Zukunft

Deus ex Machina

Foto: Getty Images

Die »Consumer Electronics Show« in Las Vegas rückte der Welt soeben einmal mehr ins Bewusstsein, wie leistungsfähig computergestützte Systeme inzwischen geworden sind. In diesem Jahr machen Lösungen auf Basis des »Machine Learning« besonders von sich reden. Da man heute in einem Smartphone mobil über die Rechenleistung verfügen kann, die vor 30 Jahren noch Supercomputern vorbehalten war, scheint nichts mehr unmöglich.

Schon vor Jahren nahm Deep Blue dem Menschen die Schachkrone. Unterdessen besiegte AlphaGo die besten Go-Spieler der Welt. Der Künstlichen Intelligenz scheint die Zukunft zu gehören. Wann, fragt sich mancher, werden uns die Maschinen auf breiter Front überflügeln? Darf man es so weit kommen lassen? Oder ist es gar nicht so, dass Maschinen wirklich denken können?

wissenschaft Tatsächlich ist die Wissenschaft vom Begriff der Künstlichen Intelligenz längst abgerückt. So beeindruckend die Leistungen von Deep Blue oder AlphaGo auch erscheinen mögen, um Intelligenz handelt es sich nicht, sondern um Mustererkennung, gepaart mit Regelwerken und der Möglichkeit, sehr viele Optionen in kurzer Zeit durchprobieren und bewerten zu können. Dabei existieren diese Systeme nur in der Welt des Problems, das sie lösen sollen.

Nehmen wir als Beispiel ein Schachprogramm. Dessen Welt besteht aus acht mal acht Feldern, zwei Sets von Figuren und einem Regelwerk, wie sich diese Figuren bewegen dürfen und welche Bewertung eine bestimmte Stellung dieser Figuren hat. Soll das Programm den besten nächsten Zug ermitteln, probiert es alle möglichen Züge, ermittelt den Wert der resultierenden Stellung und wiederholt das Ganze für sich und den Gegner für so viele Züge im Voraus, wie es sinnvoll und möglich ist. Dann entscheidet es sich für den Zug mit den besten Siegaussichten. Das Spiel eines solchen Programms mag uns kreativ erscheinen. Tatsächlich handelt es sich nur um mathematische Folgerichtigkeit.

Die meisten lernfähigen Systeme bestehen heute aus neuronalen Netzwerken. Deren Funktion ist angelehnt an die der Neuronen und Synapsen im menschlichen Gehirn. Die Unterschiede sind jedoch gravierend. Während im Gehirn Milliarden von Neuronen gleichzeitig feuern, erfolgt in Programmen die Verarbeitung sequenziell. Während Zeit in der Signalverarbeitung im Gehirn eine fundamentale Rolle spielt, haben neuronale Netzwerke keinen Begriff von Zeit. Und schließlich erzeugen solche Netzwerke bei gleicher Eingabe die gleiche Ausgabe, wohingegen unser Gehirn ein unscharfes System ist, das auf »gleiche« Reize unterschiedlich reagieren kann.

talmud In naher Zukunft dürfte es kaum geschehen, dass Computer an die Leistungsfähigkeit in der Parallelverarbeitung und an die Funktionsweise des menschlichen Gehirns heranreichen. Nehmen wir aber dennoch an, dass es geschieht. Denn dann wird die Frage aus weltanschaulicher Sicht interessant. Der Talmud (Sanhedrin 65b) bescheinigt dem Menschen die Fähigkeit, ganze Welten zu erschaffen, inklusive Leben.

Der Maharscha, Rabbi Schmuel Eideles, schränkt ein, dass diese Schöpfungen jedoch über keine Seele verfügen. Während ein Atheist also annehmen mag, dass die rein quantitativen Voraussetzungen in ei­ne neue Qualität, nämlich die einer sich selbst bewussten, denkenden Maschine, umschlagen können, müsste man dies aus jüdischer Sicht verneinen. Dies aber wäre die Voraussetzung für freien Willen. Und den wiederum würde es brauchen, um die Herrschaft über die eigenen Schöpfer überhaupt anzustreben. Können wir also Entwarnung geben? Keineswegs. Die Gefahr liegt lediglich woanders.

Obwohl die Computersysteme nicht intelligent, es auch lange und womöglich nie sein werden, übertragen wir ihnen mehr und mehr Aufgaben, die intelligente, ja beseelte Entscheidungen erfordern. Auch hier zeigt ein Beispiel am ehesten, worum es geht.

unfall Triage-Probleme gehören zu den schwierigsten ethischen Fragestellungen: Wen soll man retten, wenn begrenzte Möglichkeiten die Rettung von Einzelnen nur auf Kosten anderer erlauben? Nehmen wir an, Sie werden Zeuge eines tragischen Unfalls: Eine Frau mit Kleinkind und ein Toragelehrter fallen von der Reling eines Schiffes ins Meer. Sie können nur einem Menschen helfen, aber wem?

Mit genau solchen Fragen müssen sich die Entwickler der Software für selbstfahrende Fahrzeuge auseinandersetzen. Kommt es nämlich auf der Straße zu einer Gefahrensituation, muss das Fahrzeug unmittelbar selbst entscheiden, was zu tun ist. Wenn ein Bus voller Schulkinder vor dem Absturz in eine Schlucht bewahrt werden kann, indem mein eigenes Fahrzeug ausweicht und abstürzt, ist das dann die richtige Entscheidung? Kann ein Leben wichtiger sein als ein anderes?

Der Talmud behandelt dieses schwierige Problem (Horayot 13a), und ich kann Ihnen versichern, dies ist keine erheiternde Lektüre. Was den hypothetischen Unfall auf See angeht, lautet die Priorisierung: der Gelehrte, die Frau und dann erst das Kind. Hätten Sie anders entschieden? Dumm nur, wenn Sie gar nicht mehr entscheiden dürfen, sondern nur noch der Gott aus der Maschine.

Der Autor ist Software-Architekt, Publizist und Schriftsteller.

Washington D.C.

FBI vereitelte Anschlagsplan auf Käfigkampf am Weißen Haus

Die Täter wollten unter anderem Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ermorden. Dabei hatte Netanjahu gar nicht an der Jubiläumsfeier teilgenommen

 17.06.2026

Berlin

Antisemitismus: Bundesverband Rias erfasst 8725 Vorfälle

Jüdinnen und Juden in Deutschland erleben seit Beginn des Gaza-Kriegs 2023 viel mehr Hass und Anfeindungen als zuvor. Das präge den Alltag, stellt das Netzwerk der Informations- und Meldestellen fest

 17.06.2026

Westjordanland

Huckabee widerspricht Trump: »Ohne Israel kein Amerika«

Zwischen dem amerikanischen Präsidenten und seinem eigenen Botschafter ist ein bemerkenswerter Widerspruch sichtbar geworden

 17.06.2026

Magdeburg

Juden in Sachsen-Anhalt: Lebendige Gemeinden und Antisemitismus

Nach dem antisemitischen Anschlag vom 9. Oktober 2019 in Halle (Saale) hat Sachsen-Anhalt 2020 ein Landesprogramm für jüdisches Leben beschlossen, um die jüdische Gemeinschaft zu fördern und zu schützen

 17.06.2026

Toronto

Polizei: Organisiertes Netzwerk für Angriffe auf Synagogen verantwortlich

Offenbar werden junge Menschen über verschlüsselte Kommunikationsdienste für Gewalttaten angeworben. Jüdische Organisationen fordern Ermittlungen gegen die Auftraggeber

 17.06.2026

Kommentar

Der Judenhass hat Platz genommen

Die neuen RIAS-Zahlen sind alarmierend. Und sie zeigen einmal mehr eindrücklich: Antisemitismus ist kein Minderheitenproblem und ganz sicher nicht nur ein Judenproblem. Er ist ein Demokratieproblem

von Nelly Eliasberg  17.06.2026

Dokumentation

Das Abkommen zwischen den USA und dem Iran im Wortlaut

Der saudische Sender »Al Arabiya English« hat das Memorandum of Understanding zwischen Teheran und Washington veröffentlicht

 17.06.2026

Nahostkonflikt

Donald Trump lobt sich selbst - und tadelt Israel

Beim G7-Gipfel im französischen Evian holte der US-Präsident erneut zu einem rhetorischen Rundumschlag aus. Anstelle von Benjamin Netanjahu lobte er Syriens Präsident Ahmed Al-Scharaa

 16.06.2026

Berlin

YouGov-Umfrage: AfD neun Prozentpunkte vor der Union

Die Partei nähert sich in einer neuen Umfrage der 30-Prozent-Marke. Der Vorsprung auf die Union ist in der Erhebung so groß wie noch nie

 16.06.2026