Interview

»Die letzten Jahre in Würde leben«

Greg Schneider über das Abkommen zur Entschädigung von 80.000 Schoa-Überlebenden

von Martin Krauss  16.07.2012 18:29 Uhr

Greg Schneider Foto: PR

Greg Schneider über das Abkommen zur Entschädigung von 80.000 Schoa-Überlebenden

von Martin Krauss  16.07.2012 18:29 Uhr

Herr Schneider, die Claims Conference hat erreicht, dass 80.000 Schoa-Überlebende aus der Ex-UdSSR Entschädigungen erhalten. Was genau steht in dem Abkommen mit der Bundesregierung?
Mit der Neufassung des Abkommens werden die Verhandlungsergebnisse, die wir in über drei Jahrzehnten erreicht haben, neu strukturiert. So wurden die Beträge für Verfolgte in Ost und West angeglichen, und 80.000 NS-Opfer im früheren Ostblock, die bisher nicht entschädigt wurden, können jetzt jeweils 2.556 Euro erhalten.

Es heißt, dass dies erstmals erfolgt. Warum hat es so lange gedauert?
Die Entschädigung von NS-Opfern unterlag den Gegebenheiten des Kalten Krieges; Verfolgte im damaligen Ostblock waren ausgeschlossen. Das blieb auch so, wenn sie nach der Ausschlussfrist des Bundesentschädigungsgesetzes 1969 in den Westen gingen. Als im Zuge der Entspannungspolitik immer mehr Holocaust-Überlebende emigrierten, konnte die Claims Conference 1980 die Errichtung des Hardship Fund und 1992 des Artikel-2-Fonds für diese NS-Opfer erreichen. Laufende Beihilfen gab es für bestimmte Überlebende in Osteuropa erst ab 1998. Die große Masse der Verfolgten in Osteuropa blieb ohne Entschädigung.

Betrifft das nur Menschen, die jetzt in der früheren UdSSR leben oder auch Zuwanderer, etwa nach Deutschland?
Die Verhandlungsergebnisse betreffen vor allem in Osteuropa lebende Verfolgte. Sie erhalten endlich die Anerkennung, die ihre Leidensgenossen im Westen schon früher bekommen haben. Zusätzlich wurden die Kriterien für die laufenden Beihilfen liberalisiert. Diejenigen, die zwischen drei und elf Monaten in einem Ghetto oder zwischen sechs und elf Monaten auf besetztem Gebiet, im Versteck oder in der Illegalität waren und alle anderen Kriterien erfüllen, sind jetzt für eine laufende Beihilfe berechtigt. Dies betrifft auch Überlebende im Westen, also auch in Deutschland.

Was müssen Menschen, die anspruchsberechtigt sind, tun, um diese Leistungen zu erhalten?
Ab dem 1. November 2012 können jüdische NS-Verfolgte, größtenteils mit Wohnsitz in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, einen Antrag im Hardship Fund stellen. Antragsformulare werden in mehreren Sprachen zur Verfügung stehen. In vielen Ländern werden Mitarbeiter der Claims Conference die Überlebenden bei der Antragstellung unterstützen. Informationen sind auf www.claimscon.de abrufbar.

Welches sind Ihre nächsten Ziele?
Jeder Überlebende muss seine letzten Lebensjahre in Würde verbringen können. Für manche bedeutet dies eine laufende Beihilfe. Für andere heißt es, dass sie die benötigte häusliche Pflege erhalten. Die Claims Conference muss sicherstellen, dass nicht ein einziger betagter Überlebender allein gelassen wird.

Die Fragen an den Executive Vice President der Claims Conference stellte Martin Krauß.

Nationalsozialismus

Kein Schlussstrich

Historiker werden mit der Aufarbeitung der Geschichte des Bundespräsidialamtes beauftragt

von Julien Reitzenstein  02.04.2020

Corona

»Weiterhin als Gemeinschaft«

Jeremy Issacharoff über das Virus, bilaterale Maßnahmen und ein Pessach in Krisenzeiten

von Detlef David Kauschke  02.04.2020

Einspruch

In Verbindung bleiben

Boris Moshkovits über Vorzüge und Gefahren der sozialen Medien in Zeiten der Corona-Krise

von Boris Moshkovits  02.04.2020

Nachrichten

Razzia, Monsey, Terrorgruppe

Meldungen aus Politik

 02.04.2020

Schweden

»Einschränkungen hält man hier nicht für nötig«

Saskia Pantell über Schwedens Sorglosigkeit in der Corona-Krise, Skitouristen und Verantwortung

von Katharina Schmidt-Hirschfelder  30.03.2020

NS-Geschichte

»Die größte Lebenslüge der Bundesrepublik«

Antisemitismusforscher Samuel Salzborn: Schuldabwehr statt Aufarbeitung der Vergangenheit in Deutschland

von Leticia Witte  28.03.2020

Berlin

Israels Botschafter nach Coronavirus-Infektion genesen

Jeremy Issacharoff ist wieder gesund – Botschaft soll Montag geöffnet werden

 28.03.2020

Corona-Krise

Millionenspende für Schoa-Überlebende

Die Alfred-Landecker-Stiftung stellt insgesamt eine Million Euro als Notfallhilfe bereit

von Michael Thaidigsmann  27.03.2020

Nationalsozialismus

»Eine Zumutung nicht nur für Juden«

Immer noch sind Gesetze aus der NS-Zeit in Kraft – drei Bundespolitiker wollen, dass sich das ändert

 26.03.2020