Gedenken

Alltag trifft Geschichte

Porträts repräsentieren sechs Millionen jüdische Opfer: Ausstellung im Ort der Information unter dem Berliner Stelenfeld Foto: ddp

Die gedanklichen Ausgangspunkte für das Berliner Themenjahr 2013 sind der 80. Jahrestag der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 und der 75. Jahrestag der Novemberpogrome 1938. Erinnert werden soll an die vom NS‐Régime brutal zerstörte Vielfalt der Stadt.

Kulturstaatssekretär André Schmitz sagte kürzlich, Berlin werde als »›Rom der Zeitgeschichte‹ mittlerweile weltweit als eine Stadt wahrgenommen, die in ihrer Erinnerungsarbeit Vorbild für viele andere sein könnte«. Die Stadt investiert in dieses Themenjahr insgesamt fünf Millionen Euro, so viel wie noch nie in eine derartige Veranstaltungsreihe der Erinnerung.

quantensprünge Vergleicht man die Bundeshauptstadt 2013 mit Westberlin anno 1973 oder 1983, so kann man tatsächlich Quantensprünge im Prozess der Bewusstwerdung von Zeitgeschichte erkennen. Noch 1973 wollte der Berliner Senat in der Wannsee‐Villa, in der der Mord an den europäischen Juden am 20. Januar 1942 koordiniert wurde, keine historische Dokumentation einrichten, mit dem Argument, es sei doch angemessener, an diesem authentischen Ort ein Kinderheim statt einen Anziehungspunkt für Ewiggestrige zu haben.

1983 waren es im Anschluss an die 1979 ausgestrahlte TV‐Serie Holocaust eine Berliner Bürgerinitiative und die Geschichtswerkstätten, die den 50. Jahrestag des 30. Januar 1933 zum Ausgangspunkt einer vielgliedrigen, in der Öffentlichkeit sehr beachteten Veranstaltungs‐ und Ausstellungsreihe machten.

rudimentär 1983 gab es in Westberlin nur eine damals noch rudimentäre Schau zum Widerstand am 20. Juli 1944 im Bendlerblock und die Dokumentation »Fragen an die deutsche Geschichte« im Reichstagsgebäude. In Ostberlin waren die ideologisch auf den kommunistischen Widerstand ausgerichteten Präsentationen im Museum für deutsche Geschichte und in der Mahn‐ und Gedenkstätte Sachsenhausen vor den Toren der Stadt untergebracht.

Heute kann man an zahlreichen Orten in unterschiedlichsten Ausformungen die historische Dokumentation jener zwölf Jahre, vier Monate und acht Tage finden, wahrnehmen oder begehen. Dass das Jüdische Museum und die Topographie des Terrors nach dem Pergamon‐Museum auf den ersten Plätzen der Top Fünf der Berliner Ausstellungseinrichtungen mit einem jährlichen Millionenpublikum liegen, war noch vor einem Jahrzehnt völlig undenkbar.

»Schoa‐Business« Dabei geht es nicht nur um »Schoa‐Business«, wie der Publizist Henryk M. Broder gelegentlich spöttelt. Berliner, Deutsche und ausländische Besucher wollen wissen, wie es dazu kommen konnte, dass die Stadt das »Zentrum des Bösen« wurde. Wie konnte es gelingen, die (Weimarer) Demokratie innerhalb von kaum mehr als 100 Tagen zu zerstören und eine »Volksgemeinschaft« zu formen, die alles, was sich politisch, kulturell oder vermeintlich rassisch herausdefinieren ließ, vernichtete? Welche Auswirkungen hatte dies, damals wie heute?

Hierzu finden sich in der Erinnerungslandschaft Berlins sehr unterschiedliche Präsentationen: mitten im Stadtzentrum das »Denkmal für die ermordeten Juden Europas« oder das »Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma« – auf einzelne Opfergruppen bezogene, emotional sehr eindrückliche Erinnerungszeichen. Dann gibt es die am Stadtrand gelegene Dokumentation in der Wannsee‐Villa, die insbesondere auf historisch interessierte Studiengruppen nachhaltig wirkt, oder die den NS‐Terror im Allgemeinen und auf unterschiedlichste Opfergruppen ausgerichtete Topographie des Terrors, die zu dokumentieren versucht, was in einem Land geschieht, in dem es eine nicht von unabhängigen Gerichten kontrollierte, sich über alles hinwegsetzende Polizei gibt, die mit der Regierungspartei gleichgeschaltet ist.

unkontrolliert Berliner und interessierte Besucher der Stadt werden im Themenjahr 2013 zusätzliche Angebote finden, wie etwa zum frühen Terror oder zur Presse im Nationalsozialismus. Und man wird feststellen: Es traf nicht nur Juden oder »Zigeuner«, Andersdenkende, Kommunisten oder Sozialisten, »entartete« Maler, Bildhauer oder Musiker. Es traf auch Homosexuelle, Kranke und Behinderte. Und man wird schnell begreifen: Noch immer gibt es viele Staaten, in denen eine Partei oder politisch aufgestellte Religionsgemeinschaft unkontrolliert Definitionen vornimmt, in denen Polizei, Militär oder andere scheinbar legitimierte »Wächter« eine Gemeinschaft proklamieren, die Menschen ausschließt, weil sie anders glauben, denken oder lieben.

Die Besucher Berlins treten in die historischen Ausstellungen nicht mit gesenktem Haupt, sondern wach und konzentriert. Sie betrachten aufmerksam, manchmal ungläubig, Fotos und Dokumente angesichts einer Gegenwart, die diese Strukturen – wenn auch nur durch diplomatische Beziehungen mit solchen Staaten – noch immer duldet. Berlins Themenjahr ist ein Lehrstück in Zeitgeschichte. Fünf Millionen, die die Stadt hier investiert, sind besser angelegt als bei so manch ambitioniertem Neubauprojekt.

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