Vorstellung

Die Symbolfigur

Manchmal missverständlich: Joachim Gauck Foto: dpa

Joachim Gauck sieht sich gerne als Lehrer. Die Vorstellung, er leite andere Menschen an, findet sich oft, wenn es um den künftigen Bundespräsidenten geht. »Reisender Politiklehrer« hat Gauck sich jüngst selbst genannt, Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht von ihm als einem »wahren Demokratielehrer«, ein Gauck-Gegner wie Erik Bruhn von der Occupy-Bewegung nennt ihn einen »arroganten Oberlehrer«.

Und sogar dem Taxifahrer, in dessen Auto er den Anruf der Kanzlerin erhielt, gab Gauck zu verstehen, wo es langgeht: »Sie fahren jetzt den neuen Bundespräsidenten. Wir müssen die Richtung ändern und direkt zum Bundeskanzleramt fahren.«

Leben Dabei war der Lehrerberuf in Gaucks Leben nie vorgesehen. Pastor, Behördenleiter oder Bundespräsident aber auch nicht. Jetzt richten sich viele Hoffnungen auf den Mann, der am 18. März Christian Wulff nachfolgen wird. Als Gauck 2010 erstmals kandidierte, sagte er auf die Frage der Jüdischen Allgemeinen, wie er jüdisches Leben fördern wolle: »Sie können davon ausgehen, dass ich diese Entwicklung auch weiterhin mit viel Interesse verfolge.« Die Antwort mutet bürokratisch an, aber Gaucks langjähriges Engagement im Verein »Gegen Vergessen – Für Demokratie« macht sie glaubwürdig.

1940 wurde Joachim Gauck in Rostock geboren. In seiner Autobiografie Winter im Sommer – Frühling im Herbst berichtet er, ein antistalinistisches Elternhaus habe ihn geprägt: Der Vater, der eigentlich Kapitän war, musste auf der Werft schuften und wurde wegen »antisowjetischer Hetze« nach Sibirien verschleppt. »Das Schicksal unseres Vaters wurde zur Erziehungskeule«, schreibt Gauck. »Die Pflicht zur unbedingten Loyalität gegenüber der Familie schloss auch die kleinste Form der Fraternisierung mit dem System aus. Das machen wir nicht, vermittelt uns die Mutter unmissverständlich.« Dass sie 1932, der Vater 1934 in die NSDAP eingetreten waren, wie der »Focus« herausfand, erwähnt er nicht.

Pastor Mitte der 60er-Jahre wurde Gauck evangelischer Pastor, ab Mitte der 70er wurde er von der DDR-Staatssicherheit überwacht. Offen oppositionell wurde er 1989, trat ins »Neue Forum« ein und organisierte Demonstrationen. Am 3. Oktober 1990 wurde er Chef der Stasi-Unterlagenbehörde, die bald nach ihm benannt wurde. Damit war Gauck zur »Symbolfigur deutscher Geschichtspolitik« geworden, wie der Publizist Karl D. Bredthauer analysiert – und in deren Zentrum steht die Denkfigur der zwei sehr ähnlichen Diktaturen, die auf deutschem Boden existierten.

Schon 1991 wurde Gauck von dem Journalisten Günter Gaus zu seinem Geschichtsverständnis befragt: Er wolle nicht Kommunismus mit Faschismus vergleichen, beteuerte Gauck, fügte aber hinzu: Illusionen über solche Regime dürfe man sich nicht machen, »das hatten wir in Deutschland schon einmal«. Kritik, die er sich mit solchen Äußerungen zuzog, perlte an ihm ab. Später lobte er den »Mut«, den Thilo Sarrazin bewiesen habe, auch wenn er an dessen Thesen kritisierte, er wolle »mit einem einzigen biologischen Schlüssel alles erklären«.

Ein Linker ist Gauck nicht, und die FAZ notiert, Grüne und SPD »werden noch zu spüren bekommen, dass Gaucks urbi et orbi vorgetragener Lobgesang auf die Freiheit eben keine Ode an die Gleichheit ist«.

vorbehalte In den Reihen der Grünen, die ihn nominiert haben, regt sich mittlerweile Unmut über den Kandidaten. Auch von Gewerkschaften, der Linkspartei und Migrantenverbänden sind Vorbehalte zu hören. Sogar in der Rostocker »Ostseezeitung«, die sich auf der ersten Seite freut, dass »einer von uns« nun Bundespräsident wird, haben etwa drei Viertel der Leser bei einer Online-Abstimmung gegen Gauck als Ehrenbürger votiert.

2006 warnte Gauck, dass »das Geschehen des deutschen Judenmordes in eine Einzigartigkeit überhöht wird«. Was sich liest wie eine Relativierung der Schoa, gilt Gauck im weiteren Kontext jedoch als Warnung, wonach eine »Entweltlichung des Holocausts« sein Verstehen verunmögliche.

Missverständliche Sätze finden sich bei Gauck öfter. 2008 etwa wirkte er an der »Prager Erklärung« mit, die den Jahrestag des Hitler-Stalin-Pakts für ein gemeinsames Gedenken an die totalitären Regime Europas nutzen wollte. Dem wegen Kontakten zu Vertretern der Neuen Rechten umstrittenen Studienzentrum Weikersheim diente Gauck als Referent.

Lob 1998 äußert er sich unklar über die Oder-Neiße-Grenze: Sie sei ein »Unrecht« an Einheimischen und Vertriebenen und von den regierenden Kommunisten 1950 noch zementiert worden. So erfährt Gauck nun ein Lob durch rechte Kreise. Die »Junge Freiheit« etwa freut sich: »Wir werden mit ihm positive Überraschungen erleben.«

Aktuell wünschen sich nach Umfragen satte 80 Prozent der Bundesbürger einen Bundespräsidenten Joachim Gauck, vor allem, weil ihm nachgesagt wird, klare Worte zu finden. Vielleicht wird der Mann, der sich gerne als Lehrer sieht, ja noch deutlicher.

Handelte es sich beim Nationalsozialismus um eine linke Ideologie?

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