Israelhass

»Eskalation des Antisemitismus«

Samuel Salzborn Foto: Chris Hartung

Israelhass

»Eskalation des Antisemitismus«

Samuel Salzborn über Versammlungsfreiheit, Demonstrationsverbote und die »Nakba«

von Joshua Schultheis  12.05.2023 10:22 Uhr

Herr Salzborn, viele in Deutschland lebende Palästinenser betrachten die Staatsgründung Israels als »Nakba«, als Katas­trophe. Ist ihr Protest dagegen legitim?
Es ist ein sehr zentrales Gut, dass auch Meinungen, die nicht die der Mehrheit sind, öffentlich geäußert werden können. Dieses Grundrecht stößt aber dort an Grenzen, wo Straftaten zu erwarten sind und andere Grundrechte verletzt werden. In der Vergangenheit war das bei Kundgebungen zum sogenannten Nakba-Tag, die meistens mit Antisemitismus verbunden waren, der Fall. Antisemitische Kundgebungen halte ich für nicht legitim.

Welche Rolle spielt die sogenannte Nakba für Israelhass und Antisemitismus auf diesen Demonstrationen?
Ich glaube, dass das Narrativ der Nakba historische Kontexte der Staatsgründung Israels ausblendet, etwa die Aggressionen der arabischen Nachbarn. Daraus entsteht eine Einseitigkeit, die sich kategorisch gegen Israel wendet und nicht sehr geneigt ist, dia­logorientierte oder kooperative Lösungen in den Blick zu nehmen.

Allein in Berlin sind im Mai mehrere einschlägige Proteste angemeldet. Was erwarten Sie für die nächsten Tage und Wochen?
Man muss erst einmal abwarten, wie die Berliner Versammlungsbehörde die Kundgebungen bewertet. Dabei werden auch die Erfahrungen mit ähnlichen Demonstrationen in der jüngeren Vergangenheit berücksichtigt. Unter Umständen könnte eine Verbotsverfügung erwirkt werden oder auch strenge Auflagen, sodass bei Zuwiderhandlung gegebenenfalls eine Auflösung der Kundgebung erfolgt.

Halten Sie Verbote für zweckmäßig?
Verbote sind ein starkes Instrument, das in der Vergangenheit aber auch nur gezogen wurde, wenn alles andere nichts genutzt hat. Bei dieser Art Kundgebungen beobachten wir eine große Eskalation des Antisemitismus sowie von Gewaltverherrlichung und Gewaltaufrufen bis hin zu tatsächlich physischer Gewalt gegen Polizeibeamte und Journalisten. Die Versammlungsverbote, die in letzter Zeit in Berlin erlassen wurden, sind alle durch unabhängige Gerichte bestätigt worden.

Einige Aktivisten behaupten, dass palästinensische Stimmen in Deutschland unterdrückt werden.
Dem stimme ich nicht zu. Es geht nicht darum, palästinensische Stimmen zu unterdrücken, sondern um Antisemitismus. Wenn solche Kundgebungen nicht anti­israelisch und antisemitisch wären, sondern wirklich pro-palästinensisch, dann wäre die Sachlage eine andere. Aber das würde zum Beispiel auch bedeuten, gegen den Terror der Hamas oder deren totalitäre Politik zu demonstrieren. Das würde den Palästinensern sehr viel mehr nutzen, als sich falschen Schuldzuweisungen anzuschließen.

Mit dem Antisemitismusbeauftragten des Landes Berlin sprach Joshua Schultheis.

Berlin

Späte Gerechtigkeit? Neue Schiedsgerichte zur NS-Raubkunst

Jahrzehnte nach Ende der Nazi-Zeit kämpfen Erben jüdischer Opfer immer noch um die Rückgabe geraubter Kunstwerke. Ab dem 1. Dezember soll es leichter werden, die Streitfälle zu klären. Funktioniert das?

von Cordula Dieckmann, Dorothea Hülsmeier, Verena Schmitt-Roschmann  29.11.2025

Interview

»Es ist sehr viel Zeit verloren gegangen«

Hans-Jürgen Papier, ehemaliger Präsident des Bundesverfassungsgerichts, zieht eine Bilanz seiner Arbeit an der Spitze der »Beratenden Kommission NS-Raubgut«, die jetzt abgewickelt und durch Schiedsgerichte ersetzt wird

von Michael Thaidigsmann  29.11.2025

Interview

»Weder die Verwaltung noch die Politik stehen an meiner Seite«

Stefan Hensel hat seinen Rücktritt als Antisemitismusbeauftragter Hamburgs angekündigt. Ein Gespräch über die Folgen des 7. Oktober, den Kampf gegen Windmühlen und kleine Gesten der Solidarität

von Joshua Schultheis  29.11.2025

Meinung

Wenn ein Botschafter Schoa-Überlebende zu Lügnern erklärt

Tom Rose, neuer US-Botschafter in Warschau, hat in einer Rede die Komplizenschaft Tausender Polen während des Holocaust bestritten. Das ist fatal für das Ansehen der USA

von Menachem Z. Rosensaft  29.11.2025

Staatsbesuch

Kanzler Merz reist am nächsten Wochenende nach Israel

Das Datum steht: Bundeskanzler Merz reist in gut einer Woche zum Antrittsbesuch nach Israel. Der Gaza-Krieg hatte die Reise verzögert, durch die Waffenruhe wird sie jetzt möglich

 28.11.2025

Berlin

Anschlag auf israelische Botschaft geplant? Prozess beginnt

Ein mutmaßlicher IS-Unterstützer kommt vor Gericht. Der Prozess gegen den inzwischen 19-Jährigen beginnt am Montag

 28.11.2025

Brüssel

Weimer warnt vor Antisemitismus und Ausgrenzung beim ESC

Der Kulturstaatsminister will darüber mit seinen europäischen Kollegen sprechen

 28.11.2025

Eurovision Song Contest

Spanien bekräftigt seine Boykottdrohung für ESC

Der Chef des öffentlich-rechtlichen Senders RTVE gibt sich kompromisslos: José Pablo López wirft Israel einen »Genozid« in Gaza und Manipulationen beim Public Voting vor und droht erneut mit dem Austritt

 28.11.2025

USA

Mehrheit der Juden blickt nach Mamdani-Sieg mit Sorge nach New York

Eine Umfrage zeigt: Fast zwei Drittel der Befragten sind der Ansicht, Mamdani sei sowohl antiisraelisch als auch antisemitisch

 28.11.2025