Sport

»Fußball war immer politisch«

Ernst Grube Foto: privat

Herr Grube, am Wochenende treffen sich Fußballfans in Frankfurt, um an die Schoa zu erinnern. Was erwarten Sie von der Veranstaltung?
Der Titel lautet: »Nie wieder!« Es ist eine gute Entwicklung, dass man sich auch im Fußball dem Thema Nationalsozialismus stellt. Die Frage ist natürlich, was damit gemeint ist. Wie konkret werden die Bedingungen der NS-Herrschaft benannt?

Befürchten Sie, dass wieder mal nur allgemein von »Krieg und Gewaltherrschaft« gesprochen wird?
Nein, ich hoffe und erwarte, dass gezeigt wird, wie mit Minderheiten umgegangen wurde und wird. Dass Menschen wegen ihres Glaubens, ihrer Herkunft und ihrer politischen Überzeugungen verfolgt wurden. Dass klargemacht wird, dass die Demokratie von den Nazis beseitigt wurde und gezeigt wird, welche Gefahren heute drohen.

Bislang hat sich der Fußball dem Thema Gedenken entzogen: Das sei Politik und habe mit Sport nichts zu tun, der Fußball sei eine eigene Welt ohne Diskriminierung. Was halten Sie davon?
Sport hatte und hat viel mit Politik zu tun. Beispielsweise wenn in einem Stadion dunkelhäutige Spieler ausgebuht oder mit Bananen beworfen werden. Wenn die schrecklichen Gesänge der Neonazis in den Stadien und auf den Wegen dorthin ertönen. Oder wenn für die Weltmeisterschaft in Katar Arbeiter unter den Bedingungen moderner Sklaverei schuften müssen, dann ist das ja wohl politisch.

Sie waren als Kind im KZ Theresienstadt. Dort spielte Fußball ja auch eine Rolle.
Lassen Sie mich vorweg sagen: Ich bin als jüdisches Kind im Jahr 1945 nach Theresienstadt gekommen. Für die Nazis entstammte ich einer sogenannten Mischehe: Meine Mutter war jüdisch, mein Vater nicht. Das heißt, ich war ein »Geltungsjude« mit den entsprechenden Folgen: keine Schule, im Lager in München, und gegen Kriegsende kam ich nach Theresienstadt. Sport, auch Fußball, gab es in manchen Lagern, etwa in Dachau. Aber die Spiele wurden veranstaltet, um die Häftlinge zu beruhigen. Von einer Liga in Theresienstadt würde ich nicht sprechen. Vor allem fanden die Spiele statt, wenn eine Delegation des Schweizer Roten Kreuzes kam.

Nach Ihrer Befreiung 1945 sind Sie in München zu den Löwen gegangen, dem TSV 1860 München.
Ich war zwölf Jahre alt, als ich aus Theresienstadt kam. Meine Kindheit bis dahin war von Ausgrenzung bestimmt: keine Schule, kein Verein. Und Sport war damals – anders als heute – vor allem Begegnung auf der Wiese oder der Straße. Das war für mich sehr wichtig. Heute allerdings sehe ich diese Funktion von Sport nicht mehr. Es geht immer mehr in Richtung Geld.

Wie viel Kontakt haben Sie noch zu den Löwen? Gehen Sie ins Stadion?
Nein, ins Stadion nicht mehr. Aber ich bin als sogenannter Zeitzeuge tätig und war schon mehrere Male am Trainingsplatz der Sechziger und habe mit den U17-, U18- und U19-Spielern gesprochen. »Gespräch« ist gar nicht das richtige Wort, denn viel gefragt wird da nicht. Indem ich meine Geschichte erzähle, gebe ich meine Erfahrungen weiter. Was ich persönlich leisten kann, ist dies: eine Sensibilisierung der Menschen über die faschistische Vergangenheit zu erreichen. Das mache ich gerne.

Im heutigen Profifußball sind Rassismus und Rechtsextremismus ein drängendes Problem. Es heißt immer, dass gerade bei Ihrem Verein, den Sechzigern, Rassismus und Antisemitismus verbreiteter sei als etwa im Vergleich zum bürgerlichen Bayern München. Können Sie das bestätigen?
Ich glaube, dass das keine zutreffende Beschreibung ist. Vielmehr erleben wir im gesamten Fußball – zuletzt etwa in Düsseldorf, Rostock, Duisburg oder Aachen –, dass Neonazis präsent sind und gleichzeitig die Fans, die gegen Rechts sind, sich nicht trauen, dagegen vorzugehen und selbst von den Vereinsführungen keinen Rückhalt bekommen. 1860 war immer ein Arbeiterverein. Bei den Bayern ist es so, dass sie mit ihren großen Erfolgen eine Art fußballerische Sehnsucht von vielen Jugendlichen befriedigen. Als Sechziger-Fan erlebt man durch das Auf und Ab immer ein Wechselbad der Gefühle.

Sie sprachen davon, dass es Ihnen bei dem Fantreffen in Frankfurt wichtig ist, dass auch von der aktuellen Situation geredet wird, nicht nur von der Vergangenheit. Was erwarten Sie?
Es ist ja so, dass ein enger Kontakt zwischen dem Sport und Fußball auf der einen Seite und dem Staat, konkret den Kultusministerien der Länder, auf der anderen Seite besteht und auch bestehen muss. Die Bemühungen der Vereine gegen Gewalt, die ja besonders in den unteren Ligen ein großes Problem darstellt, müssen vom Staat gestützt werden. Für die Schulen gibt es das Programm »Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage«. Ein ähnliches Projekt müsste es für Sportvereine auch geben.

Warum, glauben Sie, gibt es das nicht?
In Bayern, wo ich lebe – aber auch in anderen Bundesländern –, fehlen beispielsweise die Mittel. Arbeitsgemeinschaften in Schulen, die sich mit Rassismus beschäftigen, werden nicht ins Leben gerufen, und Lehrer werden nicht freigestellt. Dabei ist es wichtig zu zeigen, wo Rassismus existiert und was dagegen getan werden kann. Der Historiker Wolfgang Benz hat festgestellt, dass alle Anstrengung vergeblich war, wenn anstelle der Juden weitere Gruppen stigmatisiert werden: Ausländer, Behinderte, Arbeitslose und viele andere.

Mit dem Überlebenden des KZ Theresienstadt und früheren Jugendfußballer des TSV 1860 München sprach Martin Krauß.

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