Das AJC wollte den schutz- und hilflosen jüdischen Geschwistern in Russland von Amerika aus eine Stimme geben.

Heute, im Tal neuerlichen Judenhasses, will das AJC Juden weltweit ermutigen: »chosing action over apathy«, formuliert es Ted Deutch. Der Generaldirektor nennt noch mehr Beispiele für Erfolge aus der Geschichte. So sei es dem AJC gelungen, die Abraham Accords mit voranzutreiben, die 2020 einen Rahmen für friedliche Beziehungen zwischen Israel und mehreren arabischen Staaten geschaffen haben. Jetzt bemüht sich die Organisation, jüdische Studentinnen und Studenten zu stärken, die gegen Diskriminierung von Juden und antizionistische Hasspropaganda an ihren Universitäten kämpfen.

Als bestes Beispiel für Fortschritte auf diesem Feld betritt ausgerechnet ein Deutscher die Bühne: der 1965 in Berlin geborene Daniel Diermeier. Der Politikwissenschaftler ist seit 2020 Kanzler der Vanderbilt University in Nashville im Bundesstaat Tennessee. In geschliffenem Amerikanisch, dem man kaum noch den deutschen Akzent anmerkt, erzählt Diermeier, wie er auf seinem Campus »offenen Dialog« durchsetzen will anstelle der »Dämonisierung von anderen«. Eine Gruppe von israelfeindlichen Studenten, die versucht hätten, sein Büro zu besetzen, habe er kurzerhand vom Campus »suspendiert«. Diermeier erntet stürmischen Applaus, obwohl offen bleibt, ob das bedeutet, dass die 30 in Vanderbilt für immer exmatrikuliert wurden.

Kultur des Respekts

Jedenfalls müssen Studentinnen und Studenten, die an der Vanderbilt University studieren wollen, jetzt unterschreiben, dass sie sich an einige Prinzipien halten, die für alle auf dem Campus gelten. Dazu gehört, dass es in der Kommunikation an der Universität darum gehe, »in einer Kultur des Respekts faktenbasierte Argumente« auszutauschen, nicht nur in wissenschaftlichen Arbeiten, sondern auch im »Klassenraum«.

Anfangs sei Vanderbilt mit dieser Initiative gegen den Israel- und Judenhass an den Hochschulen »sehr allein« gewesen, jetzt aber, so Diermeier, gingen andere Universitäten in den USA ähnlich vor. Er sei »sehr optimistisch«, dass das eine Veränderung bewirken werde, meint Diermeier. Die 2000 zollen ihm noch einmal tosenden Beifall.

Man sei »proud of our history«, »proud of our values«, sagt Ted Deutch am Ende. Die Teilnehmer antworten, indem sie die »Hatikvah« singen und »God bless America«, trotzig und voller Hoffnung. Da ist die Erinnerung noch frisch an eines der Podien auf diesem »Global Forum«.

Der Historiker Jonathan Sarna von der Brandeis Universität, Spezialist für amerikanisch-jüdische Geschichte, sprach von goldenen Jahrzehnten, die das Judentum in den USA hinter sich habe und meinte die Jahre 1950 bis 2000. Dann bezog er sich mit diesen Worten auf die gar nicht so goldene Gegenwart: »Das große Paradox der jüdischen Geschichte besteht darin, dass die, die uns vernichten wollten, uns am Ende stärker gemacht haben.«

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