Paul-Spiegel-Preis

»Es geht darum, Haltung zu haben«

Mit »Gesicht Zeigen!« reagierte Uwe-Karsten Heye auf den erstarkenden Rechtsextremismus 2000, jetzt wurde die Organisation geehrt. Foto: imago

Herr Heye, »Gesicht Zeigen!« ist eine Nichtregierungsorganisation (NGO), die sich gegen Rechtsextremismus einsetzt, wie es oft heißt. Wie würden Sie das Besondere von »Gesicht Zeigen!« beschreiben?
Vor allem sind wir eine Initiative, die sich nicht nur gegen etwas engagiert, sondern auch für etwas: für die Verteidigung der Weltoffenheit Deutschlands.

Gegen wen muss die Weltoffenheit verteidigt werden?

Gegen die Hetzer des nationalistischen Rückfalls, den wir leider derzeit faktisch in allen EU-Staaten erleben. Dieser Rückfall geht einher mit der rasanten Zunahme von Fremdenfeindlichkeit und anderen Formen von Diskriminierung. Das ist die Lage, in der wir uns befinden.

»Gesicht Zeigen!« ist nicht die einzige Initiative, die sich für eine Stärkung der Zivilgesellschaft, für Humanität und gegen Rechtsextremismus einsetzt. Stehen Sie in Konkurrenz zu anderen Projekten – etwa, wenn es um Fördergeld geht?

Ich bin froh über jede Initiative, die den zivilgesellschaftlichen Widerstand stärkt. Es muss klar sein, wie sich dieses Land definiert. Es geht darum, Haltung zu zeigen.

Am Mittwoch hat »Gesicht Zeigen!« den Paul-Spiegel-Preis erhalten. Und mit dem Namensgeber, dem früheren Präsidenten des Zentralrats der Juden, verbindet Ihre NGO ja tatsächlich etwas.
Vor 16 Jahren, da war ich noch Sprecher der Bundesregierung, war ich nach Düsseldorf zu Paul Spiegel und zum Zentralrat gefahren. Ich war damals sehr erschrocken über die dramatische Zunahme von Rechtsextremismus im Land: Synagogen wurden angegriffen, es gab Jagdszenen auf Asylbewerber. Das hat mich schockiert. Und deswegen fuhr ich nach Düsseldorf. Ich wollte Paul Spiegel treffen und ihn fragen, ob der Zentralrat eine zivilgesellschaftliche Initiative, wie sie mir vorschwebte, unterstützen würde. An dem Gespräch nahm auch der damalige Vizepräsident Michel Friedman teil. Spiegel und Friedman sagten spontan zu, und wir hielten eine Pressekonferenz ab. Dort wurde dann »Gesicht Zeigen!« gegründet. Der Name der Initiative geht übrigens auf eine Formulierung von Michel Friedman zurück.

Warum hatten Sie das Gespräch mit dem Zentralrat gesucht?
Für die demokratische Kultur ist es wichtig, dass sich alle engagieren, und dass nicht nur die Juden auf die Barrikaden gehen, wenn es wieder Judenhass gibt. Da muss man zusammen etwas erreichen. Der Kontakt zum Zentralrat sollte signalisieren: Ihr seid ein Teil von uns, und wir sind ein Teil von euch.

Judenhass wird oft in einer Reihe mit anderen Diskriminierungen genannt, sehr oft wird er einfach mit Rassismus gleichgesetzt. Wo sehen Sie das Besondere des Antisemitismus?
Das Besondere lässt sich nicht mit wenigen Worten beschreiben. Es hat etwas zu tun mit einer religiös unterlegten Antipathie, die über Jahrhunderte in den christlichen Kirchen eine große Rolle gespielt hat. Es geht um den Vorwurf, Juden hätten den Sohn Gottes, den Heiland, gekreuzigt. Das ist der Urgrund dessen, was sich als politischer Antisemitismus zeigt. Hinzu kommt, dass oft vergessen oder geleugnet wird, wie groß der jüdische Anteil ist, wenn deutsche Kultur in Rede steht, welche Akzente sie gesetzt haben, ja, dass deutsche Kultur ohne ihren jüdischen Anteil nicht wäre. Antisemitismus leugnet einfach den intellektuellen und kulturellen jüdischen Einfluss. Und diese Bedeutung droht auch hinter dem Gedenken an den Holocaust zu verschwinden, indem Juden dann nur als Opfer erscheinen.

Nun gibt es ja auch das Phänomen, dass sich Bewegungen und Parteien, etwa die »Alternative für Deutschland«, bewusst philosemitisch präsentieren und Juden auffordern, sich mit ihnen gemein zu machen – gegen die Gefahr eines islamischen Antisemitismus.
Das ist heuchlerisch und ohne Substanz. Ich bin sicher, dass diese Gruppen unter der Bezeichnung der »gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit« zu subsumieren sind. Wer glaubt, er könne so tun, als würde das nur in eine Richtung gehen, hat aus der Geschichte nach 1933 nichts gelernt. Danach, das sind leider die historischen Erfahrungen, sind dann die Nächsten dran.

Ist Antisemitismus für Sie ein Phänomen, das bloß bei der politischen Rechten angesiedelt ist?
Es ist jedenfalls dort am stärksten zu Hause. Und was die Linke angeht, da sollte man genau hinhören, was tatsächlich gemeint ist. Ich bin als Deutscher gewiss niemand, der Israel Ratschläge erteilen sollte. Die Siedlungspolitik zum Beispiel wird – wie ich glaube –, zu recht auch von Verbündeten, vielfach sehr kritisch gesehen, was mit Antisemitismus aber nichts zu tun hat. Das gilt auch für manchen Akzent der israelischen Außenpolitik. Diese Debatte wird ja auch in Israel geführt.

Zurück zu »Gesicht Zeigen!«. Was sind die Schwerpunkte Ihrer aktuellen Arbeit?
Einer der Schwerpunkte ist, dass wir Menschen, die zu ethnischen Minderheiten gehören, ermutigen wollen, sich in unserer Gesellschaft zu engagieren. Das ist leichter, wenn wir erkennen, dass Menschen kommen, die uns kulturell und auch sozial reicher machen. Dann haben wir die »Jetzt erst recht«-Kampagne, bei der es gegen Fremdenfeindlichkeit geht: Es ist eine Bilderaktion, bei der Menschen ihr Gesicht für ein weltoffenes Deutschland zeigen. Es ist ein Bekenntnis gegen Rechtsextremismus. Und wir haben Projekte wie »7xjung«, im Untertitel heißt es: »Dein Trainingsplatz für Zusammenhalt und Respekt«. Dabei versuchen wir, für junge Menschen Zugänge zu einer aktiven Auseinandersetzung mit der NS-Zeit zu bieten. Aktiv heißt auch, dass es zugleich um Erinnern, aktuelle Beispiele und um Zivilcourage geht, die wir dringend brauchen.

Mit dem Gründer von »Gesicht Zeigen!« und ehemaligen Regierungssprecher sprach Martin Krauß.

Der Paul-Spiegel-Preis
für Zivilcourage wird seit 2009 vom Zentralrat der Juden in Deutschland in Erinnerung an Paul Spiegel sel. A. und dessen unermüdliches Engagement gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus vergeben.

Erster Preisträger war der damalige Landespolizeipräsident des Freistaates Sachsen und heutige Polizeipräsident von Leipzig, Bernd Merbitz, 2011 das Künstler-Ehepaar Birgit und Horst Lohmeyer aus Jamel mit seiner Aktion »Jamel rockt den Förster«, 2012 die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus und 2013 die Bürgerinitiative »Wir für Lübtheen«. Im vergangenen Jahr erhielt die Journalistin Andrea Röpke den Preis.

Zum Festakt am Mittwoch in der Düsseldorfer Gemeinde werden neben Christina Rau als Laudatorin auch die Witwe Paul Spiegels, Gisèle Spiegel, und weitere zahlreiche prominente Gäste erwartet.

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