Interview

»Die Erinnerung verblasst nicht«

Marcel Reich-Ranicki Foto: cc

Herr Reich-Ranicki, am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus werden Sie morgen auf Einladung von Bundestagspräsident Norbert Lammert im Bundestag die Gedenkrede halten. Mit welchen Gefühlen blicken Sie dieser Aufgabe entgegen?
Es wird für mich sehr schwierig werden, vor das Plenum zu treten, um von dieser schrecklichen Zeit zu berichten. Ich weiß nicht, ob es mir gelingen wird, ob ich der Aufgabe gewachsen bin, noch einmal über das Schicksal der Juden im Warschauer Ghetto zu sprechen.

Im Alter, heißt es, kommen oft Erinnerungen an längst vergangene, scheinbar vergessene Erlebnisse wieder hoch. Wie stark ist die Zeit im Ghetto bei Ihnen heute im Alltag noch präsent?
Die Erinnerungen an damals verblassen nicht, im Gegenteil, sie werden stärker. Es vergeht bis heute kein Tag, an dem ich nicht daran denken muss. So etwas vergisst kein Mensch. Es war eine schreckliche, eine unvorstellbare Zeit. Sie können das alles in meiner Autobiografie »Mein Leben« nachlesen, ich habe darüber ausführlich geschrieben.

Die Gedenkstunde wird von einem Werk des polnisch-jüdischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg begleitet. Welchen Stellenwert hatte die Musik für Sie im Ghetto?
Die Musik hatte dort für die meisten Menschen eine große, ja eine beinahe existenzielle Bedeutung – so auch für mich. Es wurde von sehr vielen Gefangenen Musik gespielt und gehört, vor allem Werke aus dem 19. Jahrhundert. Ich erinnere mich an außerordentlich fähige, vor dem Krieg auch von Polen hoch geschätzte jüdische Musiker, die vor der Schoa im Orchester des polnischen Rundfunks und an der Oper gespielt hatten. Aber, mein Lieber, vergessen Sie mir nicht die Lyrik! Neben der Musik das Einzige im Ghetto, das mein Herz zu erreichen vermochte.

Warum gerade Lyrik?
Wer jederzeit von den Deutschen abtransportiert werden kann, findet keine Ruhe, Romane wie »Krieg und Frieden« oder »Anna Karenina« zu lesen. Wohl aber Gedichte. Jawohl, die Lyrik hatte einen starken Einfluss auf mich. Ich habe viele Gedichte gelesen in dieser Zeit – sowohl deutsche als auch polnische. Ich erinnere mich zum Beispiel sehr gut an Erich Kästners »Lyrische Hausapotheke« – ein ganz fabelhaftes Buch, das ich auch nach dem Krieg immer wieder zur Hand nahm.

Sie sind 1959 nach Deutschland gegangen. Würden Sie rückblickend sagen, dass dieser Entschluss richtig war?
Am liebsten wären wir nach dem Krieg in die Schweiz übergesiedelt. Aber wir hatten damals kein Geld, man hätte uns dort nicht aufgenommen. Ob es richtig war, nach Deutschland zu gehen und nicht etwa nach Israel oder in die USA? Darüber möchte ich hier und heute nicht sprechen. Ich habe keine Kraft mehr. Haben Sie Nachsicht mit mir. Ich bin ein alter Mann. Adieu.

Mit dem Literaturkritiker und Überlebenden des Warschauer Ghettos sprach Philipp Engel.

Entscheidung

Halberstädter Museum für jüdische Kultur wird weiter gefördert

Im Jahr 2001 wurde das Berend Lehmann Museum für jüdische Geschichte und Kultur in Halberstadt gegründet. Zum Museum gehören die frühere Mikwe sowie die Synagoge im ehemaligen rabbinischen Lehrhaus, der Klaus. Sie bekommen weiterhin eine Förderung.

 09.07.2026

Magdeburg

Was eine AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt ändern könnte

Von der Kündigung des Rundfunkstaatsvertrages bis hin zur Ängerungen von »Geschichte«-Lehrplänen: Was will die rechtsextremistische Partei im Falle eines Wahlsieges noch?

von Christopher Kissmann  09.07.2026

Frankfurt am Main

Becker fordert Verbot von Pro-Terror-Kundgebung, DIG initiiert Gegendemo

»Palästina darf sich wehren, auch mit Steinen und Gewehren«: Unter diesem Motto ruft eine Gruppierung zu einer Kundgebung auf. Auch die Grünen wollen die Versammlung untersagen

von Imanuel Marcus  09.07.2026

Antisemitismus

Chrupalla-Lob für Möllemann

DIG-Präsident Volker Beck übt heftige Kritik am Co-Chef der AfD

 09.07.2026

Humanitäre Hilfe

Israel weist Berichte über Versorgungsengpässe in Gaza zurück

Einem neuen Bericht zufolge sind seit der Waffenstillstandsvereinbarung vom Oktober 2025 1800 Millionen Tonnen an Lebensmitteln nach Gaza gelangt. Israel sagt, das sei mehr als vor dem Krieg

 09.07.2026

berlin

Strafbefehl gegen Hudhaifa Al-Mashhadani

Der Leiter einer säkularen Arabischschule in Neukölln soll einen Mordanschlag gegen sich erfunden haben

 09.07.2026

Genf

Bericht: UNESCO ehrte tote Terroristen als »Journalisten« – und korrigierte sich nie

Die UN-Unterorganisation soll die Fakten nie richtiggestellt haben, obwohl die Hamas und die Gruppe Islamischer Dschihad die Mitgliedschaften teils selbst öffentlich gemacht hatten

 09.07.2026

Freudenstadt

Waldorfschule bewarb Theaterstück »Der Geizhals« mit Hakennasen-Mann

In der Schule war niemandem aufgefallen, dass das mittlerweile entfernte Werbeposter eine antisemitische Bildsprache benutzt

 09.07.2026

Jerusalem/London

NGO Monitor: Ausländische Geldgeber finanzieren britische Anti-Israel-Protestbewegung

Mindestens elf der untersuchten Organisationen, die israelfeindliche Demonstrationen organisieren, sollen Verbindungen zu den Revolutionsgarden oder den Terrororganisationen Hamas und Hisbollah haben

 09.07.2026