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Boykott reicht nicht

Foto: Getty Images

Verbrechen gegen die Menschlichkeit fallen nicht vom Himmel. Hass wächst aus abwertenden Witzen, Gerüchten, Lügen und Selbstbestätigungen. Wer weiß das besser als Juden? Vielleicht nimmt deshalb zurzeit die jüdische Kritik an sozialen Netzwerken wie Facebook zu.

Der Holocaust-Überlebende Marian Turski schrieb einen Brief an Facebook-Chef Mark Zuckerberg, um vor der Gefahr zu warnen, der das Unternehmen Vorschub leistet – denn es bietet immer wieder Antisemitismus, Holocaustleugnung und rechter Agitation eine Plattform.

beleidigungen Auf die Äußerungen eines antisemitischen Rappers hin entstand die Aktion »NoSafeSpaceForJewHate« – »Keine Stätte für Judenhass«: Ermuntert von mehreren prominenten Rabbinern und anderen jüdischen Persönlichkeiten, posteten diverse Nutzer 48 Stunden lang nichts auf diversen sozialen Netzwerken als Protest gegen deren lasche Politik gegen Hass und Beleidigungen. Oberrabbiner Mirvis schrieb in einem offenen Brief an Twitter-Chef Jack Dorsey und Facebook-Chef Mark Zuckerberg von einem »beklagenswerten Mangel an Führungsverantwortung«.

Auf Facebook sind die Nutzer nicht die Kunden. Sie sind das Produkt.

Wir haben uns angewöhnt, dass wir als Kunden einen gewissen Druck auf Unternehmen ausüben können. Aber hier ist das erste Problem: Auf Facebook sind die Nutzer nicht die Kunden. Sie sind das Produkt. Ihre Daten, ihre Aufmerksamkeit werden verkauft an Werbeunternehmen. Das sind die Kunden von Facebook.

Mit diesem Hintergedanken startete die Initiative »Stop Hate for Profit«, bei der 900 Unternehmen (darunter große Namen) einen Werbeboykott auf Facebook ankündigten. Doch selbst davon zeigte Mark Zuckerberg sich wenig gerührt. Immerhin hat das Unternehmen über sieben Millionen Werbepartner. Da fallen 900 nicht sehr ins Gewicht.

image Finanziell kann man Facebook durch Boykottaufrufe und Account-Löschaktionen kaum schaden. Für das Image nimmt das Unternehmen immer wieder kosmetische Korrekturen vor und löscht einzelne antisemitische Accounts.

Das strukturelle Problem sozialer Netze wie Facebook und Twitter wird aber nicht behoben. Sie neigen immer dazu, radikalere und polarisierende Inhalte zu verbreiten und damit Hass zu schüren. Denn für das Geschäftsmodell »Werbung« müssen sie die Aufmerksamkeit so vieler Menschen wie möglich so lange wie möglich binden.

Das funktioniert nachweislich umso besser, je aufregender, radikaler, empörender ein Inhalt ist. Die kritische Kennzahl heißt »User Engagement« – also die Anzahl der Kommentare, Likes oder Ansichten, die ein Beitrag hat. Je besser die ist, desto mehr Menschen bekommen den Beitrag angezeigt. Es ist dieser Mechanismus, der die Debatte auf sozialen Netzwerken radikalisiert und der gleichzeitig ihren Profit sicherstellt.

Für Juden und andere Minderheiten stellt dieser Mechanismus eine reale Gefahr dar.

Für Juden und andere Minderheiten stellt dieser Mechanismus eine reale, greifbare Gefahr dar. Noch vor wenigen Jahren hatte Antisemitismus zumindest den Anstand, größtenteils geheim gehalten zu werden. In den letzten Monaten allein wird er zunehmend offener – und man kann Geld mit ihm verdienen.

antisemitismus Facebook und Twitter erzeugen nicht selbst Antisemitismus. Aber sie verstärken ihn, indem ihm mehr Aufmerksamkeit zukommt als objektiven Nachrichten. Nicht aus Bosheit. Sondern aus rein finanziellen Gründen.

Was also tun? Studien belegen, dass Gegenrede gegen Radikalisierung hilft. Wenn also jemand auf Facebook antisemitisch kommentiert, ist es immer wichtig, sichtbar zu widersprechen. Ironischerweise steigert das aber natürlich das User Engagement des Beitrags.

Das alles behebt nicht das Problem, dass wir einen Großteil unseres demokratischen Diskurses, unseres Nachrichtenkonsums, unseres privaten und öffentlichen Austauschs auf eine Plattform verlegt haben, die willkürlich von privaten Händen aus dem Ausland verwaltet wird. Warum muss Rabbi Mirvis überhaupt an die »Führungsverantwortung« von Zuckerberg und Dorsey appellieren? Warum dürfen Millionäre darüber entscheiden, was Hass schürende Rede ist, was Wahrheit ist, was zulässig und unzulässig ist?

regulierungsinstanz Gesetzliche Regulierung ist wichtig. Mit Ansätzen wie der DSGVO und dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz, bei allen ihren handwerklichen Fehlern, haben wir erste Regulierungskompetenz bewiesen, die andere Länder nach und nach übernehmen. Doch dieser Flickenteppich lokaler Gesetzgebung reicht nicht aus. Es braucht zunehmend internationale Regulierungsinstanzen. Oder wir denken noch eine Ebene größer.

Wenn wir ein soziales Netzwerk wollen, das sich der Neutralität und Demokratie verpflichten kann, dann muss es seinen Nutzern gehören.

Wenn wir ein soziales Netzwerk wollen, auf dem wir uns frei und international mit unseren Familien und Kontakten verbinden können, das sich der Neutralität und Demokratie verpflichten kann, das kein finanzielles Gewinninteresse hat und sich nicht manipulativ in den Austausch einmischt, dann muss es seinen Nutzern gehören. Es müsste öffentlich finanziert und genossenschaftlich verwaltet sein. Seine Protokolle könnten öffentlich sein, und die Daten jedes Nutzers könnten auf seinem eigenen Computer liegen. So werden Nutzer vor Überwachung und vor künstlich hochgeschraubtem Hass geschützt.

Solche Modelle wurden in der Vergangenheit bereits entwickelt. Und ist es Zufall, dass die größte dieser Plattformen ausgerechnet »Diaspora« hieß? Diese offenen, dezentralen Netze sind es, die politisch und gesetzgeberisch unterstützt werden müssten. Damit wir eben nicht von der Gnade privater Unternehmensgründer abhängig sind, wenn es um unser Leben und unsere Sicherheit geht.

Die Autorin ist Diplompsychologin und Expertin für digitale Partizipation und Bildung.

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