SPD

Eine andere Politik?

Hoffnungsträger im Willy-Brandt-Haus: Martin Schulz, Sigmar Gabriel und Frank-Walter Steinmeier (v.l.) Foto: dpa

Martin Schulz, der frühere Präsident des Europäischen Parlaments, soll für die deutschen Sozialdemokraten das Unmögliche erreichen: die Dauerkanzlerschaft von Angela Merkel beenden. »Seine Kandidatur für das Amt des deutschen Bundeskanzlers und die Übernahme des Parteivorsitzes der SPD dokumentieren unseren Willen für einen echten Neubeginn in Deutschland und Europa«, erklärte Sigmar Gabriel, Noch-Vorsitzender und Beinahe-Kanzlerkandidat.

Der Neubeginn schien geboten. Die Umfragewerte der SPD befinden sich seit Monaten im Keller. Gabriel selbst gab das Wirtschaftsressort auf und übernahm das Auswärtige Amt, dessen ehemaliger Chef Frank-Walter Steinmeier am 12. Februar vermutlich als Bundespräsident ins Schloss Bellevue einziehen wird. Im Wirtschaftsministerium folgt die ehemalige Justizministerin Brigitte Zypries auf Gabriel.

stühlerücken Gabriel ist die größte Überraschung beim großen Stühlerücken. Profiliert ist er, und als Wirtschaftsminister konnte er international reichlich Erfahrungen sammeln. Aber für diplomatisches Geschick ist der Mann aus Goslar nicht bekannt. Eher für verbale Schnellschüsse.

So wie 2012 bei einer Israelreise, als er Hebron als »rechtsfreien Raum« beschrieb. »Das ist ein Apartheid-Regime, für das es keinerlei Rechtfertigung gibt.«

Kritik hagelte es auch, als Gabriel nach Abschluss des umstrittenen Atomdeals mit dem Iran nicht früh genug nach Teheran fahren konnte, um der deutschen Wirtschaft einen Vorsprung zu sichern. Dort immerhin sprach er das Existenzrecht Israels an.

»Mit Sigmar Gabriel wird das Gegenmodell eines Oberdiplomaten zum Außenminister«, lobt Abraham de Wolf, Mitglied im Vorstand des Arbeitskreises jüdischer Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten. »Das ist in Zeiten von Trump unbedingt notwendig.« Gabriel vertrete deutsche und europäische Positionen, wo Merkel schweige.

wissenslücken »Was Israel anbelangt«, räumt de Wolf allerdings ein: »Als Außenminister darf man sich solche Wissenslücken nicht mehr erlauben, die schon ein Problem waren, als er SPD-Vorsitzender war.« Grigori Lagodinsky, ebenfalls im Arbeitskreis aktiv, sieht das ähnlich. Er traut dem undiplomatischen Gabriel aber zu, »dass er als Politikprofi in seinen Job hineinwachsen wird«.

Mit Wissensdefiziten beim Thema Israel fiel ebenfalls Martin Schulz schon auf. Obwohl als entschiedener Gegner jeder Form von Boykotten gegen den jüdischen Staat bekannt, sorgte er als EU-Parlamentspräsident 2014 anlässlich seiner Rede in der Knesset für Unmut, weil er – basierend auf falschen Zahlen – Israel massive Ungerechtigkeiten bei der Wasserverteilung im Westjordanland glaubte attestieren zu müssen.

Dennoch begrüßen die jüdischen Sozialdemokraten die Entscheidung zugunsten von Schulz und freuen sich auf den Wahlkampf. »Schulz vertritt mehrheitsfähige sozialdemokratische Werte, hat internationale Erfahrung und steht für den europäischen Gedanken, der gerade in der heutigen Zeit extrem wichtig geworden ist«, sagt Lagodinsky. »Schon hierdurch wird der Wahlkampf der SPD an glaubwürdigem Profil gewinnen, was sowohl der Partei als auch unserer Gesellschaft guttun wird.« Erste Umfragen scheinen das zu bestätigen. Bei Emnid konnte die SPD mit Schulz gleich zwei Prozentpunkte gutmachen.

amtszeit De Wolf glaubt, dass Frank-Walter Steinmeiers ruhige Hand als Außenminister ihn geradezu für das Amt des Bundespräsidenten prädestiniert. »Das Wichtigste in seiner Amtszeit war die Verhinderung einer weiteren kriegerischen Eskalation in der Ukraine«, sagt er. »Das Thema ist für die jüdischen Gemeinden in Deutschland sehr wichtig, da viele unserer Mitglieder von dort stammen.«

Steinmeiers Nachfolger Gabriel jedenfalls bemüht sich bereits um diplomatisches Auftreten und betont, dass er Außenpolitik und Wahlkampf trennen möchte. »Dass wir jetzt eine Bundestagswahl haben, sollte uns so wenig wie möglich interessieren.« Dafür seien die Herausforderungen einfach zu groß. »Wir sind Zeitzeugen einer Neuvermessung der Welt.« Und der SPD.

Sachsen

Chemnitz und Zwickau gedenken der Opfer des NSU

Der »Nationalsozialistische Untergrund« ermordete zehn Menschen aus rassistischen und rechtsextremistischen Motiven. Die Terrorzelle lebte in Chemnitz und Zwickau im Untergrund. 2011 flog sie auf

 03.11.2026

Frankfurt

Jüdische Akademie soll »Haus der Zukunft« sein

In der ersten Diskussionsrunde der neuen Jüdischen Akademie in Frankfurt stieß ein Wunsch angesichts von Antisemitismus und innerjüdischer Differenzen auf große Zustimmung: Die Akademie soll ein »Haus der Zukunft« sein

 03.11.2026

Meinung

Junge Jüdinnen und Juden stehen vor einem Dilemma

Wir sind genauso von den steigenden Preisen, der Wehrplichtdebatte und der Klimakrise betroffen, wie die Demonstranten vom Wochenende. Aber wir können und werden uns nicht mit Leuten gemein machen, die den Hass auf uns und auf Israel schüren

von Tim Kurockin  03.11.2026

Serbien

Botschafts-Attentäter plante auch Anschlag auf Jüdisches Museum in München

Dario N. wurde Ende Oktober bei einem Angriff auf die israelische Botschaft in Belgrad erschossen. Nur drei Monate zuvor war er aus Deutschland abgeschoben worden

 03.11.2026

Iran

Mullah-Regime richtet zwei Demonstranten hin

Die Männer hatten Anfang des Jahres an den blutig niedergeschlagenen Protesten teilgenommen

 03.11.2026

Midterm-Wahlen

Wird US-Präsident Trump zur lahmen Ente?

Für Donald Trump wird es eine Schicksalswahl: Heute wählt Amerika einen neuen Kongress. Sollten die Demokraten gewinnen, könnte Trump nur noch per Dekret regieren

 03.11.2026

Iran-Krieg

US-Armee greift Insel Gheschm an

Vor den Kongress-Wahlen am Dienstag haben US-Kampfflugzeuge eine Stellung der Revolutionsgarden attackiert

 03.11.2026

Staatsangehörigkeit

170.000 Anträge von NS-Verfolgten und Nachfahren auf Einbürgerung

Immer mehr Menschen beantragen die deutsche Staatsbürgerschaft über die sogenannte Wiedergutmachungs-Einbürgerung - fast die Hälfte der Anträge kommen aus Israel

 03.11.2026

München

20 Jahre Ohel-Jakob-Synagoge: Merz, Aigner und Söder beim Festakt

Am 9. November 2006 wurde die Synagoge Ohel Jakob eröffnet - als Zeichen für die Rückkehr jüdischen Lebens ins Herz Münchens. Den 20. Jahrestag feiert die Kultusgemeinde mit einem Festakt. Erwartet werden prominente Gäste, etwa Bundeskanzler Merz

 02.11.2026