Kiel

Als Feinde markiert

Gewaltaufruf gegen Zionisten: »Zios jagen« steht auf einer Hauswand in Kiel. Foto: privat

Wirklich überraschend sei das für sie nicht gewesen, erzählt Tina. »Aber in so einem Ausmaß habe ich es nicht erwartet.« Tina ist nicht ihr richtiger Name, den möchte sie aus Sicherheitsgründen nicht in der Zeitung lesen. An zwei Tagen habe sie zusammen mit einem Freund ganz Kiel nach den Plakaten abgesucht. Zwischen 70 und 80 wären es schließlich gewesen. Auf denen sind neben ihr noch acht weitere Personen abgebildet – teils anonym, teils mit Namen und in einem Fall sogar mit einer mutmaßlichen Wohnadresse.

Foto eines der Plakate auf einem öffentlichen Mülleimer in Kiel. Die Gesichter und Namen wurden von der Redaktion unkenntlich gemacht.

Sie alle werden auf dem Plakat als »zionistische Faschisten« und »Täter« bezeichnet. Umrandet sind die Fotos mit dem roten Hamas-Dreieck, mit dem die Terrororganisation ihre Feinde markiert. Insgesamt dürften es mehr Plakate gewesen sein. Nicht nur Tina und ihr Begleiter haben dafür gesorgt, dass sie schnell entfernt werden. Denn die Botschaft ist eindeutig: Es ist ein Aufruf zur Gewalt gegen die abgebildeten Personen. Der Grund: Sie engagieren sich gegen Antisemitismus.

»Ein Gefühl der Vereinsamung und Angst

Die Vorfälle häuften sich zuletzt. Im Februar sei sie am Rande einer israelfeindlichen Demonstration angegriffen worden, erzählt Tina. Im April 2025 habe sie nicht weit von ihrer Wohnung Sticker mit ihrem Namen und der Botschaft «Wir sehen dich» entdeckt. Bilder von den Aufklebern liegen dieser Zeitung vor. Regelmäßig begegneten ihr auch Sprüche auf Wänden wie zum Beispiel «Zios jagen», in denen zu Gewalt gegen vermeintliche Zionisten aufgerufen wird.

Die Bedrohungen haben Folgen. «Das Gefühl ist sehr stark eines von Vereinsamung und Angst», so Tina. Derzeit fühle sie sich nicht in der Lage zur Arbeit zu gehen. Sie meide Veranstaltungen und bewege sich nicht mehr ohne Begleitung in der Öffentlichkeit. «Es ist zu gefährlich, alleine im Viertel unterwegs zu sein.» Sie ist Mutter eines Teenagers, mit dem sie momentan nur ungern vor die Tür gehe. Zu groß sei die Angst, ihrem Kind könnte ihretwegen etwas passieren.

Jan Schellbach auf einem Gegenprotest zu einer «pro-palästinensischen» Kundgebung

Jan Schellbach, der ebenfalls auf dem Plakat abgebildet ist, klingt gegenüber der Jüdischen Allgemeinen fast schon abgeklärt. Er ist Landesvorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Schleswig-Holstein (DIG SH) und Bedrohungen offenbar gewohnt. In der Vergangenheit ist bereits sein Klingelschild mit dem roten Hamas-Dreieck markiert worden und an einer weißen Litfaßsäule war ein Galgen mit einem Strichmännchen und seinem Namen darunter gemalt. Am 21. Februar kam es nach einer israelsolidarischen Kundgebung bereits zu einem versuchten Angriff gegen ihn und eine Begleiterin, vor dem die beiden sich gerade noch ins Auto retten konnten.

«An uns wird sich abgearbeitet, weil wir öffentlich sichtbar sind, weil wir aktiv auf der Straße sind.»

jan schellbach von der deutsch-israelischen gesellschaft

In Kiel hat sich seiner Meinung nach eine israelfeindliche Position in der linken Szene durchgesetzt. Aber ihm ist es wichtig zu differenzieren: «Es ist nicht die Linke als Ganze, es ist auch nicht die Antifa als Ganze.» Schellbach geht davon aus, dass die Plakate aus der antizionistischen Linken kommen. Wer sich ihnen in den Weg stelle, werde als Feind markiert. «An uns wird sich abgearbeitet, weil wir öffentlich sichtbar sind, weil wir aktiv auf der Straße sind.»

Spätestens seit dem Angriff im Februar verhalte er sich in der Öffentlichkeit vorsichtiger, schaue sich etwa beim Busfahren nach bekannten Gesichtern um. «Ich lasse mich aber nicht einschränken. Das ist mein Mittel des Widerstands.» Er berichtet von einer breiten Unterstützung, seit die Plakate aufgetaucht sind: Leute hätten ihm etwa ihr Gästezimmer oder Schutz für Veranstaltungen angeboten.

Immer wieder Antisemitismus in Kiel

«Ich möchte Jonny auf die Fresse hauen», sagt eine Teilnehmerin einer «pro-palästinensischen» Demonstration in Kiel in einem selbstgedrehten Video auf Instagram von Mitte März. Eine andere stimmt ihr lachend zu. «Jonny ist auf jeden Fall ein Mensch, der auf seiner Facebookseite ganz doll damit prahlt, dass er jetzt gerade für zwei Wochen in Israel war, um dort Menschen umzubringen», ergänzt sie und hält die Kamera auf einen entfernt gelegenen Gegenprotest einer einzigen Person. Bei der Person handelte es sich um Jan Schellbach, das bestätigte er der Jüdischen Allgemeinen. Mit «Jonny» war offenbar er gemeint.

Die Fotos auf dem Plakat sind zum Teil aus öffentlicher Berichterstattung entnommen. «Die Zusammensetzung der Menschen auf dem Plakat ist aus unserer Perspektive willkürlich und dient allein ihrer Einschüchterung», schreibt Zebra e.V. dazu in einem Statement. «Allen Angegriffenen gilt unsere Solidarität.»

«Die antisemitischen Plakate und die darin enthaltenen Drohungen und Gewaltaufrufe verurteile ich aufs Schärfste.»

Samet Yilmaz, Kieler Oberbürgermeister

Die DIG SH spricht auf Anfrage der Jüdischen Allgemeinen von einem «seit Jahren virulent grassierenden Antisemitismus in Kiel». Mit den jüngsten Vorfällen habe der einen «erschreckenden Höhepunkt erreicht». Auch die DIG SH ist als Organisation auf dem Plakat erwähnt, ebenso wie die antisemitismuskritische Gruppe «Antifa im Exil». Die DIG SH fordert all diejenigen, die sich den Menschenrechten gegenüber verpflichtet fühlen, dazu auf, «das Schweigen zu brechen, nicht wegzuschauen, sondern sich einzumischen und Antisemitismus zu benennen und zu verurteilen, auch im eigenen Umfeld».

Der Kieler Oberbürgermeister Samet Yilmaz (Bündnis 90/Grüne) sagte auf Anfrage dieser Zeitung: «Die antisemitischen Plakate und die darin enthaltenen Drohungen und Gewaltaufrufe verurteile ich aufs Schärfste.» Für Antisemitismus, Hass und Einschüchterung dürfe es in Kiel keinen Platz geben, so Yilmaz. «Meine Solidarität gilt den Betroffenen.» Die Nachfrage, ob er in Kontakt mit den Betroffenen stehe und wie die Stadt sie konkret zu unterstützen gedenke, blieb bislang unbeantwortet.

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Die Plakate in Kiel sind kein Einzelfall. Im Oktober kursierten in Berlin fiktive Fahndungsplakate mit Porträts der Betreiber und der Betreiberin der Programmschänke Bajszel, auf denen stand: «Wir wollen, dass diese drei für immer schweigen und als Warnung für alle Zionisten in Berlin und Neukölln gelten können.» Die Kneipe wurde wegen ihrer antisemitismuskritischen Veranstaltungen wiederholt angegriffen und steht deshalb unter Polizeischutz. Auch gegen den Journalisten Nicholas Potter gab es im April 2025 derartige Drohungen.

Während die Metropole Berlin schon lange für ihre aggressive antizionistische Szene bekannt ist, hat Kiel mit seinen 250.000 Einwohnern eher das Image einer beschaulichen Stadt. Doch selbst hier sind Aktivisten, die sich für Israel und gegen Antisemitismus engagieren, offenkundig nicht vor Bedrohungen und Angriffen sicher.

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