Judenhass

Das Schweigen brechen

»Es ist nicht das erste Mal, aber es war einmal zu viel«: Gil Ofarim überlegte lange, ob er einen Vorfall in Leipzig publik machen sollte. Foto: imago images/Lumma Foto

München im August 2019: Einkauf auf dem Viktualienmarkt. In das bunte Treiben im Herzen der Stadt mischt sich eine lautstarke Gruppe von Fußballfans, die zu einem Spiel ihrer Mannschaft in die bayerische Landeshauptstadt gereist sind. Einer von ihnen grölt Naziparolen und antisemitische Sprüche: Hitler sei ein guter Mann gewesen; gut sei vor allem gewesen, was er mit den Juden gemacht habe.

Umstehende reagieren nicht, gehen weiter, tun so, als würden sie das alles nicht mitbekommen. Münchner, Touristen, Händler. Offensichtlich bin ich der Einzige, den das stört – und bringe den Vorfall zur Anzeige. Die Polizei reagiert schnell. Der Täter kann schon Stunden später ausgemacht werden.

prozess Anderthalb Jahre danach der Prozess: Die Anklage lautet auf Volksverhetzung. Doch bei der Verhandlung vor dem Landgericht München scheint es weniger um die Glaubwürdigkeit der Aussage des Täters als vielmehr um die Rechtfertigung meiner Anzeige zu gehen. Gibt es vielleicht andere Motive für die Anzeige? Will sich da jemand ins Licht der Öffentlichkeit drängeln, indem er laut »Antisemitismus!« ruft? Kann alles nicht auch ganz anders gewesen sein? Am Ende steht Aussage gegen Aussage. Der Täter wird von den anderen Fußballfans gedeckt. Das Verfahren endet mit einem Freispruch für den Angeklagten.

Zur unbefriedigenden Wahrheit gehört, dass Opfer antisemitischer Angriffe nach Gerichtsverhandlungen oft ratlos zurückzubleiben.

Es ist kein Einzelfall: So oder so ähnlich ergeht es vielen in Deutschland, die Opfer oder Zeuge eines antisemitischen Vorfalls werden. Sie erstatten Anzeige, doch aus Mangel an Beweisen werden die Verfahren wieder eingestellt. Konsequenzen? Fehlanzeige.

Nun soll dieser Leitartikel nicht denjenigen das Wort reden, die populistische Justizschelte betreiben. Zum Glück leben wir in einer Demokratie, rechtsstaatliche Verfahren müssen immer und überall gelten, im Zweifel für den Angeklagten. Doch zur unbefriedigenden Wahrheit gehört auch, dass Opfer antisemitischer Angriffe nach Gerichtsverhandlungen oft extrem ratlos zurückzubleiben. Immer mehr Betroffene schrecken davor zurück, über ihren Fall zu sprechen, wenn die Täter am Ende doch nicht bestraft werden. Die Folge: Bei künftigen antisemitischen Anfeindungen schlucken sie ihren Ärger herunter – und schweigen.

anzeige Zu ihnen gehörte bis Dienstag vergangener Woche auch der Sänger Gil Ofarim. Er überlegte lange, ob er einen gerade selbst erlebten Vorfall in Leipzig öffentlich machen sollte. Dann lud er auf seiner Instagram-Seite ein mittlerweile mehr als drei Millionen Mal abgerufenes Video hoch und erstattete Anzeige bei der Polizei. Er habe schon häufiger antisemitische Anfeindungen erlebt, bekennt er. »Es ist nicht das erste Mal, aber es war einmal zu viel.« Für sich persönlich hat er entschieden: »Man soll nicht mehr die Klappe halten.«

»Man soll nicht mehr die Klappe halten«, hat Gil Ofarim mittlerweile für sich entschieden.

In dem Video erhebt Ofarim schwere Anschuldigungen gegen das Westin Hotel Leipzig und einige seiner Mitarbeiter. Ein Angestellter habe ihn aufgefordert, seinen Davidstern, den er an einer Halskette trägt, abzunehmen, erst dann könne er einchecken. »Packen Sie Ihren Stern ein!«, soll der Hotelmitarbeiter gesagt haben. Viele standen dabei, niemand sei eingeschritten. »Keiner hat sich für mich eingesetzt«, beklagte Ofarim nachher.

Eine Welle öffentlicher Empörung und solidarischer Bekundungen war die Folge. Das ist gut. Gil Ofarims Prominenz ist es zu verdanken, dass der Fall eine derart große Aufmerksamkeit erfährt. Doch macht er genauso auch die vielen verstörenden Reaktionen sichtbar, die in der Regel folgen, wenn ein Jude auf Antisemitismus hinweist. Er habe sich zur Zielscheibe gemacht und werde nun bedroht, betont Ofarim. Ihn erreichen Nachrichten wie: »Bei der nächsten Säuberung bist du ganz vorne mit dabei, mein Freund«. Nach einem Auftritt war er jüngst auf Polizeischutz angewiesen.

twitter-republik Unterdessen wird in den hoch entzündlichen Nervenbahnen der Twitter-Republik geraunt, Ofarim habe sich all das doch bloß ausgedacht, um sein neues Album zu promoten, während die »Sächsische Zeitung«, das Leitmedium schlechthin in Sachsen, allen Ernstes feststellt, dass »die Debatte um Judenfeindlichkeit in Leipzig Gift ins Gesellschaftsklima träufelt«. Ebenfalls höchst befremdlich: Nach den Anschuldigungen Ofarims fiel dem Hotel nichts anderes ein, als die israelische Flagge und islamische Symbole auf ein Banner zu drucken.

Mehr Zivilcourage ist dringend geboten. Nicht länger zu schweigen, wenn sich jemand antisemitisch äußert.

Was also ist zu tun? Mehr Zivilcourage ist dringend geboten. Nicht länger zu schweigen, wenn sich jemand antisemitisch äußert. Hätte damals am Viktualienmarkt in München ein Zeuge Rückgrat gezeigt und den Fußballfan ebenfalls angezeigt, wäre der Sachverhalt vor Gericht ganz anders verhandelt worden. Und ganz sicher war Gil Ofarim nicht der einzige Gast in der Warteschlange im Hotel, der Zeuge der Anfeindungen wurde. Es ist ein Armutszeugnis, dass ihm in der konkreten Situation niemand zur Seite gesprungen ist.

»Fühlen Sie sich noch sicher, fühlen Sie sich noch wohl in diesem Land?«, wurde Gil Ofarim dieser Tage von Journalisten gefragt. Vielleicht dürfen wir stellvertretend antworten: Nein, sicher und wohl fühlen wir uns leider immer weniger »in diesem Land«, unserer Heimat. Allein in den vergangenen Wochen wurden Juden in Hamburg und Köln krankenhausreif geprügelt, am Wochenende wurde in Berlin ein junger Israeli mit Reizgas angegriffen, weil er ein IDF-Shirt trug.

Die bittere Realität ist: Äußerlich als Jude erkennbar zu sein, ist im Deutschland des Jahres 2021 ein Risiko. Wer das akzeptiert und dazu schweigt – wie die Mehrheitsgesellschaft am Münchner Viktualienmarkt oder in der Leipziger Hotelschlange –, macht sich mitschuldig.

engel@juedische-allgemeine.de

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