Wehrhahn-Anschlag

Die Bombe von Düsseldorf

Im Sommer 2000 explodierte eine mit dem Sprengstoff TNT gefüllte Rohrbombe am Düsseldorfer Bahnhof Wehrhahn. Foto: imago

Der Sprengsatz war in einer Plastiktüte versteckt: Am 27. Juli 2000 gegen 15.04 Uhr explodiert am Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn eine Rohrbombe und richtet ein Blutbad an. Ein Metallsplitter durchbohrt ein Baby im Bauch seiner Mutter und tötet es. Unter den zehn Verletzten sind mehrere jüdische Einwanderer aus Osteuropa.

1500 Menschen wurden wegen des Wehrhahn-Anschlags befragt, mehr als 300 Spuren verfolgt, 450 Beweisstücke gesammelt.

Der damalige Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) spricht von einer »abscheulichen Tat«. In der Folgezeit schnellen die rechtsradikalen Straftaten in Deutschland in die Höhe. Der Ruf nach einem Verbot der NPD wird laut. 20 Jahre später ist immer noch unklar, wer die Bombe gelegt hat.

Freispruch Vor zwei Jahren wurde ein rechtsradikaler ehemaliger Militaria-Händler vom Düsseldorfer Landgericht freigesprochen. Den Richtern reichten die vielen Indizien nicht, die die Ermittler gegen ihn zusammengetragen hatten.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Rechtskräftig ist der Freispruch allerdings noch nicht. Die Staatsanwaltschaft hat Revision eingelegt, und über die wird demnächst der Bundesgerichtshof zu befinden haben, wenn ihm der Fall von der Bundesanwaltschaft vorgelegt wird.

1500 Menschen wurden wegen des Wehrhahn-Anschlags befragt, mehr als 300 Spuren verfolgt, 450 Beweisstücke gesammelt. Der Militaria-Händler, der in der Nähe wohnte, geriet schon bald ins Visier der Ermittler. Er wurde vernommen - und wieder frei gelassen.

Planung Jahre später gerät ein ehemaliger Leibwächter Osama bin Ladens unter Verdacht, als er zugibt, Anschläge auf Juden in Düsseldorf geplant zu haben. Doch der Islamist hat ein gutes Alibi: Er befand sich zur Tatzeit in einem Al-Kaida-Camp in Afghanistan.

Nach Bekanntwerden der Mordserie des NSU sind die Ermittler erneut elektrisiert, aber ein Umstand spricht sofort dagegen: Der Düsseldorfer Anschlag fehlt auf der Bekenner-DVD des NSU. Es lässt sich auch nicht ermitteln, ob das NSU-Trio zur Tatzeit in Düsseldorf war. Handfeste Beweise wie Fingerabdrücke oder DNA-Spuren waren durch die Hitze der Explosion buchstäblich verdampft.

Zwei Jahre nach dem Anschlag wird in einem Wohnmobil am Düsseldorfer Rheinufer Sprengstoff vom Typ TNT sichergestellt.

Dann gibt ein Gefangener in einem NRW-Gefängnis zu Protokoll, ein Mithäftling habe ihm gegenüber damit geprahlt, er habe »an einem Bahnhof Kanaken weggesprengt«. Der Mithäftling ist jener rechtsradikale Militaria-Händler, der bereits unmittelbar nach dem Anschlag in Verdacht geraten war und der inzwischen in anderer Sache hinter Gittern sitzt.

Wiederaufnahme Das bringt die Ermittlungen um den weltweit beachteten Bombenanschlag wieder in Gang. Akribisch tragen die Ermittler alle Details zusammen, die den inzwischen 54-Jährigen belasten: von seiner Tätowierung, die die Wewelsburg zeigt, die Kaderschmiede von SS-Chef Heinrich Himmler, bis zu zahlreichen Zeugenaussagen. Ex-Freundinnen des Verdächtigen sagen aus, er habe dunkle Ankündigungen gemacht. Die Bedienungsanleitung eines Fernzünders wird bei ihm gefunden.

Bei einem mitgehörten Telefonat äußert sich der Beschuldigte über das Baby, das bei dem Anschlag getötet worden war: Das sei doch »nur Abtreibung«, was er gemacht habe, sagte er – und verbesserte sich dann: »gemacht haben soll«. Kurz nach dem Anschlag soll er zudem einen stadtbekannten Neonazi angerufen und ihn – vergeblich – um ein Alibi gebeten haben.

Am Tatort habe ein dunkles Auto geparkt – darin hätten die wahren Täter gesessen – behauptet der Verdächtige, der zur Tatzeit ja gar nicht am Tatort gewesen sein will.

Sprachschüler Der Verdächtige beteuert, zu Hause gewesen zu sein, als die Bombe unweit seiner Wohnung ferngezündet wird – just in dem Moment, in dem die Gruppe Sprachschüler die Stelle passiert.

Wie denn sein Hund auf den Knall der Explosion reagiert habe, wollte ein Ermittler daraufhin von ihm wissen. Wie er das denn wissen solle, der »war doch zu Hause«, entgegnete der Verdächtige – aus Sicht der Ermittler hatte er sich damit ein weiteres Mal verraten.

Zwei Jahre nach dem Anschlag wird in einem Wohnmobil am Düsseldorfer Rheinufer Sprengstoff vom Typ TNT sichergestellt – und eine Schachtel für sechs elektronische Zünder – ein Zünder fehlt. Es ist das Wohnmobil eines Bekannten des verdächtigen Militaria-Händlers.

Die Bedienungsanleitung für genau jenen Zünder fand sich nach dem Anschlag in seiner Wohnung. Bei dem Versuch, dies zu erklären, verstrickt sich der Verdächtige in Unwahrheiten und Widersprüche.

Beweislast Die Staatsanwaltschaft spricht von einer »erdrückenden Beweislast«. Wegen zwölffachen Mordversuchs muss der Rechtsradikale vor Gericht. Doch dort bestreitet er seine Täterschaft weiter hartnäckig – und das mit Erfolg.

Eine Ex-Freundin, sagt aus, die Rohrbombe in dessen Küche gesehen zu haben. Der Polizei sagte sie auch, er habe die Tat angekündigt: »Ich werd‘ die hochjagen.« Doch im Prozess ist sie sich nicht mehr so sicher, was die Ankündigung angeht.

Der Mithäftling, dem er die Tat gestanden haben soll, ist wegen Betrugs vorbestraft. Verteidiger Olaf Heuvens argumentiert erfolgreich, er könne es auf die hohe Belohnung abgesehen haben. Die Ermittler haben Hinweise dafür, dass der Angeklagte Beweise in einem Erddepot versteckt hält. Doch gefunden wird es nicht.

Zwar räumte der Vorsitzende Richter Rainer Drees ein, dass der Mann, den eine Zeugin am Tatort auf einem Stromkasten sitzen sah und der nach der Explosion verschwand, dem Angeklagten ähnelte. »Die Ähnlichkeit belastet den Angeklagten am stärksten«, stellte Drees fest.

Fremdenhass Für eine Verurteilung reiche dies aber nicht, auch wenn der Fremdenhass des Angeklagten gut belegt sei. Die Hauptbelastungszeugen hätten sich in Widersprüche verwickelt, konstatiert der Richter.

Der Präsident des Zentralrats der Juden zeigte sich über den Freispruch bestürzt. Sollte der Bundesgerichtshof das Urteil aufheben, müsste der 54-Jährige erneut vor Gericht. Sollte er es bestätigen, dürfte es unwahrscheinlich sein, dass der Anschlag jemals aufgeklärt wird. Vor einigen Wochen wurde am Tatort eine Gedenktafel angebracht.

Washington D.C.

US-Justizministerium gründet Beratungsgremium gegen Judenhass

Der amtierende Justizminister Todd Blanche: »Präsident Trump hat die Bekämpfung des Antisemitismus zu einer obersten Priorität dieser Regierung gemacht.«

 21.05.2026

Andrews Air Force Base

Trump: »Netanjahu wird alles tun, was ich verlange«

Vor der Aussage des US-Präsidenten soll er mit dem israelischen Ministerpräsidenten ein längeres und angespanntes Gespräch über den weiteren Umgang mit dem Iran-Krieg geführt haben

 21.05.2026

Washington D.C.

USA drohen palästinensischen UNO-Vertretern mit Visa-Entzug

In einem internen Schreiben des US-Außenministeriums heißt es, die Kandidatur des UN-Botschafters Riyad Mansour für einen Vizepräsidentenposten der UN-Generalversammlung »schüre Spannungen«

 21.05.2026

Prag

Tschechien stellt sich bei Israel-Sanktionsdebatte gegen EU-Linie

Nach einem Gespräch mit seinem israelischen Kollegen Sa’ar sagt Außenminister Macinka: »Wir werden keine weiteren Handelssanktionen zulassen, selbst wenn wir sie als einzelnes Land blockieren müssen.«

 21.05.2026

Washington D.C.

USA streichen Francesca Albanese von Sanktionsliste

Ein Bundesrichter hatte zuvor die Sanktionen vorläufig ausgesetzt und erklärt, die Regierung habe gegen das Recht auf freie Meinungsäußerung verstoßen

 21.05.2026

Berlin/Tel Aviv

Wadephul zu Video von Ben-Gvir: »unsägliches Verhalten«

Der rechtsextreme Polizeiminister in Israel postet ein Video, das eine Welle von scharfem Protest auslöst. Auch Deutschland kritisiert das Verhalten

 21.05.2026

Stuttgart

Prozess um Palästina-Aktivisten: Angeklagte in Saal getragen

Am dritten Verhandlungstag weigern sich die Angeklagten erneut, hinter dem Sicherheitsglas Platz zu nehmen – und werden von Justizbeamten in den Saal getragen

 20.05.2026

Interreligiöser Dialog

Evangelische Kirche und Zentralrat der Juden wollen mehr Austausch

Evangelische Kirche und Zentralrat der Juden wollen sich intensiver austauschen. Am Mittwoch kamen Delegationen in Berlin zusammen, um einen festen Turnus festzulegen

 20.05.2026

Köln

Verfassungsschutz darf »Jüdische Stimme« als extremistisch einstufen

Der Verein hetze »kontinuierlich gegen den Staat Israel«, urteilte das Verwaltungsgericht Köln – und entschied anders als zuvor Berliner Richter

 20.05.2026