Antisemitismusbeauftragter

»Die Abwehr ist groß«

Samuel Salzborn Foto: Maria Ugoljew

Antisemitismusbeauftragter

»Die Abwehr ist groß«

Samuel Salzborn über seinen Wechsel in die Politik und Ziele im Kampf gegen Judenhass

von Maria Ugoljew  06.08.2020 09:04 Uhr

Herr Salzborn, Sie gelten als ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der Antisemitismusforschung, nun sind Sie Berliner Antisemitismusbeauftragter. Warum Ihr Wechsel von der Wissenschaft in die Politik?
Wir wissen aus der Antisemitismusforschung viel über Entstehungsbedingungen von Antisemitismus und auch potenziell erfolgversprechende Wege seiner Bekämpfung. Ich sehe es als große Herausforderung, mit diesem wissenschaftlich fundierten Wissen zu versuchen, die praktischen Bemühungen, die es in Berlin ja schon lange gibt, weiter zu stärken und auszubauen. Und ich erhoffe mir, einen Beitrag zur weiteren Verbesserung der Beziehungen zwischen jüdischen Organisationen, allen, die an der Bekämpfung von Antisemitismus interessiert sind, und dem Berliner Senat leisten zu können.

Warum braucht Berlin einen Antisemitismusbeauftragten?
Antisemitismus ist eines der zentralsten Probleme der deutschen Gesellschaft. Zugleich ist die Abwehr gegen eine Befassung mit Antisemitismus gesellschaftlich nach wie vor groß. So lange das so ist, bedarf es aller politischen Bemühungen im Kampf gegen Antisemitismus – in Berlin, aber auch in jedem anderen Teil der Republik.

Was wollen Sie in Ihrem Amt erreichen?
Mein langfristiges Ziel ist es, die drei Säulen Prävention, Intervention, Repression stärker miteinander zu integrieren, jüdisches Leben in der Berliner Stadtkultur wieder völlig selbstverständlich zu machen und das stark erodierte Sicherheitsgefühl bei Jüdinnen und Juden wiederherzustellen. Kurzfristig werden wir aber leider immer wieder auf Antisemitismus reagieren müssen, da Antisemiten – online wie offline – gegenwärtig sehr offen, aggressiv und gewaltaffin agieren.

Sie befassen sich mit dem Thema Antisemitismus seit vielen Jahren. Woher rührt Ihr starkes Interesse daran?
Aus einer massiven gesellschaftlichen Ignoranz, die ich bereits als Jugendlicher während meiner politischen Sozialisation in den frühen 90er-Jahren kennenlernte und die mich bis heute irritiert und ärgert: die Ignoranz gegenüber Antisemitismus, der verharmlost, nivelliert, bagatellisiert oder geleugnet wird.

Warum ist Judenfeindschaft noch immer ein Problem in der deutschen Gesellschaft?
Der Schlüssel hierfür ist die jahrzehntelange Tradierung der Erinnerungsabwehr und der Täter-Opfer-Umkehr. Während sich politisch hier seit den späten 90er-Jahren einiges verändert hat, ist die Erinnerungs- und Schuldabwehr und damit der Antisemitismus in der Bevölkerung bis heute lange tradiert. Der Glaube, es habe eine tatsächliche Aufarbeitung der NS-Vergangenheit gegeben, ist leider Illusion einer marginalen Minderheit der Gesellschaft, die an sie glaubt, weil sie für sie persönlich gilt. Wenn wir ehrlich sind, stehen wir nach wie vor ganz am Anfang einer wirklichen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit.

Mit dem neuen Berliner Antisemitismusbeauftragten sprach Maria Ugoljew.

Kommentar

250 Gründe, die USA zu lieben

Am 4. Juli 1776 wurden die Vereinigten Staaten gegründet. Eine etwas andere Liebeserklärung

von Imanuel Marcus  04.07.2026

Parteien

AfD-Chefin Alice Weidel äußert sich zu möglichen Koalitionen mit der CDU

Wie hält es die rechtsextreme Partei ihrerseits mit einer Annäherung an die Union?

 04.07.2026

Parteitag

AfD bestätigt Führungsduo – Chrupalla verliert an Rückhalt

Die AfD hat ihr Spitzenduo Weidel-Chrupalla wiedergewählt. Chrupalla muss allerdings Federn lassen. In der zweiten Reihe gibt es neue Gesichter

von Anne-Beatrice Clasmann  04.07.2026

Essay

Die Sprache der AfD

Gewalt, NS-Bezüge und Antisemitismus: Wie die rechtsextreme Partei auch rhetorisch die Grenzen verschiebt. Eine linguistische Analyse

von Deborah Kämper  04.07.2026

Thüringen

Mehr als 30.000 Menschen protestieren gegen AfD-Parteitag

Trotz Blockaden bleibt die Stimmung meist friedlich – doch es gibt auch Zwischenfälle mit Pyrotechnik und Flaschenwürfen

von Simone Rothe  04.07.2026

Wien

Antisemitismus am Denkmal für einen Antisemiten

Ausgerechnet am umstrittenen Denkmal für den einstigen Wiener Bürgermeister Karl Lueger ist es zu einem judenfeindlichen Eklat gekommen

 03.07.2026

Lettland

Deutsche Städte gedenken der nach Riga deportierten Juden

1941/42 wurden mehr als 25.000 Juden aus Deutschland und Österreich zur Vernichtung in die lettische Hauptstadt deportiert. Daran gedachten nun Vertreter aus 30 deutschen Städten

 03.07.2026

Karlsruhe

Waffen für Hamas? Verdächtiger nach Deutschland überstellt

Seit Monaten geht die Bundesanwaltschaft gegen mutmaßliche Hamas-Anhänger vor, die Waffen für die Organisation geschmuggelt haben soll. Ein weiterer Beschuldigter ist jetzt in deutscher U-Haft

 03.07.2026

Iran

Wollte Israel iranische Unterhändler töten?

Wie die »New York Times« berichtet, fürchtete die Trump-Administration bei den Iran-Verhandlungen die gezielte Tötung der iranischen Delegierten Abbas Araghchi und Mohammad Bagher Ghalibaf durch Israel

 03.07.2026