Migration

Deutsch wie wir

Bunte Republik: Deutschland ist unter den Staaten der EU das beliebteste Zielland von Einwanderern. Foto: Thinkstock

Die Bundesregierung ist stolz. Denn glaubt man ihrem kürzlich beschlossenen Migrationsbericht, ist Deutschland bei Zuwanderern äußerst beliebt. Ganze 980.000 zog es im Jahre 2011 nach Deutschland. Das waren mehr als nach Großbritannien, das auf Platz 2 landete. Im Berliner Regierungsviertel hört man die Korken knallen: Die Integrationsstaatsministerin Maria Böhmer kürt Deutschland zu einem Einwanderungsland. Die Hoffnung ist wohl, dass hier, wie im Fußball, der Sieg über England bei den Bürgern gut ankommt. Jedenfalls viel besser, als wenn die Ministerin die Bezeichnung »Einwanderungsland« in einer Problemschule in Neukölln verkünden würde.

Die Ausrufung der Einwanderungsrepublik durch die langjährige Integrationsrevoluzzerin Böhmer kommt zwar geschätzte 20 Jahre zu spät, ist aber jetzt nötiger denn je. Denn im Hintergrund rasseln schon die Parteifreunde von Böhmer mit Themenvorschlägen für den nahenden Wahlkampf: CDU-Fraktionsvorsitzender Kauder und Innenminister Friedrich sind klar gegen die doppelte Staatsbürgerschaft. Ihnen eifert der sozialdemokratische Bald-Politrentner Buschkowsky nach. Auf seine eigene Frage, wozu »ein normaler Mensch« wohl eigentlich zwei Pässe brauche, antwortet er selbst: um Sozialsysteme zu missbrauchen und Verbrechen zu begehen.

dauerzustand Und so versucht die Integrationsministerin eilig und verzweifelt, vollendete Tatsachen zu schaffen, die keine sind. Denn Deutschland bleibt weiterhin auch als Einwanderungsland unvollendet. Unvollendet deswegen, weil unsere Gesellschaft immer noch mit der Tatsache hadert, dass Vielfalt ein Dauerzustand bleibt, dass ein Wladimir Kaminer hier nicht auf Durchreise ist, dass der Vizekanzler dieser Bundesrepublik aus vielerlei Gründen nervt, aber nicht, weil er »anders« aussieht, dass ein Küf Kaufmann trotz russischem Akzent ein Deutscher ist wie Konrad Adenauer, Johann Wolfgang von Goethe oder Cem Özdemir.

Wir sind ein unvollendetes Einwanderungsland, solange Vielfalt mit Wirtschaftlichkeit erklärt werden muss: »Wir sind ein Einwanderungsland«, sagt Böhmer, »und das ist auch gut so. Wir brauchen Fachkräfte.« Fachkräftemangel als Grund für Vielfalt? Die Vielfalt als gegeben hinzunehmen und nicht als gekauft oder ausgeliehen – das würde unser Einwanderungsland vollendet machen. Doch da sind wir noch lange nicht.

duktus Der selbstgefällige Duktus der deutschen Politik ist auch aus einem anderen Grund fehl am Platz: Zu gering ist der eigene Anteil der Politiker am angeblichen Migrationswunder. Das ursprüngliche Modell einer Blue-Card-Zuwanderung bleibt ein Trauerspiel. Die neuerlichen Bemühungen, Zuwanderungsregeln für qualifizierte Mitarbeiter zu lockern, prallen ab an der Weigerung der deutschen Unternehmer, die eigene Einstellungspraxis zu überdenken, Kompromisse einzugehen und attraktive Bedingungen für Migranten zu schaffen.

Und so bleibt festzuhalten, dass die wahren Urheber der gestiegenen Anziehungskraft der Bundesrepublik nicht unter Berliner Politikern zu suchen sind. Das angebliche Einwanderungswunder haben wir stattdessen zweierlei Umständen zu verdanken: der europäischen Krise sowie der Europäischen Union. Erstere setzt zahlreiche Menschen unter unglaublichen wirtschaftlichen Druck, Letztere ermöglicht ihnen, unbürokratisch auf die verbleibende Stabilitätsinsel Deutschland zu flüchten.

Menschen von außerhalb der EU hingegen profitieren davon nicht. Der neueste OECD-Bericht belegt es schwarz auf weiß: Wenn es um hoch- und mittelqualifizierte Kräfte ohne EU-Pass geht, hinkt Deutschland Ländern wie England und Dänemark hinterher. Experten nennen die verkrustete Unternehmenskultur als Problem, die es Menschen, die etwa nur Englisch sprechen, immer noch schwer macht, in der deutschen Wirtschaft, geschweige denn auf deutschen Ämtern und Behörden anzukommen.

kampagnen Gezielte Anwerbemaßnahmen im Ausland, aber auch Kampagnen zur Verbesserung der Bedingungen für Zuwanderer und ihre Familien in Deutschland lassen auf sich warten. Hinzu kommt das weiterhin herrschende Chaos um die Anerkennung von Qualifizierungsabschlüssen für die Zuwanderer und um Schulabschlüsse für ihre Kinder.

Und es bleiben noch diese anderen lästigen Probleme – die Neonazis hier, die national befreiten Zonen da. Die Schlagzeilen über den Terror der NSU und das Versagen der Behörden tun ihr Übriges. Und dann kommen noch die Pläne der Regierungspartei CDU/CSU, den kommenden Wahlkampf mit der Hetze gegen die doppelte Staatsbürgerschaft zu bestreiten. Aber das Thema hatten wir ja schon: oben in diesem Text und in Hessen im Jahre 1999. Damals hat es der Ministerpräsident Koch versucht. Ach ja, was macht Roland Koch eigentlich heute? Weiß kaum jemand. Wir wissen aber ganz genau, was Wladimir Kaminer tut. Er schreibt und legt weiterhin auf. Und denkt nicht an Ausreise. Und das ist auch gut so.

Bundestag

Merz über Iran-Krieg: »Wir hätten abgeraten«

Allen Aufforderungen des US-Präsidenten an die Europäer zum Trotz bleibt Kanzler Merz in Sachen Iran-Krieg hart. Vor dem EU-Gipfel in Brüssel setzt er auf mehr europäisches Selbstbewusstsein

 18.03.2026

Suchmaschine

USA ermöglichen Recherche zu Nazis in der eigenen Familie

War der eigene Opa ein Nazi? Diese Frage kann nun über das US-Nationalarchiv beantwortet werden. Erstmals wurden die überlieferten Mitgliedskarteien der NSDAP vollständig ins Netz gestellt

von Sabina Crisan, Marc Fleischmann  18.03.2026

Interview

»Teil der iranischen Militärstrategie«

Die jüdische Gemeinschaft wird von einer weltweiten Serie von Terroranschlägen erschüttert. Der Experte Hans-Jakob Schindler erklärt, was das mit der hybriden Kriegsführung des iranischen Mullah-Regimes zu tun hat

von Ninve Ermagan  18.03.2026

Meinung

Was im Iran-Krieg bisher erreicht wurde

Israelis und Amerikaner können durchaus schon militärische Erfolge gegen den Iran vorweisen. Das Mullah-Regime wird definitiv schwächer aus diesem Konflikt herauskommen, als es hineingegangen ist

von Sima Shine  18.03.2026

Literatur

Als die Donau durch Kakanien floss

Zur Leipziger Buchmesse: Eine (jüdische) Vision für ein Europa der Regionen, Religionen und der Vielfalt

von Awi Blumenfeld  18.03.2026

Judenhass

Erneute Antisemitismus-Skandale bei der Deutschen Welle

Medienberichten zufolge haben zwei arabische Mitarbeiter des deutschen Auslandssenders in den sozialen Netzwerken Hassposts über Israel verbreitet

 18.03.2026

Meinung

Die Hertie School ist eine seltene Ausnahme

An der privaten Hochschule wurde die Studierendenvertretung für eine Pro-BDS-Resolution abgestraft. Das ist ein wichtiges Signal. Doch das Problem des Antisemitismus an deutschen Universitäten reicht viel weiter

von Ron Dekel  18.03.2026

Teheran

Irans Geheimdienst geht gegen Opposition vor

Der iranische Geheimdienst berichtet von Festnahmen. Auch Schusswaffen und Satelliten-Internetgeräte sollen sichergestellt worden sein

 18.03.2026

Krieg gegen das Mullah-Regime

Irans Außenminister: System besteht trotz gezielter Tötungen weiter

Wird der Iran durch die Tötung des obersten Führers oder von Spitzenfunktionären geschwächt? Außenminister Araghtschi bestreitet das und meint, etwas anderes sei wichtiger

 18.03.2026