Einspruch

Das Leid der anderen

Gubilande Jean Michel ist 25, hat am Sonntag im völlig zerstörten Port-au-Prince ein Kind zur Welt gebracht und dem Neugeborenen den Namen Israel gegeben. Viel mehr ist über die junge Haitianerin nicht bekannt. Eines jedoch kann wohl als sicher gelten: Diese Frau wird den israelischen Ärzten, Hebammen und Pflegekräften des Feldlazaretts ewig dankbar sein. Sie haben die Mutter und ihr Baby vor dem Tod bewahrt. Ein kleines Zeichen der Hoffnung in Zeiten des Chaos und des Leids.

Wer auch nur ein Leben rettet, rettet die ganze Welt – diesen Talmudspruch versucht Israel nach dem verheerenden Erdbeben auf der Karibikinsel in tatkräftige Hilfe umzusetzen. Schnell, effizient, ohne großes Aufheben darum zu machen. Man kann es auch schlicht und ergreifend Mitmenschlichkeit nennen.

Aber ist das überhaupt vorstellbar? Eines der unbeliebtesten Länder dieser Welt eilt den zahllosen Opfern einer unfassbaren Naturkatastrophe zu Hilfe? Diese boshaften Kriegstreiber? Das sind doch die, die keine Gelegenheit auslassen, arme Palästinenser zu quälen, nicht wahr? Die stehen anderen selbstlos bei? Ja. Genau dies tut der jüdische Staat, auch wenn es die vielen Dauernörgler nicht wahrhaben wollen und es sie in ideologische Bredouille bringt. Israel ist eben nicht so teuflisch, wie oft und gerne behauptet wird. Auch in Tel Aviv, Herzlija und Haifa existiert die Bereitschaft, Not und Elend außerhalb der eigenen Grenzen zu bekämpfen.

Kritiker mögen einwenden, das Engagement des jüdischen Staates diene (wie das der »imperialistischen« USA) nur dem Streben nach mehr Einfluss, entspringe somit strategischem Kalkül, sprich Eigennutz. Doch so leicht lässt sich Wohltätigkeit nicht zerreden. Selbstverständlich ist Israels Einsatz interessengeleitet: Es geht darum, den Ärmsten der Armen zu helfen. Punkt. Was anderes sollte Jerusalem sonst antreiben, so fernab seiner eigenen Probleme? Und mit Verlaub: Haitis Verletzten, Traumatisierten und Obdachlosen ist es gleichgültig, von wem Zelte, Medikamente und Trinkwasser kommen. Hauptsache, sie kommen.

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