Terrorismus

»Das ist mein Land«

Dannebrog und Davidstern: Blumen und Fahnen vor der Kopenhagener Synagoge zum Gedenken an den ermordeten Wachmann Dan Uzan Foto: dpa

Juden gehören zu Dänemark.» Eindeutiger hätte das Bekenntnis der Ministerpräsidentin nicht ausfallen können: Helle Thorning-Schmidt fand nach dem Anschlag auf die Große Synagoge Kopenhagen vergangene Samstagnacht schon früh klare Worte.

Am Montagabend bekräftigte sie ihr Bekenntnis. In ganz Dänemark hatten sich Menschen mit Kerzen und Fackeln versammelt, um ihre Solidarität mit den Opfern zu bekunden, darunter mit der Familie von Dan Uzan (37). Der jüdische Wachmann hatte den Attentäter, einen 22-Jährigen mit palästinensischen Wurzeln, am Samstagabend daran gehindert, zu einer Batmizwa-Feier ins jüdische Gemeindehaus hinter der 180 Jahre alten Synagoge vorzudringen.

Auf der zentralen Gedenkveranstaltung in Kopenhagen, an der am Montagabend 40.000 Menschen teilnahmen, wandte sich die Premierministerin direkt an Dänemarks Juden: «Ihr seid nicht allein. Ein Angriff auf dänische Juden ist ein Angriff auf Dänemark – auf uns alle.»

solidarität Diese Worte waren Balsam für Moshe Halivas Seele. Sein Café Blå Time in der Kopenhagener Innenstadt liegt fußläufig von der Großen Synagoge in der Krystalgade entfernt. Vom ersten Terrorangriff, dem auf das Kulturcafé am Samstagnachmittag, hörte Haliva bei der Arbeit. Da stand er gerade hinterm Tresen, bereitete Kaffee und Sandwiches zu. Als er spätabends wie gewohnt sein Café schloss, ahnte er noch nicht, dass der Täter einen weiteren Anschlag verüben würde – nur wenige Stunden später und nur wenige Minuten vom Blå Time entfernt.

«Meine Tochter rief mich morgens um sechs Uhr an. Es war ein Schock», beschreibt Haliva seine ersten Gedanken. Ei-ne Batmizwa-Feier mit 80 Gästen, darunter zahlreiche Kinder – nicht auszudenken, welches potenzielle Massaker Dan Uzan um den Preis seines eigenen Lebens verhindert hatte.

Doch ebenso wenig wie seine dänischen Landsleute lässt sich Haliva vom Terror einschüchtern. Die dänische Ministerpräsidentin habe dieses Grundgefühl der Dänen auf den Punkt gebracht. «Wir bestehen auf unserer Freiheit und unseren Werten; unsere Antwort auf Terror wird immer eine starke Gemeinschaft sein», zitiert er Thorning-Schmidt.

Diese Worte seien keine leeren Worthülsen, sagt Haliva, sondern echt empfundener Ausdruck gelebter Gemeinschaft und Solidarität, wie er sie selbst erlebt hat. Trotz der Winterkälte waren am Sonntag Kopenhagener in Scharen zur Synagoge gepilgert, um dort Blumen niederzulegen und Kerzen aufzustellen.

«Eine 96-jährige Frau weinte an meiner Schulter. Ein Mann brachte Blumen. Ein junger Priester fand warme Worte – alles Dänen, die zeigen wollten: Wir stehen zusammen», berichtet der Mittvierziger sichtlich berührt. Ans Auswandern denkt Moshe Haliva deshalb ganz und gar nicht – denn er fühlt sich nicht allein. Die breite Unterstützung in der dänischen Bevölkerung macht ihm Mut. «Wir sind traurig, ja, aber wir stehen hier zusammen, Juden und Nichtjuden. Wir sind stolz, Juden in Dänemark zu sein.»

zuhause Auch Ronni Abergel denkt nicht daran, Dänemark zu verlassen. «Nie wieder weglaufen und uns verstecken. Lieber bleibe ich und kämpfe für mein Recht, jüdisch zu sein und in Frieden zu leben», sagt der 42-jährige Journalist. Es klingt energisch und traurig zugleich, wenn er betont, er werde seine Lebensweise nicht verhandeln, «nur weil ein Junge von seiner Familie und Freunden nicht genug geliebt wurde, um das Leben dem Hass und die Tragödie den Möglichkeiten vorzuziehen».

Etwa 8000 Juden leben in Dänemark, die meisten von ihnen in Kopenhagen. Dänemark war das erste skandinavische Land, das sich 1622 vertriebenen Juden aus Spanien und Portugal öffnete. Antisemitismus gibt es hier traditionell kaum. Während der Schoa stellte sich die dänische Bevölkerung schützend vor ihre jüdische Minderheit: 1943 wurden in einer beispiellosen Hilfsaktion 8000 Juden in Booten über die Ostsee nach Schweden gebracht, um sie vor der bevorstehenden Deportation durch die deutschen Besatzer zu retten.

Dänemark ist Ronni Abergels Zuhause. Hier fühlt er sich willkommen und sicher. Den dänischen Behörden vertraut der Familienvater vollkommen – ebenso wie der offenen dänischen Gesellschaft. Andernfalls würde er kaum in Nørrebro wohnen, einem Kopenhagener Migranteviertel mit 90 Prozent muslimischer Bevölkerung und jeder Menge sozialem Zündstoff. Hier wurde Samstagnacht der mutmaßliche Attentäter von der dänischen Polizei erschossen. Seit Jahren stellt sich Abergel in seinem Viertel Vorurteilen und Radikalisierung entgegen.

«Ich war gerade auf dem Weg nach Hause von einer Party in der Stadt, als ich den Schusswechsel in der Svanevej mitbekam», berichtet der Journalist. Als er von dem ersten Anschlag erfuhr, sei er trotzdem zur Party gegangen. «Das ist typisch für uns Dänen, immer gelassen bleiben. Hyggelig nennt man diese Mentalität.»

Dass der zweite Anschlag ausgerechnet Kopenhagens Hauptsynagoge galt, überrascht den 42-Jährigen nicht. «Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass das immer wieder passieren kann. Mit diesem Risiko müssen wir leben. Einsame, wütende Einzeltäter gibt es immer wieder, die ihren ganzen Hass und Frust entladen – auf Juden, auf Karikaturen, auf unschuldige Menschen.»

polizeischutz Anlass, aus Dänemark wegzugehen, sei das noch lange nicht. Im Gegenteil. «Das sind mein Land, meine Stadt und meine Leute. Es ist die Basis meiner Identität, Kultur und Sprache. Die Dänen sind ein friedliebendes Volk. Wir als jüdische Gemeinde sind voll integriert. Dänen verschiedener Kulturen und Religionen sind meine Freunde, darunter auch viele Muslime. Natürlich habe ich Angst, aber dieses Vertrauen lasse ich mir nicht kaputt machen.»

Vor voreiligen Schlüssen warnt auch Yair Melchior, Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Kopenhagen. «Das Verhältnis zu vielen Menschen in der muslimischen Gemeinde ist sehr gut», betonte er unmittelbar nach den Anschlägen. «Diese Situation ist neu für uns alle, auch für sie. Denn sie wissen nicht, wie sie mit den Extremisten umgehen sollen», so der Rabbiner.

Ronni Abergel fürchtet, dass die Anschläge vom Wochenende erst der Anfang waren. «Also lebe ich einfach weiter mein Leben, hier im Brennpunkt von Nørrebro. Bis der nächste fanatisierte Attentäter auftaucht, der unfähig ist, die Chancen einer freiheitsliebenden Gesellschaft anzunehmen», sagt er fast fatalistisch.

Weitere Anschläge – diese Sorge teilen viele dänische Juden. Finn Schwarz, ehemaliger Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Kopenhagen, bezeichnet die At- tentate vom vergangenen Wochenende als «Weckruf». Seit Jahren schon appelliere er an die Behörden, ihren Polizeischutz vor jüdischen Einrichtungen zu verstärken.

Immer wieder hatte auch Rabbiner Andrew Baker, der Antisemitismus-Beauftragte der OSZE, die dänischen Behörden in der Vergangenheit auf Sicherheitslücken hingewiesen, zuletzt im September 2014 nach dem Gazakrieg, als Unbekannte in die jüdische Caroline-Schule eindrangen, Fensterscheiben zerschlugen und antisemitische Parolen an die Wände schmierten. «Es war nur eine Frage der Zeit, bis etwas passieren würde», so Baker.

schweden Nicht nur in Dänemark, auch im Nachbarland Schweden macht man sich Sorgen. Seit Jahren schon fordern dort die jüdischen Gemeinden mehr Schutz für ihre Einrichtungen. Denn den Großteil der Sicherheitsmaßnahmen müssen sie bislang aus eigener Tasche bezahlen – fast ein Drittel des gesamten Gemeindehaushalts wenden sie dafür auf. «Das ist vollkommen unangemessen», sagt Jehoshua Kaufman, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Malmö, im Schwedischen Rundfunk. Von den Kommunen und der Regierung erwarte er jetzt dringend «Einsätze, um uns in dieser schwierigen Situation zu helfen».

Nur eine halbe Stunde dauert die Fahrt über die Öresundbrücke von Dänemark nach Schweden. Die Anschläge auf der anderen Seite der Ostsee haben massive Konsequenzen, sagt Kaufman. «Nicht nur die geografische Nähe, sondern auch unsere sehr engen Beziehungen zu Kopenhagen und der jüdischen Gemeinde dort machen das Ganze so furchtbar», so der Malmöer Gemeindevorsitzende. «Das beeinflusst unser tägliches Leben als Juden und unsere Sicht auf uns selbst. Wir machen uns Sorgen über unsere Zukunft.»

Selbst im 650 Kilometer von Kopenhagen entfernten Stockholm sagte die jüdische Gemeinde nach den Anschlägen kurzfristig alle Veranstaltungen ab. Schüler der jüdischen Hillel-Schule durften das Gebäude am Montag nicht verlassen.

islamismus Die schwedische Regierung hat den Polizeischutz für die Synagogen des Landes mittlerweile erhöht, nicht zuletzt Anfang des Jahres durch einen Sonderfonds von mehr als 300.000 Euro zum Schutz jüdischer Einrichtungen. Dennoch kommt vor allem in den Kommunen die Präventionsarbeit zu kurz.

«Politiker und Medien müssen sich endlich trauen, die Dinge beim Namen zu nennen», fordert Lena Posner-Körösi, Vorsitzende des jüdischen Zentralrats in Schwe- den. «Kommt die Gewalt von Rechtsextremisten, hat man ja auch kein Problem damit. Sobald es sich jedoch um Islamisten oder verschiedene muslimische Vereinigungen handelt, scheut Schweden zurück.» Dabei sei klar. «Wir Juden sind immer ein Ziel, egal wo.» Das habe der Anschlag auf Kopenhagens Synagoge deutlich gezeigt.

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