Dialog

»Eine Art Vorbildfunktion«

Rabbiner Julian-Chaim Soussan Foto: Marco Limberg

Herr Rabbiner Soussan, mehr als 100.000 Katholiken haben dem Papst bei der größten christlichen Messe zugejubelt, die je auf der arabischen Halbinsel gefeiert wurde. Warum waren auch Sie bei der Begegnung in Abu Dhabi mit von der Partie?
Es gab eine interreligiöse Konferenz in den Vereinigten Arabischen Emiraten, die »Global Conference of Human Fraternity«. Über 700 Vertreter verschiedener Religionen waren anwesend, es gab spannende Panels und Workshops, die sich mit den Herausforderungen und Möglichkeiten des interreligiösen Dialogs befasst haben. Das gipfelte im Spitzentreffen zwischen dem Papst und Großmufti Scheich Ahmed al‐Tajib. Für uns war wichtig, dass dieses Treffen nicht auf Kosten der anderen Religionen stattfand.

Was wurde erreicht?
In einer gemeinsamen Erklärung hieß es, dass Religionen daran arbeiten sollten, Krieg und Missstände abzubauen. Auch in den Beiträgen war es interessant, wie verschiedene Sprecher Toleranz gegenüber Andersgläubigen aus der eigenen Religion ableiten. Der gemeinsame Nenner war für die meisten, dass Religion zum Frieden beitragen muss und Gewalt in jeder Form abgelehnt wird.

Wer war von jüdischer Seite noch dabei?
Insgesamt sechs Rabbiner, davon vier orthodoxe: Rabbiner Michael Schudrich aus Polen, Rabbiner Marc Schneier aus den USA, Oberrabbiner Haïm Korsia aus Frankreich und ich – außerdem der konservative argentinische Rabbiner Abraham Skorka und ein liberaler Rabbi aus Washington.

Manche Beobachter haben die Öffnung gelobt. Andere meinen, das sei reine Propaganda, weil es auf der arabischen Halbinsel keine Religionsfreiheit gebe.
Zum ersten Mal fand solch eine Veranstaltung in einem arabischen Land statt, schon das halte ich für ein positives Zeichen. Unter den Golfstaaten sind die Vereinigten Arabischen Emirate ein Vorreiter der Toleranz. Auf diesem Weg ist noch einiges zu leisten, aber meine Hoffnung ist es, dass dieses Treffen zum einen nach innen gewirkt hat und vielleicht auch in anderen muslimischen Staaten eine Art Vorbildfunktion einnimmt.

Woran haben Sie das gemerkt?
Es gibt in Dubai eine winzige jüdische Gemeinde mit gut 40 Mitgliedern, die uns ganz offiziell koscheres Essen zur Verfügung gestellt hat. Alle, die in den Speisesaal hineinmarschiert sind, kamen an dem Tisch vorbei, auf dem ein großes Schild stand: »Kosher Food«. Der Vertreter der jüdischen Gemeinde von Dubai hat uns beliefert und das Essen verteilt. Er sagte, das sei durchaus ein Gewinn für die Gemeinde, damit öffentlich wird, dass das eine Selbstverständlichkeit ist.

Sie sind froh, dass Sie mitgefahren sind?
Ja. Wir hoffen natürlich, dass den Worten noch mehr Taten folgen. Eine Konferenz mit so hochrangigen Vertretern verpflichtet.

Mit dem Beiratsmitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) sprach Ayala Goldmann.

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