Wuligers Woche

Freund und Feind

Linke Pro-Israel-Demonstranten (Berlin 2012) Foto: Gregor Zielke

Bis Jom Kippur ist es noch eine Weile hin. Abbitte leisten will ich aber heute schon bei einer Gruppe von Menschen: den Philosemiten. Jahrzehntelang habe ich mich über sie lustig gemacht und Schlimmeres. Damit stehe ich wohl kaum allein. Den meisten Juden sind Philosemiten nicht ganz geheuer. Zu Unrecht, denke ich mittlerweile.

Intellektuell unterfüttert war meine Abneigung mit der nicht sonderlich originellen These, dass Philosemitismus eigentlich nichts anderes sei als spiegelverkehrter Antisemitismus: Beide nutzten Juden als Projektionsfläche und unterstellten ihnen kollektiv bestimmte Eigenschaften – die Judenhasser negative, die Judenfreunde positive –, wobei die Zuwendung rasch umschlagen könne in Aversion. Sozialpsychologisch mag das stimmen. Nur übersieht es einen wichtigen Unterschied: Antisemitismus kann in letzter Konsequenz massenmörderisch sein. Philosemitismus nervt höchstens.

Irrlehre Wobei das, was nervt, subjektiv sehr unterschiedlich sein kann. Mich beispielsweise befremden evangelikale Christen, deren Judenliebe einhergeht mit stockkonservativen Gesellschaftsbildern und Glaubenssätzen, wie dem, dass die Evolution eine Irrlehre sei und Gott die Welt wortwörtlich so erschaffen habe, wie in der Bibel beschrieben.

Wobei man fairerweise nicht vergessen sollte, dass Derartiges teilweise auch im Judentum vertreten wird. Und so kurios ich fundamentalistische Protestanten empfinde, so seltsam werden anderen Juden – wahrscheinlich den meisten – Antifa-Aktivisten erscheinen, die unbedingte Israelsolidarität mit linksradikalen Revolutionsparolen verbinden.

Manche jüdische, vor allem israelische, Kritiker werfen diesen »Antideutschen« vor, ihre Haltung sei nichts weiter als ein undifferenzierter Reflex auf die deutsche Geschichte. Insofern ähnelten sie ihren Eltern und Großeltern, den bundesrepublikanischen Philosemiten der Nachkriegszeit, bei denen die nazistische Verdammung der Juden bruchlos in eine ebenso unreflektierte Verklärung umgeschlagen sei.

Palästinenser Kann sein. Aber mir sind Deutsche, die aus der Schoa diese Konsequenz ziehen, allemal lieber, als solche, die verkünden, die Lehre aus Auschwitz heiße, Solidarität mit den Palästinensern zu üben und israelische Produkte zu boykottieren. Wenn es jemals, was G’tt verhüte, hart auf hart kommen sollte, würde ich mein Schicksal lieber unreflektierten Judenfreunden anvertrauen, seien sie christlich oder linksradikal, als es in die Hände differenziert argumentierender Progressiver zu legen.

Diese Einsicht verdanke ich dem britischen Schriftsteller Howard Jacobson. Der sagte mir vor Jahren bei einem Interview, als die Rede auf Philosemiten kam: »Es gibt so viele Menschen, die uns hassen. Da sollten wir nicht auf die vergleichsweise wenigen einprügeln, die uns wohlgesinnt sind.«

Meinung

Die Hybris des Jens Spahn

Mit seinem Verhalten hat der CDU-Politiker nicht nur der eigenen Partei geschadet, sondern der Demokratie

von Ralf Balke  21.07.2026

Washington D.C.

US-Geheimdienste erwarten keine Kursänderung Teherans nach neuen Angriffen

Die neue Lageeinschätzung wurde der Regierung von Präsident Donald Trump bereits vorgelegt

 21.07.2026

Statistik

Opferberatungsstellen: 3.167 Fälle rechter Gewalt im Jahr 2025

Die nichtstaatlichen Opferberatungsstellen verzeichnen nach dem Rekordjahr 2024 den zweithöchsten Wert an rechter Gewalt. Am häufigsten war das Tatmotiv Rassismus. Besonders nahmen Angriffe auf politische Gegnerinnen und Gegner zu

 21.07.2026

Projekt

Ein Denkmal für gefallene Soldaten und ermordete Juden

Ein Dorf will mit einer Gedenkstätte an die Opfer der NS-Zeit erinnern. Das geplante gemeinsame Gedenken an gefallene Soldaten und ermordete Juden ruft ein unterschiedliches Echo hervor

von Jens Bayer-Grimm  21.07.2026

München

Schmerz und offene Fragen auch zehn Jahre nach OEZ-Anschlag

Am 22. Juli 2016 erschoss ein rechtsextremer 18-Jähriger am Münchner Olympia-Einkaufszentrum neun junge Menschen. Noch immer sind für die Angehörigen viele Fragen offen

von Susanne Schröder  21.07.2026

Köln

Bewährungsstrafen gegen frühere Mitglieder antisemitischen Goyim-Netzwerks

Es geht um die Beteiligung an einer Verbreitung von Judenhass-Propaganda

 21.07.2026

Höchberg

DIG-Mitglied wegen Israel-Anstecker angegriffen und schwer verletzt

Die zuständige Generalstaatsanwaltschaft ermittelt wegen versuchten Mordes

 21.07.2026 Aktualisiert

Beirut

USA: Erste Schritte bei »Pilotzonen« im Südlibanon

Nach jahrzehntelangem Kriegszustand gab es zuletzt Annäherungsversuche zwischen Israel und dem Libanon. Nun verkündet das US-Außenministerium als Vermittler einen weiteren Schritt

 21.07.2026

Washington D.C.

Trump: »Netanjahu wird unter keinen Umständen festgenommen«

Der amerikanische Präsident wendet sich gegen die Aussage des New Yorker Bürgermeisters Zohran Mamdani, der eine Festnahme prüfen lässt

 21.07.2026