Mizwa

Die gute Tat

Tikkun Olam: Wir sollen handeln, um eine bessere Welt zu schaffen. Foto: Thinkstock

Die Vorstellung Napoleons, ein Jude könne auch ein Citoyen sein, war vor 200 Jahren nicht nur für führende Kreise in Kirche und Staat eine Absurdität. Selbst viele Juden waren skeptisch. Für Napoleon sollte Judentum Privatsache sein, das höchstens zu Hause und in den Synagogen praktiziert würde.

Hierzulande sind wir aus der Sicht Napoleons vielerorts einen Schritt weiter: Selbst zu Hause ist man kaum noch Jude. Aus Napoleons Aufteilung der jüdischen Welt ist damit nur noch die Synagoge geblieben, und selbst da fühlt sich so mancher Jude fremd. Demnach sind wir auf dem Weg, den Napoleon (und nicht nur er) für die Juden vorsah: die völlige Assimilierung an die bürgerliche Gesellschaft.

citoyen Immerhin: In unseren Gemeinden ist man Jude unter Juden – und Citoyen dazu. Zudem kann man auch in einer zunehmend globalisierten Welt unter sich sein. Unter sich zu sein ist eine Sache. Eine andere Sache ist es, sich selbst jüdisch zu fühlen. Was ist es, das dieses Gefühl bestimmt? Für Sigmund Freud war das in seiner Selbstdarstellung (1925) etwas »Unheimliches«. Jeder Jude, egal wie religiös oder säkular, wird davon erfasst. Für Sigmund Freud, der sich selbst als »gottlosen Juden« sah, war das also unabhängig von der Religiosität.

Wie zum Beweis dafür stellen gerade die unterschiedlichen Gruppen religiöser Juden gegenseitig ihre Frömmigkeit infrage oder gar in Abrede – aber nie ihre Jüdischkeit an sich. Und gemeinsam ist ihnen, dass sie zusammen die Nichtreligiösen verurteilen. Umgekehrt herrscht bei den Nichtreligiösen nicht weniger Ablehnung den Religiösen gegenüber. Und alle zusammen können nicht einmal zufriedenstellend definieren, wer überhaupt Jude ist.

indikator Es gibt immerhin eine Art Indikator für Jüdischkeit: die Mizwot, also die Gebote und die Art ihrer Ausübung. Der Tradition zufolge gibt es 613 Mizwot – vom Hüten des Schabbats, dem Legen der Tefillin über die Gründung einer Familie, den Krankenbesuch, die finanzielle Hilfe für Bedürftige bis hin zu ganz einfachen Gesten der Nächstenliebe oder des Respekts gegenüber anderen. Hier sei konstatiert: Es sind oft die »gottlosen Juden« (Freud), die Mizwot vorbildlich und mit Hingabe ausüben. Diese Hingabe ist es, die sie jüdischer macht, als Napoleon es sich gewünscht hat.

Viele Juden wurden Anhänger von »Befreiern« wie Napoleon oder Marx und blieben doch Juden, selbst wenn sie das nicht wollten – vor allem, weil ihre Umwelt sie als Juden identifizierte. Marx selbst blieb dieses Schicksal auch nicht erspart. Eine solche Identifizierung von außen, die eben auch (und gerade) von Antisemitismus gespeist wird, kann in jeder Hinsicht nur als Negativum gewertet werden. Sie bildet eine Wahrheit von außen ab; wie ein Negativ. Auf dem Negativ erscheint Helles dunkel. Das eigentliche Bild entsteht erst in der Projektion.

gutmensch Die Geschichte der Juden wird begleitet von sich abwechselnden feindlichen Kräften, die ihre angeblich beste Absicht auf Juden projizierten. Was kein Napoleon, kein Marx und erst recht kein Gutmensch versteht: Wahre Befreiung, wahre Emanzipation kommt nie von außen. Von außen kommt höchstens Unglück, und das sprichwörtlich selten allein. Ins Positive gewendet, finden wir unter den »Sprüchen der Vorfahren« (Pirkej Awot) den Vers: »Eine Mizwa führt zu einer weiteren Mizwa« (Awot 4,2). Wird nun der Begriff »Mizwa« wie im Jiddischen weit gefasst als »gute Tat« verstanden, ergibt sich daraus im Umkehrschluss, dass ein Unglück von schlechten Taten herrührt und nicht von allein kommt.

So geht der eben zitierte Spruch weiter mit dem Umkehrschluss: »Sünde bringt weitere Sünde hervor«. Während das deutsche Sprichwort also Unglück als externes Phänomen sieht, liegt es für unsere Weisen in unserer Hand, ob wir Unglück herbeiführen oder eben die Welt um uns herum durch Mizwot verbessern. Schon die Tora fordert: »Wählt das Leben!« (5. Buch Mose 30,19). Unsere Handlungen wirken sich auf unsere Umwelt aus – also sollen wir handeln, um eine bessere Welt zu schaffen (»Tikkun Olam«)!

emanzipation Tora und Mischna fordern uns beide konsequent dazu auf, nicht passiv zu sein, sondern durch unsere Taten – durch Mizwot – die Welt um uns herum aktiv zu verbessern. Das ist wahre Emanzipation. Sie gilt für alle Juden, unabhängig von ihrer jeweiligen Religiosität. Nur durch Handlungen von innen nach außen ist eine positive jüdische Identität möglich. Nur sie haben die Kraft, eine Identität ex negativo ins Positive zu wenden.

Nur eine jüdische Identität, die von innen kommt, kann positiv sein. Diese Identität wirkt dann von innen nach außen statt umgekehrt. Deren Medium sind jüdische Handlungen. Schon vor Jahrtausenden haben unsere Weisen das erkannt und uns diese Erkenntnis mit auf den Weg gegeben. Jeder Jude, der eine noch so kleine Mizwa erfüllt, geht diesen Weg. Oft, ohne sich überhaupt dessen bewusst zu sein. Wahre Befreiung kann eben auch leise daherkommen. Von innen.

Der Autor ist Rabbiner der Budge‐Stiftung in Frankfurt/Main.

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