Berlin

»Das bringt uns keinen Schritt weiter«

»Dieser Schritt bringt uns nicht weiter«: Blick auf das Abraham Geiger Kolleg Foto: Rolf Walter

Erneuter Paukenschlag in der seit einigen Monaten anhaltenden und zunehmend hitziger werdenden Diskussion um die Zukunft des Potsdamer Abraham Geiger Kollegs (AGK): Vergangene Woche teilte die Jüdische Gemeinde zu Berlin mit, sie habe zum 10. Januar alle Anteile des als gemeinnützige GmbH firmierenden Kollegs sowie des für die Ausbildung konservativer Rabbiner zuständigen Zacharias Frankel College (ZFC) übernommen. Beide Einrichtungen sind An-Institute der Universität Potsdam und wurden bisher von Rabbiner Walter Homolka geleitet.

Für die Übernahme der Gesellschaftsanteile bezahlte die Gemeinde eigenen Angaben zufolge der bisherigen Eigentümerin, der von Homolka geführten und in Brandenburg registrierten Leo Baeck Foundation, die Stammeinlagen in Höhe von jeweils 25.000 Euro.

Die Geschäfte soll vorerst Milena Rosenzweig-Winter führen. Das bestätigte Gemeindesprecher Ilan Kiesling dieser Zeitung. Die Rechtsanwältin amtiert seit 2015 als Geschäftsführerin der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und war bis vor Kurzem auch Präsidiumsmitglied des Zentralrats der Juden.

VERZICHT Kiesling sagte der Jüdischen Allgemeinen, es habe sich keine schnelle »Lösung der unbefriedigenden Situation am AGK« abgezeichnet. Deshalb sei die Gemeinde direkt an Homolka herangetreten und habe ihn davon überzeugen können, »dass ein kompletter Neuanfang« am Kolleg unabdingbar sei. Dieser Neubeginn sei »verbunden mit einem vollständigen Verzicht« Homolkas auf alle Führungsämter in beiden Einrichtungen.

Homolka bestreitet die gegen ihn erhobenen Vorwürfe kategorisch und will sich gegen den Zentralrat juristisch zur Wehr setzen.

Der AGK-Gründer habe dem Plan zugestimmt und die bislang von ihm und seiner Stiftung kontrollierten Geschäftsanteile an die Berliner Gemeinde übertragen. Der Schritt war nach deren Ansicht notwendig geworden, »damit die Studierenden weiter in Ruhe und Sicherheit ihr Studium fortsetzen können«, sagte Kiesling.

Für den Gemeindevorsitzenden Gideon Joffe ist der »Fortbestand des liberalen Judentums in Deutschland unverzichtbar«, und gerade Berlin profitiere seit Langem »von den Früchten dieser einzigartigen Ausbildung«. Daher sei es nur ein »logischer Schritt, wenn wir als Jüdische Gemeinde in Zukunft für die Ausbildung der Rabbiner und Kantoren Verantwortung« übernehmen.

IRRITATION Anderswo herrscht dagegen großes Befremden über diese Argumente. Der Zentralrat der Juden in Deutschland zeigte sich alles andere als amüsiert über Joffes Schachzug: »Wir sind erstaunt über diesen Deal, der uns keinen Schritt weiterbringt.« Im Dezember hatte der Dachverband das Executive Summary der Untersuchung einer Kölner Anwaltskanzlei zu den schweren Vorwürfen gegen Homolka, unter anderem dem des Machtmissbrauchs, veröffentlicht und im Anschluss klar gemacht, dass das AGK nur ohne seinen Gründer und langjährigen Chef neu aufgestellt und ausgerichtet werden kann.

Homolka hatte zwar bereits im Mai 2022, nachdem Vorwürfe gegen ihn und seinen Lebenspartner publik geworden waren, den vorläufigen Rückzug von seinen öffentlichen Ämtern verkündet. Er war aber weiter Geschäftsführer der Abraham Geiger Kolleg gGmbH geblieben. Später trat er seine Geschäftsanteile dann an die von ihm gegründete Leo Baeck Foundation ab.

Homolka bestreitet die gegen ihn erhobenen Vorwürfe kategorisch und will sich gegen den Zentralrat juristisch zur Wehr setzen. Eine mündliche Verhandlung sei vom Landgericht Berlin am 7. Februar anberaumt worden, teilte sein Anwalt David Geßner mit.

Zentralrat: Die Finanzierung der Potsdamer Einrichtungen steht nun infrage.

Zwar gab es nach Bekanntgabe der Übernahme der beiden Institutionen durch die Berliner Gemeinde ein Telefonat zwischen Joffe und Zentralratspräsident Josef Schuster, das die Wogen etwas glätten sollte. Es änderte aber offenbar nichts daran, dass der Zentralrat nichts von der jetzt gefundenen Lösung hält. Infrage steht dadurch auch die finanzielle Förderung von AGK und des ZFC durch den Zentralrat. Dabei spielen auch rechtliche Hürden eine Rolle.

trägerstruktur »Die nun gegebene Trägerstruktur ist in jedem Fall ungeeignet und nur ein weiterer Akt des von Walter Homolka und seiner Gefolgschaft inszenierten Trauerspiels«, erklärte der Zentralrat. »Die Situation ändert nichts daran, dass sich die Stakeholder eine neue Struktur für die Rabbinerausbildung in Potsdam überlegen müssen. Eine trag- und förderfähige Struktur für die liberale und konservative Rabbinerausbildung in Potsdam wird derzeit von Herrn Prof. Gerhard Robbers entwickelt und im Folgenden mit den Zuwendungsgebern, den Studierenden und Beschäftigten beraten.«

Gemeinsam mit dem Bundesinnenministerium sowie dem brandenburgischen Wissenschaftsministerium hatte der Zentralrat am 7. Dezember eine Mitteilung verschickt. Darin forderten die drei Institutionen »vor dem Hintergrund der zutage getretenen Missstände« einen »klaren Schnitt zu der bisherigen Struktur und einen umfassenden Neuanfang«.

In die Pläne der Jüdischen Gemeinde war vorab zwar der – dafür nicht zuständige – Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) eingeweiht, offenbar aber nicht Brandenburgs Kultur- und Wissenschaftsministerin Manja Schüle (SPD). Eine vorherige Abstimmung mit der Jüdischen Gemeinde zu Berlin habe es nicht gegeben, sagte Schüles Sprecher Stephan Breiding der Jüdischen Allgemeinen.

partnerschaft Lederer zeigte sich hingegen sehr erfreut darüber, dass das Geiger-Kolleg nunmehr von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin übernommen wurde. Dies sei eine »natürliche Entwicklung einer seit Jahren bereits existierenden und immer enger werdenden Partnerschaft«, erklärte er.

Sein Pressesprecher Daniel Bartsch betonte aber, Lederer sei nicht in die »Klärungsprozesse durch die Eigentümer und Entscheidungsträger aus der jüdischen Community« eingebunden gewesen, die dem Kauf vorausgegangen seien, und habe auch keine Kenntnis gehabt von der ablehnenden Haltung des Zentralrats.

Gemeindesprecher Ilan Kiesling betonte, ein möglicher Umzug von AGK und ZFC von Potsdam nach Berlin sei nicht geplant.

Gemeindesprecher Kiesling betonte, ein möglicher Umzug von AGK und ZFC von Potsdam nach Berlin sei nicht geplant. Dem pflichtete auch Lederers Sprecher Bartsch bei: »Das stand und steht nicht zur Debatte.«
Kiesling teilte außerdem mit, dass »alle bisher in leitenden Funktionen tätigen Protagonisten« am AGK »bis spätestens Ende Februar von ihrer Verantwortung entbunden« würden, nachdem eine geordnete Übergabe erfolgt sei. Einige Personen seien bereits verabschiedet worden.

Bei einigen ebenfalls Betroffenen sorgten die neuesten Nachrichten um die Rabbinerausbildungsstätten für Verwirrung. Ein Student am Zacharias Frankel College, der namentlich nicht genannt werden will, sagte dieser Zeitung, die Art und Weise, wie die Berliner Gemeinde und ihr Vorsitzender bei der Übernahme vorgegangen seien, schüre nur »wieder die alten Ängste vor Machtmissbrauch«.

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