Hamburg

Boykott und Resolution

Hamburger Szenen: 2014 kam es auch in der Hansestadt zu heftigen anti-israelischen Protesten. Foto: dpa

Beim Thema Antisemitismus sollte es eigentlich nicht schwer sein, klare Grenzen zu setzen. Wie heikel das Thema dennoch schnell werden kann, lässt sich an einem aktuellen Beispiel aus Hamburg gut sehen. Anlass für die Debatte im Hamburger Rathaus war die Berufung des südafrikanischen Theologen Farid Esack als Gastprofessor an die Akademie der Weltreligionen. Esack ist in Südafrika Vorsitzender der BDS-Bewegung, die zum Boykott Israels aufruft. Der Professor ist längst nicht mehr in der Hansestadt, doch seine Berufung schlägt noch immer hohe Wellen.

boykottbewegung Mitte Februar hatte sich der Beirat der Akademie für die Berufung entschuldigt. An sich eine lokalpolitische Geschichte, die nicht von allzu großem Interesse wäre, würde sich nicht an der Debatte exemplarisch die Schwierigkeit der deutschen Politik im Umgang mit dem Thema Antisemitismus aufzeigen lassen. Die Hamburger CDU legte in der Folge einen Antrag vor, der die BDS-Bewegung als klar antisemitisch verurteilt.

Unterstützt wird der Antrag auch von der Jüdischen Gemeinde und der Deutsch-Israelischen Wirtschaftsvereinigung. Der Vorstand der Gemeinde hat erklärt, dass es der BDS-Bewegung schließlich um »die vollständige Isolierung des Staates Israel und seiner Bürger, Institutionen, Waren und Dienstleister im Wege eines Boykotts« geht. Das sei nichts anderes als der offene Aufruf zur »Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft«.

Gleichwohl wollten SPD und Grüne den CDU-Antrag in der vorliegenden Form nicht absegnen und setzten eine eigene Resolution auf. »Jeglichem Antisemitismus entgegentreten« ist ihr Titel, und auch, wenn sie in weiten Teilen dem CDU-An-trag ähnelt, so fehlt doch eine Verurteilung der BDS-Bewegung als antisemitisch.

Innerparteilich herrschte große Uneinigkeit über Formulierungen und die korrekte Positionierung. Der prominente grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck und die religionspolitische Sprecherin der Hamburger Grünen, Stefanie von Berg, trugen ihren Zwist öffentlich aus. Beck schrieb, dass ihn Esacks Berufung »zutiefst verstört«. Von Berg warf ihrem Kollegen »Selbstinszenierung« vor.

In der vergangenen Woche wurde der CDU-Antrag von der Bürgerschaft abgelehnt. Carsten Ovens (CDU) zeigte sich enttäuscht über die fehlende Unterstützung der anderen Parteien. Er nannte deren Al-ternativresolution einen »Schaufensterantrag« und forderte eine deutlichere Stellungnahme gegen Antisemitismus.

israel Die Grüne von Berg, die ursprünglich sogar an einer letztlich abgesagten Veranstaltung mit Esack teilnehmen sollte, argumentiert anders: »Wir treten dem An- sinnen dieser Bewegung klar entgegen, denn Boykottkampagnen gegen Israel sind absolut inakzeptabel. Das bedeutet jedoch nicht, dass eine Kritik an der Regierungspolitik Israels unzulässig wäre oder mit Antisemitismus gleichzusetzen ist.« Zu oft würden die Grenzen verschwimmen, gab von Berg jedoch zu und plädierte auf Nachfrage für »besondere Differenziertheit, Klarheit, Sensibilität und Vorsicht«.

Es könnte sein, dass sich in den Hamburger Debatten zeigt, wie sich auch auf lokaler Ebene das politische Klima in Deutschland verändert – nicht nur durch AfD und Pegida. Vor knapp einem Jahr druckten beispielsweise an der Universität Hamburg plötzlich alle Uni-Kopierer Seite um Seite antisemitische Parolen aus. Unbekannte hatten sich in das System eingehackt.

online-meldestelle Dieser Skandal und andere Vorkommnisse führten in Hamburg nun zu dem Vorschlag, eine Online-Meldestelle für antisemitische Vorfälle einzurichten.

Vorbild ist RIAS in Berlin, die »Recherche- und Informationsstelle Antisemitis-mus«, die es seit 2014 gibt und die jährlich Berichte vorlegt, in denen auch über solche gern »niedrigschwellig« genannten judenfeindlichen Vorkommnisse berichtet wird, die weder den Sprung in Polizeistatistiken noch in die Meldungsspalten der Lokalzeitungen und es schon gar nicht vor Gericht schaffen.

In Hamburg geht die Initiative für eine solche Online-Meldestelle auf die CDU-Fraktion in der Bürgerschaft zurück. Bisher gibt es allerdings nur einen Ausschuss, der sich mit dem Thema beschäftigt.

Teheran

Irans neuer Oberster Führer erklärt USA zum Verlierer des Krieges

Der Oberste Führer wirft den Gegnern seines Landes vor, nach dem militärischen Konflikt nun auf psychologische Mittel zu setzen

 05.06.2026

Hamburg

Ex-Antisemitismusbeauftragter berät CDU

Stefan Hensel hatte sein Amt aus Protest gegen die Arbeit des rot-grünen Senats niedergelegt. Jetzt berät er die Opposition bei der Ausarbeitung eines Aktionsplans gegen Antisemitismus

 05.06.2026

Potsdam

Antisemitismusbeauftragter legt Bericht vor

Brandenburgs Antisemitismusbeauftragter Andreas Büttner hat eine erste offizielle Bilanz seiner Arbeit angekündigt

 05.06.2026

Wahlen

Weimer: AfD wird »wie ein Soufflé« zusammenfallen

In Umfragen ist die AfD an den Regierungsparteien CDU und SPD vorbeigezogen. Doch der Kulturstaatsminister ist zuversichtlich, dass sich das Blatt bald wendet

 05.06.2026

Jerusalem

US-Botschaft warnt amerikanische Staatsbürger vor erhöhter Gefahr im Nahen Osten

Ist die neue Sicherheitswarnung ein Hinweis auf bevorstehende neue Angriffe gegen das iranische Regime, dessen Revolutionsgarden und atomare Anlagen?

 05.06.2026

Interview

»Wir wollen eine Gegenstimme zu israelfeindlichen Narrativen sein«

Anika Schmütz ist die neue Vorsitzende des »Jungen Forums« der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Ein Gespräch über das Israelbild unter jungen Deutschen, Antisemitismus in linken Milieus und die Freundschaft zwischen zwei Ländern

von Joshua Schultheis  05.06.2026

Washington D.C.

Trump will iranische Uranbestände nach Kriegsende holen

Zum wiederholten Mal äußert sich der US-Präsident hinsichtlich eines Abkommens mit Teheran optimistisch: Bereits in den kommenden Tagen könne eine vorläufige Einigung erzielt werden

 05.06.2026

Kommentar

Juden haben Hausverbot

Ausgerechnet in einem Prozess gegen einen Antisemiten würde einer Jüdin der Zutritt verwehrt, weil sie einen Davidstern um den Hals trug. Keine der Erklärungen für diesen Skandal ist beruhigend

von Wolf J. Reuter  05.06.2026

Meinung

Sicherheitsrat? Wichtiger ist, dass Deutschland Weltmeister wird!

Deutschland scheitert in New York mit seiner Bewerbung für den UN-Sicherheitsrat - und die versammelte Schwarmintelligenz weiß auch warum. Spoiler-Alert: Es hat etwas mit Annalena Baerbock zu tun. Oder mit Israel

von Michael Thaidigsmann  04.06.2026