»Deutsch meschugge«

»Der Hass kann weiter wachsen«

Rafael Seligmann Foto: Mike Minehan

»Deutsch meschugge«

»Der Hass kann weiter wachsen«

Rafael Seligmann über seinen neuen Roman, die Erfolge der AfD und was er nach seinem 70. Geburtstag plant

von Martin Krauss  09.10.2017 11:58 Uhr

Herr Seligmann, in Ihrem neuen Roman »Deutsch meschugge« erhält die Partei einer fiktiven Kanzlerin nur noch knapp 30 Prozent der Stimmen. Hat die Bundestagswahl Ihre Prognose bestätigt?
Zunächst: Es ist und bleibt ein Roman. Doch die Tendenz, dass ein Großteil der demokratischen Parteien in einen Modus der satten Selbstzufriedenheit verfallen ist, war seit Längerem unübersehbar. Dies war die Ausgangslage, als ich vor zwei Jahren mit der Niederschrift des Romans begann. Ich habe der rechtspopulistischen »Deutsch-Nationalen Mehrheitspartei« mit 27 Prozent nur den zweiten Platz zugeschrieben – in Sachsen ist die AfD bereits jetzt stärkste Kraft geworden.

Droht also noch mehr?

Wenn Angela Merkel jetzt erklärt, sie wisse nicht, was sie falsch gemacht hat, zeigt das, dass sie den Umbruch nicht begriffen hat. Es ist nun entscheidend, was die Mehrheit der Demokraten aus den veränderten politischen Verhältnissen macht. Wenn die Demokraten es vorziehen, nicht auf die Ängste der Menschen einzugehen, sehe ich die Gefahr, dass die
Ängste, der Hass, der Nationalismus der Unzufriedenen anwächst.

Als Option nach der Wahl wird eine Jamaika-Koalition gehandelt. Ist das sinnvoll?
Mit taktischen Spielchen ist der Umbruch nicht zu bewältigen – egal, ob man in einer erneuten Großen Koalition aus der SPD ihre letzte Eigenständigkeit presst oder es eine Jamaika-Koalition gibt. Wichtig ist: Wie gehen wir mit dem Komplex der Flüchtlinge um? Wir haben bis heute kein funktionierendes Zuwanderungsgesetz. Die Politiker sollten aus ihren Limousinen steigen, sich unter das Volk mischen und den Sorgen der Menschen lauschen.

Bei Ihnen geht es oft um das deutsch-jüdische Verhältnis. Wie ist es darum bestellt?
Seien wir ehrlich: 100.000 Juden unter 80 Millionen sind quantitativ betrachtet sehr wenig. Wir taugen vor allem als Seismograf. Wir reagieren besonders sensibel, wenn Demokratie oder Humanität bedroht werden. Es sähe ganz anders aus, wenn in diesem Land 500.000 Juden lebten. Die Möglichkeit gab es in den 90er-Jahren beim Kollaps der UdSSR. Die Deutschen haben sie nicht wahrgenommen. Diese Juden hätten sich leicht integriert und der Vielfalt der deutschen Gesellschaft geholfen. Tatsächlich aber spielt nur ein winziger Teil der Juden in der deutschen Politik und Gesellschaft eine Rolle.

Sie werden bald 70. Was planen Sie noch?

Ich stehe nicht morgens mit dem Gedanken auf, was ich heute für das deutsch-jüdische Verhältnis tun könnte. Ich will ein Buch schreiben, das sich mit dem Leben meiner Eltern, vor allem meines Vaters, beschäftigt: 1905 in Ichenhausen in Bayern geboren, nach 1933 nach Palästina geflohen und später zurückgekehrt. Und ich werde mich weiter um meine Zeitung kümmern, die »Jewish Voice from Germany«. Die hat sich in den vergangenen sechs Jahren prächtig entwickelt. Ich will nach meinem 70. Geburtstag beginnen, meine Nachfolge zu regeln.

Mit dem Schriftsteller und Publizisten sprach Martin Krauß.

Wien

EBU: Boykott hat keine Folgen für Finanzierung des ESC 2026

Der Gesangswettbewerb steht unter Druck. Die Boykott-Welle hat laut der Europäischen Rundfunkunion aber keine Auswirkungen auf dessen Finanzierung. Es werden aktuell rund 35 Staaten erwartet

 05.12.2025

Offenbach

Synagoge beschmiert, Kinder durch Graffiti eingeschüchtert

Rabbiner Mendel Gurewitz: »Ich war der Meinung, dass wir hier in Offenbach mehr Toleranz zwischen den unterschiedlichen Kulturen und Religionen haben als etwa in Frankfurt oder in anderen Städten.«

 05.12.2025

Gaza

Wie die Hamas Hilfsorganisationen gefügig machte

Einer Auswertung von »NGO Monitor« zufolge konnten ausländische Organisationen in Gaza nur Hilsprojekte durchführen, wenn sie sich der Kontrolle durch die Hamas unterwarfen

von Michael Thaidigsmann  05.12.2025

Washington D.C.

Trump plant Übergang in Phase II des Gaza-Abkommens

Der nächste große Schritt erfolgt dem Präsidenten zufolge schon bald. Ein »Friedensrat« soll noch vor Weihnachten präsentiert werden

 05.12.2025

Berlin

Linken-Chef empört über Merz-Reise zu Netanjahu

Jan van Aken regt sich darüber auf, dass er Bundeskanzler Ministerpräsident Netanjahu treffen wird

 05.12.2025

Köln

Trotz Kritik: Sophie von der Tann erhält Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis

»Keine Auszeichnung für Propaganda und Antisemitismus« steht während der Preisvergabe auf einem Transparent, das Demonstranten vor dem WDR-Funkhaus tragen

 05.12.2025

Genf

Entscheidung gefällt: Israel bleibt im Eurovision Song Contest

Eine Mehrheit der 56 Mitgliedsländer in der European Broadcasting Union stellte sich am Donnerstag gegen den Ausschluss Israels. Nun wollen Länder wie Irland, Spanien und die Niederlande den Musikwettbewerb boykottieren

von Michael Thaidigsmann  04.12.2025

Medien

»Die Kritik trifft mich, entbehrt aber jeder Grundlage«

Sophie von der Tann wird heute mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis geehrt. Bislang schwieg sie zur scharfen Kritik an ihrer Arbeit. Doch jetzt antwortete die ARD-Journalistin ihren Kritikern

 04.12.2025

Karlsruhe/München

Mutmaßlicher Huthi-Terrorist angeklagt

Ein Mann soll für die Terrororganisation im Jemen gekämpft haben. Deutschlands oberste Anklagebehörde will ihn vor Gericht sehen

 04.12.2025