Interview

»Beispiellose Blamage«

Chefredakteur der »Welt«-Gruppe, Ulf Poschardt Foto: WELT

Herr Poschardt, in deutschen Medien, vor allem bei der dpa, werden die Terroristen der Hamas oft nur »militante Palästinenser« genannt. Warum ist das so?
Ich kann es nicht anders erklären als mit einer »israelkritischen« Haltung, bei der man die Feinde des jüdischen Staates in einem differenzierteren Licht erscheinen lassen will, als es Sinn ergibt. Gerade in vermeintlich linksliberalen Kreisen hat es diese Schlagseite immer gegeben. Für mich ist es gerade ein negatives Highlight zu sehen, was der ehemalige ZDF-Nahostkorrespondent Stephan Hallmann bei Twitter postet. Da haben Sie keine Fragen mehr, woher der Bias kommt. Dass ausgerechnet in Deutschland ein in Teilen unfassbar ungerechter Blick auf Israel so beliebt ist, finde ich trist.

Wie blicken Sie auf englische Medien?
Am schlimmsten finde ich das »Sky«-Interview mit dem Militärsprecher Eylon Levy. Der wurde gefragt, ob Israel palästinensisches Leben geringer als israelisches schätzt, weil Israel eine Geisel gegen drei Gefangene tauscht. Die Frage war in Sachen Dummheit, Impertinenz und auch in ihrer Unterstellung eines jüdischen Schacherers fast schon Realsatire. Ein großer Vorteil ist, dass israelische Politiker, aber auch Militärsprecher viel dazugelernt haben und den Moderatoren solche Fragen, in denen schon Unterstellungen mitschwingen, nicht mehr durchgehen lassen.

Die BBC weigert sich sogar, die Hamas Terroristen zu nennen, weil der Begriff zu emotional aufgeladen sei und Menschen hindere, den Konflikt zu verstehen. Können Sie dieses Verständnis von Objektivität nachvollziehen?
Wie sich die BBC seit dem 7. Oktober blamiert hat, ist beispiellos. Da sehen Sie die Auswirkungen von Jeremy Corbyns Antisemitismusoffensive bei der Labour Party und den ihr nahestehenden Milieus. Ganz ehrlich: Wenn man die Bilder von den Massakern gesehen und dann nicht kapiert hat, worüber wir reden, kann es ja eigentlich nur den Grund haben, weil man selbst im Zweifelsfall latent oder manifest damit sympathisiert, was da an vermeintlicher Konfliktlinie im Nahen Osten endlich einmal ausbricht.

Gibt es aus Ihrer Sicht noch andere Gründe, Terroristen nicht Terroristen zu nennen, außer heimlicher Sympathie?
Ich glaube, es dient auch dazu, den lieb gewonnenen, idyllischen Blick auf postkoloniale Helden nicht zu verlieren. Das ist ein Versuch des Selbstbetrugs. Wenn ich Terroristen nur Militante nenne, kann ich mich sprachlich davon distanzieren, dass es die nackte, abgründige Barbarei ist. Dabei ist doch vollkommen klar, dass die Hamas-Terroristen die Feinde der Aufklärung und der Menschenrechte sind. Und die Verengung, die in vielen Debatten stattfindet, ist, das zu einem Thema der Juden zu machen. Für mich als protestantischen Zionisten ist klar, dass man schon verloren hat, wenn man in diese Logik einsteigt.

Mit dem Chefredakteur der »Welt«-Gruppe sprach Nils Kottmann.

Bern

Verantwortung lässt sich nicht neutralisieren

Die Schweiz debattiert anlässlich einer Volksabstimmung über ihre Neutralität. Ein Kommentar von JA-Schweiz-Korrespondentin Nicole Dreyfus

von Nicole Dreyfus  16.08.2026

Kairo

Jared Kushner führt Gespräche über Gaza in Ägypten

Der Schwiegersohn von US-Präsident Trump will in Ägypten Fortschritte im seit langem festgefahrenen Friedensplan für den Gazastreifen erzielen

 16.08.2026

Sanaa

Regierungstruppen im Jemen melden 181 Angriffe in 24 Stunden

Mit Drohnen und Raketen attackieren Regierungskräfte Militärstützpunkte und Waffendepots der Huthi-Terrormiliz. Wie weit eskaliert die Lage noch?

 16.08.2026

Teheran

Iran richtet Mann wegen angeblicher Israel-Spionage hin

Die iranische Justiz hat ein weiteres Todesurteil vollstreckt. Menschenrechtler werfen den Behörden vor, die Todesstrafe zur Unterdrückung von Kritik einzusetzen

 16.08.2026

Berlin

Prien: Differenzierte Haltung zu Israel kann ein Wagnis sein

Der Terroranschlag der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 hat Gräben in der Gesellschaft verdeutlicht - und teils auch vertieft. Wer dagegen differenziert argumentiere, habe es oft nicht leicht, sagt Ministerin Prien

 16.08.2026

Magdeburg

Will AfD-Spitzenkandidat Siegmund den Verfassungsschutz abschaffen?

AfD-Spitzenkandidat Siegmund will nach der Landtagswahl die Zukunft des Verfassungsschutzes in Sachsen-Anhalt prüfen lassen. Diese Optionen fasst er ins Auge

 16.08.2026

Washington/Teheran

Frist verstreicht: Iran-Krieg vor ungewisser Zukunft

Während US-Präsident Trump mit einer Übernahme der Straße von Hormus kokettiert, gehen die Angriffe auf zivile Schiffe weiter. Dabei sollte in diesen Tagen ein finales Abkommen stehen

 16.08.2026

Essay

Politische und moralische Bankrotterklärung

Die Literaturkritikerin Maha El Hissy hat kein Problem damit, die populärste antisemitische Ritualmordlegende unserer Gegenwart zu verbreiten. Trotzdem wurde sie in die Jury des renommierten Deutschen Buchpreises berufen

von Daniel Neumann  15.08.2026

Dresden/Königstein

Mutmaßliche Kämpfer des Islamischen Staates festgenommen

Zwei Männer sollen als Kämpfer für den IS aktiv gewesen sein und dafür Geld erhalten haben. Nun sitzen die beiden Iraker in Sachsen in Untersuchungshaft

 14.08.2026