Interview

»Als Nichtjude etwas beitragen«

Michael Roth Foto: picture alliance / Thomas Koehler/photothek.de

Herr Roth, gerade sorgt ein Social-Media-Post von Ihnen mit einem »Antisemitismus ohne mich«-Anstecker für Hunderte Kommentare. Wie kam es dazu?
Wenn man sich in Deutschland umschaut und mit Menschen über Politik und gesellschaftliche Entwicklungen spricht, dann spürt, sieht und hört man den grassierenden Antisemitismus und diesen erschreckenden stereotypen Blick auf Juden. Deshalb ist es für mich eine Selbstverständlichkeit, als Deutscher und als Nichtjude meinen klitzekleinen Beitrag zu leisten. Diesen Button haben mir die Macherinnen vom Instagram-Kanal »Jews of Berlin« gegeben, die tolle Arbeit leisten. Sie haben mir auch gesagt, dass sie in den sozialen Medien ihr Gesicht nicht zeigen, aus Sorge um ihre Familien. So etwas erschreckt mich nach wie vor zutiefst!

Wie sind die Reaktionen auf Ihren Post?
Ich habe viele positive Rückmeldungen bekommen, aber auch ganz widerliche. Schlimmste hasserfüllte Kommentare, von denen ich naiverweise dachte, dass so etwas längst der Vergangenheit angehört.

Das heißt, Sie lesen die Kommentare?
Bei Weitem nicht alles, schon aus Selbstschutz, aber manches bekomme ich dann doch mit. Und die meisten Kommentare lasse ich stehen, damit jeder, der mir unterstellt, ich würde übertreiben, lesen kann, was hier inzwischen für ein Ton angeschlagen wird. Wegen eines Pins …

Was kommt nach dem Pin?
Für mich erwächst daraus die Verpflichtung, meine eigene politische Haltung zu überdenken. Ich muss mir ja eingestehen, dass auch in meinem eigenen linken, progressiven Milieu offenkundig tiefsitzende anti-israelische Reflexe vorhanden sind.

Aus denen auch antijüdische werden.
Ja. Die habe ich zu lange ausgeblendet. Es ist inzwischen eine politische Mode geworden, Israel zu verteufeln. Auch bei jungen Menschen, die sich nie mit der Situation von Juden in Deutschland oder dem Nahen Osten beschäftigt haben, die wenig wissen, aber viel Meinung haben. Aus der Erinnerungskultur, auf die Deutschland so stolz ist, erwächst nichts mehr für die Gegenwart. Das heißt, wir haben es nicht geschafft, unsere Erinnerungskultur in einer vielfältiger werdenden, stärker durch Migration geprägten Gesellschaft zu festigen. Stattdessen gibt es die Auffassung, Deutschland müsse seine Haltung zu Israel und seine Erinnerungskultur »kritisch reflektieren« und Narrative, die in der Regel antijüdisch sind, aufnehmen. Dagegen wehre ich mich mit allem, was mir zur Verfügung steht. Denn wenn wir das wirklich tun, dann geben wir uns selbst auf in Deutschland.

Also was tun?
Den Mund aufmachen. Wir müssen uns alle stärker unterhaken. Das Schlimmste ist die Vereinzelung. Diejenigen, die sich äußern, befürchten, dass sie allein kämpfen. Aber den Rückhalt gibt es ja noch, und der muss sichtbarer werden.

Mit dem ehemaligen Bundestagsabgeordneten sprach Sophie Albers Ben Chamo.

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