Standpunkt

Es ist dröhnend still

Erinnern Sie sich noch an den »Deutschen Herbst«? Zu Hochzeiten der linksterroristischen »Rote Armee Fraktion« Ende der 70er- und Anfang der 80er-Jahre zeigte die Bundesrepublik ihr wehrhaftes, wenn nicht gar martialisches Gesicht.

Langhaarige »Haschbrüder« wurden bei rüden Polizeikontrollen an Straßensperren mit der Maschinenpistole im Anschlag aus ihren Rostlauben vorzugsweise französischer Provenienz gezerrt und akribischen Leibesvisitationen unterzogen.

Generalverdacht Man glaubte damals offensichtlich, ganz nach dem Prinzip des Physiognomikers Lavater, die mordenden Terrorbanden und ihre Unterstützer an Haartracht und Fahrzeugwahl erkennen zu können. Eine ganze Generation, eine ganze Lebensart, stand unter Generalverdacht. Und gleichzeitig bei Großdemos auf der Zinne gegen zu viel Staat und Polizeiwillkür.

Es scheint, als wären essenzielle Werte unseres Gemeinwesens ins Wanken geraten.

So unangenehm das im Einzelfall auch war, so sehr zeigte es doch, dass da ein demokratischer Staat versuchte, seine Werte zu verteidigen – auch wenn, im Wortsinn, schon einmal über das Ziel hinausgeschossen wurde.

Walter Lübcke Heute wird ein hessischer Kommunalpolitiker wegen seiner humanen Haltung auf der Terrasse seines Wohnhauses erschossen – und es gibt weder Straßensperren noch Massenkundgebungen oder gar Lichterketten wie in den 90er-Jahren als Reaktion auf die rassistische Pogromstimmung im Osten der Republik.

Anstatt dass der Tod von Walter Lübcke eine ganze Nation sprachlos macht und auf die Straßen treibt, herrscht geradezu Grabesruhe. Nur in den sozialen Medien hallt lautstark das eiskalte Echo der Schmähungen und Häme gegenüber dem Mordopfer Lübcke nach.

Juden Derweil werden in Berlin zwei junge Juden belästigt und geschlagen, in Düsseldorf und Hamburg werden Rabbiner attackiert und bedrängt, weil sie von Weitem »als Juden« erkennbar sind. Das sind, um keinerlei Missverständnisse aufkommen zu lassen, Bagatellen im Vergleich zum Schicksal Walter Lübckes – aber sie speisen sich aus demselben Geist der Intoleranz. Während in Hamburg, wo man derlei Dinge zum Glück nicht gewohnt ist, die Politik aufschreit angesichts der Tat eines, wie sich später herausstellte, geistig Verwirrten, passiert in Berlin nach den Angriffen auf die beiden jungen Leute – nichts. Auch in Düsseldorf halten sich die Reaktionen in Grenzen.

Der jüdische Mitbürger ist eben – in Abwandlung eines alten Werbespruchs – mittendrin, aber nicht dabei.

Es scheint, als wären essenzielle Werte unseres Gemeinwesens ins Wanken geraten: Empathie, das Einstehen für Bedrängte, das Aufstehen gegen Unrecht, kurz – der Common Sense. Dieser Grundkonsens einer sozialen und humanen Gesellschaft hat, so muss es scheinen, das deutsche Judentum jenseits kurzlebiger Lippenbekenntnisse ungefähr zu dem Zeitpunkt verlassen, als das »Existenzrecht Israels« zur Staatsräson erklärt wurde.

Der jüdische Mitbürger ist eben – in Abwandlung eines alten Werbespruchs – mittendrin, aber nicht dabei. Jenseits von öffentlichkeitsrelevanten Anlässen, an denen Begriffe wie »unverbrüchlich« und gern auch »christlich-jüdisches Erbe« verwendet werden, ist es geradezu dröhnend still, wenn wieder etwas passiert, das Juden als antisemitischen Übergriff empfinden.

Nichtjuden Stattdessen wird verfügt, geredet und befunden, wie kürzlich durch Peter Sloterdijk, laut »Cicero« Deutschlands wichtigster Intellektueller. Der konstatiert forsch – und im Vergleich zu seinen sonst durchaus verschachtelten Argumentationen unmissverständlich –, der Antisemitismus sei eine ganz spezielle Ausprägung der Hypochondrie. Denn was Antisemitismus ist – und wie es um das deutsche Judentum eigentlich bestellt sei –, darüber wiederum befinden hierzulande ja beinahe ausschließlich Nichtjuden.

Und während der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck – sowohl empathisch als auch rational – dazu aufruft, Menschen mit rechtem Gedankengut abzuholen und wieder einzufangen, sie also gleichsam parteipolitisch zu resozialisieren, solange sie bloß nicht mit AfD und Co. anbandeln, wird weiter gespuckt, bedroht und beleidigt – oder im schlimmsten Fall sogar gemordet.

Anständige Ex-Kanzler Gerhard Schröder forderte einst nach dem Anschlag auf die Düsseldorfer Synagoge den Aufstand der Anständigen. Er wäre dieser Tage wirklich wieder gefragt. Denn Juden – und mit ihnen alle hierzulande, die nicht zur Mehrheit gehören – spüren es sehr deutlich: Der Klimawandel in unserem Land hat nicht nur etwas mit CO2-Emissionen zu tun.

Und da wir Juden nun einmal, wie die Sängerin und Schauspielerin Sandra Kreisler es ausdrückt, »die Kanarienvögel im Schacht der Demokratie« sind, sollte besser auch die Mehrheit aufhorchen, wenn wir Alarm schlagen. Wenn wir denn Alarm schlagen. Denn wer sich Gehör verschaffen möchte innerhalb einer Gesellschaft, der muss sich auch zu Wort melden – und zwar unmissverständlich; auch auf die Gefahr hin, anzuecken.

Der Autor ist Publizist und lebt in Hamburg.

»Letzte Verteidigungswelle«

Haftstrafen gegen junge Neonazis

Seit März standen in Hamburg mutmaßliche Mitglieder der rechtsextremen Terrorgruppe »Letzte Verteidigungswelle« vor Gericht. Weil sie so jung sind, ohne Öffentlichkeit. Nun sind die Urteile gefallen.

 05.08.2026

Jackson Irvine beim WM-Spiel Australien gegen Ägypten, 3. Juli 2026

Nach Antisemitismus-Vorwürfen

Umstrittener FC St. Pauli-Kapitän Jackson Irvine wechselt nach Japan

Der Australier war wegen anti-israelischer Gesten heftig kritisiert worden und hatte vergangene Saison bei dem Bundesligaabsteiger für eine Krise unter Führung und Fans gesorgt

 05.08.2026

Meinung

Danke, Boy George!

Wie die 80er-Jahre-Ikone gegen alle Widerstände für Israel eintritt, verdient unseren Dank

von Sophie Albers Ben Chamo  05.08.2026

Wahl zum Abgeordnetenhaus

Umfrage: Linke in Berlin auf Platz eins

Am 20. September findet die Wahl zum Landesparlament statt. Würde schon am Sonntag gewählt, bekäme die Linke einer Umfrage zufolge die größte Zustimmung. Doch das Rennen ist knapp

 05.08.2026

Nach CSD-Anschlag

So viele islamistische Gefährder müssen nun in Berlin Fußfesseln tragen

Eine Übersicht

 05.08.2026

Berlin

Viele Fragezeichen zu CSD-Anschlag nach Sondersitzung

Gab es Kommunikationsprobleme zwischen Sicherheitsbehörden und Politik vor dem Anschlag am Rande des CSD? Abgeordnete sehen reichlich offene Fragen rund um die Tat

 05.08.2026

Berlin

Insolvenz: Masorti-Grundschule muss schließen

Die Hintergründe

von Mascha Malburg  05.08.2026

Arlington (Virginia)

USA haben Großteil ihrer Langstreckenraketen im Iran-Krieg verbraucht

Im Verlauf der Operation »Epic Fury« wurden bereits nahezu sämtliche verfügbaren Army Tactical Missile Systems (ATACMS) sowie Precision Strike Missiles (PrSM) eingesetzt

 05.08.2026

Großbritannien

Antisemitische Vorfälle in Großbritannien um 21 Prozent gestiegen

Der Community Security Trust registriert einen Fall von lebensbedrohlicher Gewalt sowie 135 körperliche Angriffe – so viele wie noch nie in einem ersten Halbjahr

 05.08.2026