Brüssel

»Es herrscht Furcht«

Brüssel am Abend nach den Anschlägen Foto: imago

Die verheerenden Terroranschläge von Brüssel haben ihren Nachhall, in der weiten Welt, im nahen Belgien und auch in dessen jüdischer Bevölkerung. »Unwirklich. Worte sind zu wenig«, twitterte der liberale jüdische Antwerpener Lokalpolitiker Claude Marinower am Dienstagvormittag. Viviane Teitelbaum, als Abgeordnete der frankophonen Liberalen im Regionalparlament von Brüssel, versicherte den Hinterbliebenen ihr Mitgefühl und schloss einen Appell an: »Nie aufgeben!«

Unterdessen war die Erste-Hilfe-Organisation Hatzoloh aus Antwerpen am Flughafen Zaventem im Einsatz. Hauptkoordinator Samuel Markowitz sagte der Zeitschrift »Joods Actueel«, mindestens zwei jüdische Passagiere seien unter den Verwundeten, der eine schwer verletzt, der andere leicht. Zwischen 20 und 30 weitere mussten bis zum Nachmittag warten, bis sie den Brüsseler Flughafen verlassen konnten. Die in Brüssel ansässige Agentur »European Jewish Press« berichtet, ein Israeli sei wegen leichter Verletzungen in einem Brüsseler Krankenhaus behandelt worden.

Avraham Gigi, der Oberrabbiner von Brüssel, sagte zu Radio Israel: »Seit Istanbul sind wir in Europa zu einem bevorzugten Ziel geworden.« Zur Stimmung in der jüdischen Gemeinde sagte der Rabbiner: »Es herrscht Furcht.«

schulen Jüdische Schulen in Brüssel und Antwerpen begannen bald nach den Anschlägen damit, Eltern anzurufen, damit sie ihre Kinder abholen. In den Gemeinden wurde später darüber beraten, ob die Schulen am Mittwoch wieder öffnen sollten. Geschlossene Schultore erinnern in Belgiens Gemeinden an die Zeit vor einem Jahr, als nach den Pariser Anschlägen sowie der Aushebung einer Terrorzelle in Verviers jüdische Einrichtungen zu den ersten gehörten, die unter den Schutz schwer bewaffneter Militärs gestellt wurden.

Die Terrorgruppe »Islamischer Staat« bekannte sich zu allen Anschlägen. Als Täter am Flughafen konnten nach Angaben verschiedener belgischer Medien zwei Brüder aus Brüssel, Khalid und Brahim El Bakraoui, sowie der 24-jährige Syrien-Rückkehrer Najim Laachraoui identifiziert werden. Alle drei Personen standen schon vor den Anschlägen unter dringendem Terrorverdacht – sie wurden im Zusammenhang mit den Anschlägen von Paris am 13. November im vergangenen Jahr gesucht.

razzien
Die Bakraoui-Brüder sollen sich am Flughafen als Suizidattentäter in die Luft gesprengt haben. Bei Razzien, die in den Brüsseler Stadtteilen und Vororten Molenbeek und Schaerbeek durchgeführt wurden, fand die Polizei unter anderem Nagelbomben, Chemikalien und Flaggen des »Islamischen Staats«.

Zu den zahlreichen Veranstaltungen, die nach den Attacken von Brüssel im ganzen Land abgesagt wurden, gehörten auch zwei Purim-Partys: die des Antwerpener World Diamond Center, die für Dienstagabend geplant war, und die der in Brüssel ansässigen European Jewish Association, die jüdische Organisationen und Gemeinden auf dem ganzen Kontinent verbindet. Ob ein Konzert, das zu Purim in der Großen Synagoge von Brüssel geplant war, stattfindet, war zu Redaktionsschluss noch unklar.

Die Bilder der Anschläge brachten bei vielen Belgiern, zumal bei belgischen Juden, die Erinnerungen an das Autobombenattentat auf eine Synagoge im Antwerpener Diamantenviertel 1981 zurück. Drei Menschen kostete es das Leben, über 60 wurden verletzt. Weniger lange zurück liegt der Anschlag auf das Brüsseler Jüdische Museum, bei dem im Mai 2014 vier Menschen ermordet wurden.

solidarität Belgiens Regierung rief eine dreitägige Staatstrauer aus. Das Land erhält viel Zuspruch. »Unsere Gedanken sind in diesen schweren Stunden bei den Opfern und ihren Angehörigen«, sagte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster. »Die Behörden müssen jetzt dafür Sorge tragen, dass die Sicherheit der belgischen Bürger, aber auch die Sicherheit aller Europäer gewährleistet ist.« Schuster rief dazu auf, den Alltag nicht von der Angst vor Anschlägen bestimmen zu lassen. »Wir müssen wachsam bleiben, aber uns unsere europäischen Werte und unsere Freiheit bewahren.«

Moshe Kantor, Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses, sprach von einer »weiteren schockierenden, entsetzlichen und tödlichen Attacke auf unschuldige Europäer durch radikale Terroristen«. Die Anschläge seien »Schüsse ins Herz von Europa«, die sich »gegen alles richten, wofür wir eintreten«.

Ronald S. Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, sagte, dass jedes Land und jeder Bürger Ziel dieser Terroristen werden könne. »Deshalb müssen sich alle Länder vereinigen, um die Terroristen und die Ideologie zu besiegen, die sie inspiriert.« Lauder sprach von einem »Kampf des Guten gegen das Böse«, vor dem man sich nicht scheuen dürfe.

kanarienvÖgel Wer sich in den letzten Jahren mit jüdischen Belgiern über ihre Zukunftsvorstellungen unterhielt, traf dabei meist auf zwei Themen: das des wachsenden Antisemitismus und, als Folge, die steigende Bereitschaft, Belgien zu verlassen. Meist tauchte dann das Bild des Kanarienvogels in der Mine auf, der zu singen aufhört, wenn ihm der Sauerstoff ausgeht. Europas Juden erfüllten demnach eine Warnfunktion für die offene, demokratische Gesellschaft.

Die Soldaten vor bärtigen Chassidim waren vor Jahresfrist ein beliebtes Motiv für Fotojournalisten. Viele Leser der entsprechenden Zeitungen hatten wohl nicht gedacht, dass Militärs auch für Menschen ohne Pejes und Strejmel so schnell zum Alltag gehören sollten.

Auf diese Entwicklung spielt auch Julien Klener an, der ehemalige Vorsitzende des Consistoire Central Israélite de Belgique (CCIB). Dass die Alijabörsen in der Hauptstadt auch künftig steigende Besucherzahlen melden dürften, liegt auf der Hand. »Ich vermute, dass, wenn es so weitergeht, nicht nur Juden sich fragen werden, wo das noch enden soll«, so Klener, der betont, nur im eigenen Namen zu sprechen. Die heutige Situation erinnert ihn an die »existenziellen Ängste«, die er »als Jude einer Generation untergetauchter Kinder« noch kenne.

Die in verschiedenen Vororten und Stadtteilen Brüssels gefundenen Bomben verstärken Kleners Besorgnis. »Erst Molenbeek, dann Vorst, jetzt Schaarbeek. Es scheint, als würde nun wöchentlich ein anderer Brüsseler Stadtteil weltbekannt.«

Ein anderes geografisches Detail, das dem früheren Linguistikprofessor auffiel, ist der Ort des zweiten Anschlags: »Die Metrostation Maalbeek liegt genau zwischen dem europäischen und dem belgischen Regierungsviertel.« Eine Ansage an beide, und so deutet es Julien Klener: Das sei Ausdruck eines Krieges »zwischen denen, die Demokratie befürworten, und jenen, die sie hassen und eine Gesellschaft der Ungleichheit errichten wollen«.

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