Restitution

»Gedenkkränze reichen nicht«

WJC-Chef Ronald S. Lauder Foto: Gregor Zielke

Herr Lauder, wie beurteilen Sie die Bereitschaft deutscher Museen, den eigenen Bestand auf Raubkunst zu überprüfen?
Die Bilanz fällt sehr gemischt aus. Nur ein Drittel aller Museen in Deutschland hat gerade einmal damit begonnen, seine Sammlungen auf Raubkunst zu überprüfen. Und es ist wohlgemerkt sehr kompliziert und langwierig, die rechtmäßigen Erben von NS-Raubkunst zu ermitteln. Das zeigt, dass wir noch immer nicht auf dem richtigen Weg sind, faire Lösungen für die von den Nazis beraubten jüdischen Eigentümer und ihre Nachkommen zu erreichen.

Sind die Museen nicht in der Lage oder schlicht unwillig, ihre Bestände auf Raubkunst zu durchsuchen?
Es ist oft beides. Hinzu kommen meistens mangelnde Expertise und fehlende Ressourcen. Der wesentliche Punkt aber ist, dass Restitution auf freiwilliger Basis nicht funktioniert. Wir brauchen eine gesetzliche Verpflichtung. Wir schulden den Opfern, dass geraubte Gemälde zurückgegeben werden. Es ist auch eine Frage von Moral und Anstand.

Bei unklaren Fällen kann die Limbach-Kommission angerufen werden. Das Gremium kann laut Statuten aber nur unverbindliche Empfehlungen aussprechen. Ein weiterer Missstand?
Ja, das ist ein ein Problem. Genauso problematisch ist es, dass Museen und Sammlungen in Deutschland ihren Bestand schützen wollen und deshalb Verhandlungen vor der Kommission von vornherein ablehnen. Die Kommission darf ja nur dann tätig werden, wenn sowohl die rechtmäßigen Eigentümer oder deren Erben als auch die heutigen Besitzer ihr Einverständnis erklärt haben. Ich begrüße deshalb die Erklärung von Kulturstaatsministerin Monika Grütters, wonach sich alle Museen und Sammlungen zur Untersuchung ihres Bestandes vor der Limbach-Kommission verpflichten sollten. Dieser Schritt ist überfällig.

Stichwort Gurlitt: Die Bilanz der Gurlitt-Taskforce war blamabel. Wegen schlechter Ergebnisse wurde sie Ende 2015 aufgelöst. Wie bewerten Sie die Arbeit des Nachfolgers, der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste?
Die Stiftung ist nicht nur mit der Gurlitt-Aufarbeitung betraut, sondern auch mit der Provenienzforschung. Zugleich ist sie auch die Geschäftsstelle der Limbach-Kommission. Und auch für die Aufarbeitung der in der DDR entzogenen Kulturgüter ist sie zuständig. Das ist ein gravierender struktureller Fehler, denn das Thema Raubkunst muss bei der Stiftung Priorität haben.

Findet es Ihrer Ansicht nach im öffentlichen Bewusstsein genügend Beachtung, dass die Schoa nicht nur ein Massenmord, sondern auch ein Massenraubmord war?
Nun, es ist einfacher, um Tote zu trauern, als auf legitime rechtliche Forderungen der Lebenden einzugehen. Das Thema Raubkunst verdeutlicht das sehr eindrücklich. Kränze an Gedenktagen abzulegen, reicht nicht aus. Es muss eine faire Lösung gefunden werden.

Mit dem Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses sprach Philipp Peyman Engel.

Argentinien

Der jüdische Teil von Messi

Während im Internet Gerüchte über Lionel Messis Herkunft und Sympathien rumoren, erzählt der Sohn eines verstorbenen argentinischen Fußballfans eine besonders schöne Geschichte

von Sophie Albers Ben Chamo  15.07.2026 Aktualisiert

Justiz

Schweizer Comedian Hamza Raya wegen Rassismus angezeigt

Ein muslimischer Comedian und ein jüdischer Gastronom loten die Grenzen der Satire aus. Nun droht dem einen von beiden eine juristische Auseinandersetzung

von Nicole Dreyfus  15.07.2026

Magdeburg

AfD-Veranstaltung: Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Steimle

Ein Auftritt des Kabarettisten Uwe Steimle auf einer AfD-Veranstaltung in Dessau-Roßlau hat die Staatsanwaltschaft auf den Plan gerufen. Zudem gab es Kritik wegen des Singens der DDR-Nationalhymne

 15.07.2026

Kalenderblatt

Der Marschall war vieles, aber kein Judenretter: Philippe Pétain taugt auch 75 Jahre nach seinem Tod für einen Skandal

Marschall Pétain, Verdun, Vichy-Regime - war da was? Über einen Mann, der im Nachbarland Frankreich vom Helden zum Verfemten wurde und über das Schicksal von Tausenden Juden im Zweiten Weltkrieg mitbestimmte

von Joachim Heinz  15.07.2026

Wahlen

Friedrich Merz: Werde alles tun, damit AfD nicht in Verantwortung kommt

Viele sorgen sich vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern vor möglichen Wahlsiegen der AfD. Kanzler Merz hingegen gibt sich zuversichtlich, dass das zu verhindern sei

 15.07.2026

Meinung

Die Fußball-WM war ein voller Erfolg

Schon jetzt steht fest, dass die Weltmeisterschaft 2026 unvergesslich bleiben wird. Zumindest, wenn man die Kriterien des Fußballphilosophen Nick Hornby zugrunde legt

von Elke Wittich  15.07.2026

Kommentar

Sichere Hochschule auch für Jüdinnen und Juden!

Sicherheit ist zentral, aber auch Respekt vor Arbeitsruhegeboten. Wer Prüfungen auf hohe jüdische Feiertage legt, verlangt von Juden, für ihre Religionsausübung Nachteile beim Studienfortschritt in Kauf zu nehmen

von Volker Beck  15.07.2026

Iran

Propagandaplakat in Teheran zeigt Trump im Sarg

Auf dem Plakat wird Vergeltung gefordert. Doch viele Iranerinnen und Iraner stehen den Racheaufrufen kritisch gegenüber

 15.07.2026

Chemnitz

Neonazi Liebich nach Deutschland gebracht

Schon Ende August 2025 sollte er die Haft antreten, floh jedoch stattdessen. Einige Monate später wurde der Neonazi gefasst, nun ist er wieder in Deutschland. Wo kommt Liebich nun hinter Gitter?

 15.07.2026