Meinung

Brüderlichkeit à la française

Kaum ein anderes Ereignis hat das vergangene Jahrzehnt für die französischen Juden so sehr geprägt wie der bestialische Mord an Ilan Halimi 2006, der jetzt wieder vor Gericht verhandelt wurde. Von der Überzeugung getrieben, bei einem Juden ließe sich ein sattes Lösegeld erpressen, wurde der junge Mann von einer Bande Gleichaltriger in einen Hinterhalt gelockt und über 24 Tage zu Tode gefoltert. Konnten die Ausbrüche antisemitischer Gewalt davor immer noch den Konjunkturen des Nahostkonflikts untergeschoben werden, so musste nach diesem Verbrechen jedem klar sein: Die Judenfeindschaft nistest mitten in Frankreich – und sie ist tödlich.

Unangreifbar Dass ein Großteil der Peiniger Halimis der maghrebinisch-afrikanischen Community entstammt, quittieren nicht wenige Juden mit einem generellen Argwohn gegenüber Muslimen. Diese beunruhigenden Entwicklungen im Land der Menschenrechte sind für uns alle von Interesse. Frankreich kann als Brennspiegel für das Verhältnis zwischen den Religionen gelten, leben doch – abgesehen von Israel – nirgends so viele Muslime und Juden zusammen in einer Gesellschaft wie hier. Das Verständnis für den anderen wird nicht zuletzt dadurch erschwert, dass beide Communities als Minderheiten auf ihren Status als Opfergruppe pochen und jede für sich moralische Unangreifbarkeit reklamiert.

Die Fokussierung auf den Selbstschutz schlug sich bei den jüdischen Vertretern in einem Rechtsruck nieder: War die Dachorganisation der Juden (CRIF) in der Vergangenheit eher den Sozialisten zugewandt, führte sie der militante Antisemitismus zunehmend an die Seite des Law-and-Order-Präsidenten Sarkozy. Der hatte erklärt, er wolle die Vorstädte mit dem Kärcher reinigen. Folglich zählen die jüdischen Repräsentanten in den Augen vieler Migranten mittlerweile zur französischen Machtelite, die sich um den Abbau des herrschenden Rassismus wenig schert. In der Tat ist in Frankreich die Diskriminierung im Alltag aufgrund von »falscher« Hautfarbe dominanter als aufgrund der Zugehörigkeit zum Judentum.

Mit Dominique Strauss-Kahn schafft es vielleicht bald sogar ein Jude in den Präsidentenpalast, für einen Muslim oder Schwarzen noch völlig undenkbar. In Zukunft wird viel davon abhängen, ob der Kampf gegen den Rassismus wieder mit dem Engagement gegen Antisemitismus zusammenkommt. Dazu bedarf es einer neuen Sensibilität: Täter wie die barbarischen Mörder Halimis sind nur einige. Opfer produziert die französische Gesellschaft hingegen viele.

Bildung

Stille im Vieh-Waggon - Jugendliche fühlen die Geschichte des ehemaligen KZ Bergen-Belsen

Jugendliche aus ganz Europa hören in Bergen-Belsen von Hunger, Enge und Angst - und stehen plötzlich selbst an den Orten des Grauens. Für viele ist der Besuch im früheren Konzentrationslager die erste intensive Begegnung mit der NS-Zeit

von Charlotte Morgenthal  20.03.2026

Argentinien

Argentinien übernimmt IHRA-Vorsitz

Das südamerikanische Land übernimmt die Präsidentschaft der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA). Als erstes auf dem Kontinent

 20.03.2026

Oslo

Mette-Marit: Epstein hat mich manipuliert

Vertraute Mails und Liebes-Tipps: Ihre Freundschaft mit dem Sexualstraftäter hat Norwegens Kronprinzessin in Bedrängnis gebracht. Jetzt gab Mette-Marit ein Fernsehinterview

 20.03.2026

Meinung

Warum die Stellungnahme der USA beim IGH eine Enttäuschung ist

Die Intervention Washingtons vor dem Internationalen Gerichtshof nimmt zwar Israel gegen den Vorwurf des Genozids in Schutz. Sie liefert den Richtern aber kaum Argumente

von Menachem Z. Rosensaft  20.03.2026

Berlin

Berliner Spitzen-Linke kritisiert Zionismus-Beschluss

Ein Entscheid der niedersächsischen Linken gegen den »real existierenden Zionismus« sorgt auch in der eigenen Partei für Aufregung. Die Spitzenkandidatin für die Berlin-Wahl geht auf Distanz

 20.03.2026

Teheran

Iran meldet Tod von Revolutionsgarde-Sprecher bei Angriffen

Staatliche iranische Medien vermelden den Tod von Ali Mohammad Naini, der seit 2024 die Revolutionsgarde repräsentierte

 20.03.2026

Hamburg

Block-Entführung: Team war »zusammengewürfelter Haufen« aus Israel und Deutschland

Traf sich die angeklagte Unternehmerin Christina Block kurz vor der Rückholung ihrer jüngsten Kinder in einem Hotel mit den maskierten Entführern? Beim Schlagabtausch der Anwälte fallen scharfe Worte

 20.03.2026

Teheran

Irans neuer Machthaber droht Gegnern in aller Welt

Irans Oberhaupt Mojtaba Chamenei ist seit seiner Ernennung im Versteck. Nun rief er zum weltweiten Kampf gegen »innere und äußere Feinde« auf

 20.03.2026

New York

Neue Vorwürfe: Mamdanis Ehefrau soll palästinensischen Terror glorifiziert haben

Rama Duwaji, Gattin des Bürgermeisters von New York, soll Mitglieder der Terrororganisation PFLP und die Flugzeugentführerin Leila Khaled in älteren Social-Media-Einträgen positiv dargestellt haben

 20.03.2026