Ethikrat

Der Tod kann warten

Selbst wenn der Tod unmittelbar bevorsteht, ist ein Mensch noch am Leben. Foto: Thinkstock

Auch Ärzten soll erlaubt sein, ihren Patienten zu helfen», sagt der CDU-Bundestagsabgeordnete und Pfarrer Peter Hintze. Wie kommt es, dass eine solche Selbstverständlichkeit zur Maxime der Politik erhoben werden soll, wenn sich der Bundestag diese Woche in einer Orientierungsdebatte mit dem Thema Sterbehilfe befasst? Die Antwort darauf kann wie in einer talmudischen Diskussion durch die Gegenposition gefunden werden. Diese fordert – nicht etwa vonseiten des Justizministers, sondern des Gesundheitsministers – eine Strafbarkeit von ärztlich assistierten Tötungen. Beiden Seiten geht es dabei – natürlich – um das Thema «Sterben in Würde».

Bei allem Respekt: Keine Partei, kein Ministerium, kein Parlament kann definieren, was «Sterben in Würde» ist. Statt über Suizidhilfe zu debattieren, wäre es hilfreicher, sich Gedanken über das Leben zu machen. Schließlich sterben wir alle so unterschiedlich, wie wir leben.

grenzen Die Rolle des Arztes sollte klar definiert sein: Er dient dem Leben. Der Tod ist kein medizinisches Versagen, wie zuweilen unterstellt wird. Medizin hat ihre Grenzen. Diese drohen nun, auf makabre Weise politisch verschoben zu werden. Zugleich wird das Thema unnötiger ärztlicher Eingriffe in der letzten Lebensphase tabuisiert. Beides ist miteinander verschränkt: die lebensverlängernden wie die lebensverkürzenden Maßnahmen. Sie sagen für sich nichts über die Lebensqualität aus.

«Gebt uns die Sterbenden», ruft verzweifelt Kardinal Marx in die Debatte. «Gebt uns die Lebenden», müsste da jeder zurückrufen. Jeder! Wir müssen uns alle fragen, wie wir leben wollen. Das macht eine Gesellschaft aus – und nicht die Frage, wie wir sterben wollen. Ein Sterbender ist in erster Linie auch ein Lebender.

Selbst wenn der Tod unmittelbar bevorsteht, ist ein Mensch noch am Leben. Solange er lebt, hängt seine Würde von seiner Lebensqualität ab – nicht von seinem Tod. Es gibt keine Alternative zum Leben, den Tod schon gar nicht; ejn Brejrah. Es gilt, zu jedem Zeitpunkt im Leben, auch in der letzten Phase, ein Höchstmaß an Lebensqualität zu sichern. Das ist, in aller Kürze, der Standpunkt des Judentums.

freitod Statt mit der Sinnhaftigkeit oder Strafbarkeit von «ärztlich assistiertem» Freitod – wie «frei» ist eigentlich ein «Freitod»? – sollte sich der Gesetzgeber mit der Frage auseinandersetzen, wie man Rahmenbedingungen schaffen kann, die dem Menschen die berechtigte Angst vor Pflegebedürftigkeit nehmen. Diese Angst ist real, und sie geht uns alle an: Wir sind irgendwann die Alten und Kranken, vor denen wir uns selbst in jüngeren Jahren gewarnt haben.

Dennoch wird in der Medizin vieles getan, was mit Leben und Lebensqualität nichts zu tun hat – gerade in der letzten Phase. Wenn diese unnötigen Eingriffe unterbleiben, liegt kein Herbeiführen des Todes vor. Die Praxis zeigt oft, dass sogenannte lebensverlängernde Maßnahmen nicht dem Leben dienen: Der Todeszeitpunkt wird lediglich hinausgezögert, der Sterbende leidet unnötig, seine Würde damit auch.

Im Umkehrschluss glauben viele Menschen, dass es ihrer Würde entspricht, selbstbestimmt den Zeitpunkt ihres Todes zu wählen. Beide Ansätze sind aus Sicht des Judentums falsch, denn beide haben den Tod im Fokus – und nicht das Leben. Genauso falsch sind dann auch medizinische Interventionen, die aufgrund solcher Ansätze vorgenommen werden.

abschied Nimmt man das Leben in den Fokus, so stellen sich ganz andere Fragen: Wie hat der Todkranke gelebt? Welche Werte haben sein Leben bestimmt? Was will er hinterlassen? Wie will er Abschied nehmen? Was ist ihm wichtig? Wer ist ihm wichtig? Fragen also, die das Leben betreffen, die sich nur mit dem Betroffenen und seinem Umfeld klären lassen. Es ist die Zeit vor dem Tod, die aufgewertet werden muss, nicht der Todeszeitpunkt.

Wir als Arzt und als Seelsorger erleben vieles gemeinsam, wenn wir uns für Todkranke Zeit nehmen. Wir lernen viel von ihnen. Nicht zuletzt damit stehen sie im Leben, leisten selbst in der letzten Lebensphase unbezahlbare Dienste für uns alle. Sie sind es, die uns überzeugt haben, in der Budge-Stiftung ein Pflegekonzept für Alters- und Palliativmedizin mit den Leitgedanken des Judentums zu verknüpfen. Das Ergebnis ist eine Medizin, die zuhört, bevor sie interveniert.

Um es noch einmal zu betonen: Die derzeitige Debatte hat eine ernste Schieflage, wenn der Tod im Fokus steht und es darum geht, ob ein Arzt «Suizidhilfe» leisten soll oder nicht. Die Vorstellung, ein solches Recht diene der Autonomie des Menschen, ist schlicht Aberglaube und damit aus Sicht des Judentums mit Götzendienst gleichzusetzen. Nach jüdischer Tradition ist jedes Herbeiführen des Todes unvereinbar mit unserem Glauben. Das Judentum bejaht das Leben und alles, was damit einhergeht.

Die Autoren sind ein Palliativmediziner und ein Rabbiner, die zusammen im Alten- und Pflegeheim der Budge-Stiftung in Frankfurt ein eigenes Palliativkonzept umsetzen.

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