Einspruch

Danke, mir fehlt nichts!

Nun habe ich es also amtlich: Ich bin irreversibel geschädigt, und traumatisiert obendrein. Ich war acht Tage alt, zum ersten Mal in meinem Leben etwas betrunken und habe gar nichts gemerkt von der Katastrophe, die über mich hereingebrochen ist. Und was noch schlimmer ist, bis zum Kölner Richterspruch habe ich noch immer nichts davon bemerkt. Nicht einmal an das Zahnen konnte ich mich erinnern, und das war schlimmer.

Nun werde ich aufgeklärt. Nun endlich sollen meine von mir selbst vergessenen Rechte unter Schutz gestellt werden. Klingt toll. Und schon werden Unterschriften gesammelt, von Ärzten und Juristen, Psychologen und anderen Menschen, die es einfach nur gut meinen mit uns armen, irgendwie traumatisch gestörten Muslimen und Juden, deren archaische Bräuche, selbst die harmlosesten darunter, einfach nicht mehr in die heutige Zeit passen. Warum nur bin ich nicht glücklich?

vergleich Natürlich ist es nicht so schön, dass nun schon wieder der Versuch unternommen wird, Deutschland juden- (und nun auch muslim-)frei zu machen. Aber dieser Vergleich hinkt. Die Nazis wollten nicht unsere Vorhaut retten, sondern den Rest loswerden. Warum kommt niemand auf den sehr viel näherliegenden Vergleich?

Das letzte Aufklärungsprojekt, das sich aufschwang, alle archaischen Reste »alter Kulturen« (darunter das Beschneidungsritual) im Dienste des menschlichen Glückes mit Stumpf und Stiel auszurotten, war ... der Stalinismus. Schon vergessen?

Wenigstens war der Stalinismus ehrlicher. Er hat die Taufbecken gleich mit zerschlagen wollen – aber damit kam er nicht durch. Dieses archaische Ritual, dessen Folgen laut kirchlichem Dogma übrigens ebenfalls irreversibel sind, hat auch der Stalinismus nicht abschaffen können. Es geht eben nicht gerecht zu in dieser Welt.

Steffen Krach, SPD-Spitzenkandidat bei der Abgeordnetenhauswahl 2026

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