Diskurs

Auf der Eisscholle

Seit dem 7. Oktober fühlt es sich für viele linke Juden so an, als stünden sie auf einer Eisscholle, die stark schwankt und zusehends schmilzt. Foto: Getty Images / Montage: Clara Wischnewski

Die 80er-Jahre, in denen ich aufwuchs, waren eine Zeit des Aufbruchs. Wir demonstrierten für Frauenrechte oder gegen Fremdenhass. Zu meinem Freundeskreis gehören seit meiner Kindheit queere Menschen, Juden und Nichtjuden mit den unterschiedlichsten Biografien. Dazu kommt, dass meine eigene Familie über die ganze Welt verstreut lebt, unter anderem in Skandinavien, Marokko, Israel oder den USA. Offenheit und Diversität sind für mich eine gelebte Selbstverständlichkeit, sie brauchen keinen theoretischen Überbau.

Doch seit einigen Jahren, verstärkt durch die Pandemie, haben sich neue Fronten gebildet, durch alle Parteien hindurch. Als ich mich mit den Iraner:innen und der Bewegung Frau-Leben-Freiheit solidarisierte, wurde ich von einer linken jüdischen Freundin auf Facebook beschimpft, ich sei »antiwoke« und suche wohl den Applaus der Rechtspopulisten.

Diskussionen werden unterdrückt

Genau das ist zum Schema in linken Diskursen geworden: Wer eine leicht abweichende Meinung hat, wird fast schon reflexartig als »rechts« gebrandmarkt, und Diskussionen werden unterdrückt. Das ist eine Haltung, die es unmöglich macht, Probleme zu benennen, geschweige denn zu lösen.

Eine Haltung, die es unmöglich macht, Probleme zu benennen, geschweige denn zu lösen.

So berichtete mir ein Bekannter begeistert von der großen Demonstration gegen Rechtsextremismus in Berlin. Das sei ein gutes Zeichen im Kampf gegen den Antisemitismus. Allerdings sprechen die Fakten da eine andere Sprache: Die größte unmittelbare Gefahr für Juden sind zurzeit nicht nur die Neonazis, sondern auch insbesondere muslimische Extremisten. Und ob es dabei einen Zusammenhang mit dem Erstarken der AfD geben könnte, ist ein Gedanke, den Linke weit von sich weisen.

Gleichzeitig ignorieren sie wichtige soziale Themen. Stattdessen beschäftigt man sich lieber mit Israel. Komplexität wird also ausgeblendet, auch bei uns in der Linken; das macht es möglich, dass sich aktuelle Probleme häufen und alte Bündnisse bröckeln. Wie meine oben zitierte, nun ehemalige Freundin argumentieren viele Linke.

So entstehen paradoxe Situationen wie die, dass mein Mann und ich fast die einzigen nicht-iranischen Teilnehmenden einer Demonstration gegen die Todesurteile des Mullah-Regimes waren. Iraner:innen kamen zu uns und bedankten sich für unser Erscheinen. Die Linke glänzte durch Abwesenheit; der Kampf der Frauen im Iran, die ihr Leben riskieren, indem sie für ihre Grundrechte einstehen, ist offenbar nicht ihr Kampf.

Abweichende Meinungen werden sofort als »rechts« gebrandmarkt.

Umso mehr aber ist es der Kampf gegen Israel. Schon kurz nach dem 7. Oktober 2023 riefen unter anderem linke Filmemacher Israel zu einem einseitigen Waffenstillstand auf – ohne Erwähnung der kausalen Zusammenhänge. Angeführt von Samir, ebenfalls ein alter Bekannter, der 2002 den Film Forget Baghdad über jüdische Schriftsteller:innen, die aus seinem Geburtsland Irak nach Israel fliehen mussten, gedreht hat.

Doch irgendwann schloss er sich der BDS-Bewegung an, setzte sich dafür ein, dass auf dem Filmfestival in Locarno kein israelischer Film gezeigt werden sollte. Heute spricht er von der »white supremacy« der Israelis. »Seine« Misrachim hat er offenbar vergessen.

Es wurde gespenstisch still

Was geschah in meinen politischen Kreisen, als die Videos der Verbrechen der Hamas gesehen werden konnten? Nach einigen geschockten Beileidsbekundungen sehr lange nichts mehr. Es wurde gespenstisch still. Und schon wurde die Gewalt meisterhaft relativiert. Mein Autorenkollege Jürg Halter, der es wagt, zu stören, wenn sich alle wieder einmal ihrer Gruppen­identität versichert haben, nannte es das »dröhnende Schweigen« gerade auch der privilegierten Linken in Europa. Einmal mehr wurde er danach angefeindet – er sei eben nach rechts gerutscht, hieß es.

Seit dem 7. Oktober fühlt sich das Leben als linke Jüdin so an, als stehe man auf einer kleinen Eisscholle. Einer, die stark schwankt und zusehends schmilzt. Bei vielen Gesprächen mit Bekannten und Freunden öffnen sich Gräben, es gibt keine Selbstverständlichkeiten mehr. Auch nicht, was eindeutige Fakten, sexualisierte Gewalt oder Grundwerte einer freien, demokratischen Gesellschaft anbelangt.

Die Irritation ist geblieben, meine Wunde.

So versicherte mir ein Bekannter, wie schrecklich die Hamas-Angriffe doch gewesen seien – nur um nachzuschieben, dass sie Siedler hätten angreifen sollen. Wirklich? Dann wäre das bestialische Morden gerechtfertigt gewesen? Die Irritation ist geblieben, meine Wunde.

Eine andere Bekannte fragte mich, warum die Israelis so viele Menschen in Gaza töten würden. Von der Kriegsstrategie der Hamas, sich unter Krankenhäusern und in Wohngebieten zu verschanzen, war sie überrascht zu hören. Und auf ein Podium des Schauspielhauses und der Onlinezeitschrift »Republik« – deren begeisterte Anfangsabonnentin ich war – wird ein enges Spektrum von Stimmen eingeladen.

Ein verbreitetes Phänomen, wenn es darum geht, in Europa diesen neuesten Krieg zu »erklären«. Die jüdischen Gäste sind ausschließlich »israelkritische«. Dazu lädt man Menschen mit antisemitischen Ansichten ein – wie die Kulturwissenschaftlerin Sarah El Bulbeisi, die die Vergewaltigungen von Frauen am 7. Oktober Fake News nennt. Die anderen Podiumsteilnehmenden brauchten sehr lange, um dem zu widersprechen. Schließlich bleibt man höflich-temperiert. Bis es zu spät ist.

Die Autorin ist Literaturwissenschaftlerin und Verlegerin. Sie lebt in Zürich.

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