Nachruf

Er hat das Land repräsentiert

Walter Scheel (1919–2016) Foto: imago

Nachruf

Er hat das Land repräsentiert

Walter Scheel war Bundespräsident und Außenminister. Er suchte den Kontakt zu Israel, aber er war auch in der NSDAP

von Rabbiner Andreas Nachama  29.08.2016 18:40 Uhr

Walter Scheel, 1919 geboren und am 24. August verstorben, war von 1974 bis 1979 nach Heuss, Lübke und Heinemann vierter Bundespräsident. Dass der Politiker auch Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Außenminister und Vizekanzler war, wird oft übersehen, denn viele erinnern sich an ihn als die rheinische Frohnatur »hoch auf dem gelben Wagen«.

Scheel war Außenminister, als Abba Eban im Februar 1970 als erstes Regierungsmitglied Israels die Bundesrepublik besuchte. Im Raum standen damals Äußerungen von Scheel, die Beziehungen zu Israel »normalisieren« zu wollen. Der »Spiegel« berichtete: »Der Gast wies den Gastgeber zurecht: ›Die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel können nicht normalisiert werden.‹« Abba Eban lud Scheel und Wirtschaftsminister Karl Schiller zu einem Gegenbesuch nach Israel ein.

lamento Der zitierte »Spiegel«-Artikel endet mit dem Hinweis, dass Schiller Mitglied der NSDAP war, worauf Eban bestürzt ausrief: »O Gott, das habe ich nicht gewusst.« Dass auch Scheel Mitglied der NSDAP war, wurde erst 1978 bekannt, ebenfalls durch den »Spiegel«. Es folgte das damals übliche Lamento, dass er sich nicht erinnern könne, einen Mitgliedsantrag gestellt zu haben. Andererseits war Scheel der Minister, der im Auswärtigen Amt mit der vorzeitigen Versetzung ehemaliger NSDAP-Mitglieder in den Ruhestand ernst machte.

Im Juli 1971 besuchte Scheel dann tatsächlich als erster deutscher Außenminister Israel. Die Reise fand in einer atmosphärisch schwierigen Situation statt, denn im Frühjahr 1971 kam es zu Spannungen zwischen Israel und Europa. Von der Europäischen Gemeinschaft gab es im Rahmen der »europäisch-politischen Zusammenarbeit« (EPZ) ein Papier, das eine kritische Haltung gegenüber Israel formulierte. Scheel musste sein ganzes diplomatisches Geschick aufwenden, um klarzumachen, dass es zwischen Frankreich und der Bundesrepublik Meinungsverschiedenheiten in der Nahostpolitik gebe – er also faktisch von dem EPZ-Papier abrückte.

Dazu passt, dass Scheel im Juni 1973, also vor dem Jom-Kippur-Krieg, von einer Ägyptenreise und Gesprächen mit Präsident Sadat zurückkehrend, Israel wissen ließ, dass die Ägypter sich eine friedliche Regelung mit den Israelis vorstellen könnten. Dass es dann bis 1979 dauerte, bis es tatsächlich zum Abschluss eines Friedensvertrags kam, belegt womöglich, dass Scheels Hinweis für diesen Prozess dann doch kaum eine Bedeutung hatte.

8. mai 1975 sprach er als Bundespräsident in der Bonner Schlosskirche zum 8. Mai. Lakonisch stellte er da fest, die Deutschen hätten den »Führer« gewählt. Er hob die Chancen hervor, die das Kriegsende den Deutschen geboten habe; sie hätten sie mit einem Wohlfahrtsstaat in einem friedlichen Europa auch genutzt. »Wir wurden von einem furchtbaren Joch befreit, von Krieg, Mord, Knechtschaft und Barbarei. Und wir atmeten auf, als dann das Ende kam.«

Zugleich warnte er gerade mit Blick auf die Jüngeren – es war die Hochzeit des RAF-Terrorismus – davor, sich darauf auszuruhen: Man müsse an der gelernten Lektion von »Freiheit und Recht und Gewaltlosigkeit« festhalten. So weit wie Richard von Weizsäcker, der 1985 den 8. Mai als Tag der Befreiung bezeichnete, ging Walter Scheel nicht. Aber Scheel war einer, der wesentlich dazu beigetragen hat, seine Partei, die FDP, in der Mitte der demokratischen Gesellschaft zu platzieren.

Wann immer ich ihn Ende der 90er-Jahre in Berlin auf einer Veranstaltung traf, kam er in seiner gelassenen staatsmännischen Art auf mich zu, um zu bekunden, wie sehr es ihn freue, dass russischsprachige Juden in großer Zahl so viel Vertrauen in Deutschland hätten, dass sie hierher übersiedelten.

Walter Scheel war mit seinen Verstrickungen in die Vergangenheit und seinen Weichenstellungen in der Zeit seines politischen Wirkens ein Politiker, der wesentlich dazu beigetragen hat, dass dieses Land wurde, was es ist.

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