Diskussion

»Alles andere ist toxisch für dieses Land«

Zentralratsgeschäftsführer Daniel Botmann und Moderatorin Ilanit Spinner beim Gemeindetag Foto: Marco Limberg

»Eines der wichtigsten Panels« beim Gemeindetag des Zentralrats der Juden in Berlin kündigte Ilanit Spinner am vergangenen Samstagabend nach Schabbatausgang an. Die Moderatorin sollte recht behalten. Bei der Podiumsdiskussion »Am Israel Chai: Was das für uns bedeutet?« kamen so bittere Wahrheiten für Israel und die jüdische Diaspora nach dem Massaker des 7. Oktober auf den Tisch.

Die Stärke der Debatte lag nicht zuletzt in der Ehrlichkeit der Panelisten (es diskutierten Zentralratsgeschäftsführer Daniel Botmann, Rüdiger Mahlo, Repräsentant der Claims Conference in Deutschland, Jasmin Andriani, Rabbinerin der liberalen jüdischen Gemeinde in Göttingen, und Aron Schuster, Direktor der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden). Gemeinsam suchten sie nach einer Antwort auf die drängende Frage, wie das Überleben des jüdischen Volkes auch in Zukunft gesichert werden kann.

Schnell wurde die Diskussion persönlich. Teil davon war die Angst vor weiteren Anschlägen, die das Massaker in der Diaspora ausgelöst hat. Wie viele Jüdinnen und Juden in Deutschland hatte die Mehrheit des Podiums in der Woche nach dem 7. Oktober, zumindest am internationalen »Tag des Zorns« der Terrororganisation Hamas am 13. Oktober, die eigenen Kinder nicht in jüdische Kindergärten oder Schulen geschickt.

»Das ist mir im Nachhinein peinlich«, gestand Rabbinerin Andriani. Daniel Botmann sagte, objektiv sei eine solche Entscheidung falsch, weil Juden ihr Leben nicht fremdbestimmt führen sollten. Subjektiv jedoch könne er jeden verstehen, der Angst gehabt und gedacht habe: »Es geht um mein Kind.« Und dennoch müsse weiterhin für Juden in Deutschland gelten: »Wir bestimmen selbst, wie wir fühlen und wie wir denken«, erklärte Botmann unter Beifall.

Zuvor hatte Rabbinerin Jasmin Andriani berichtet, das Sicherheitsgefühl in ihrer Gemeinde in Göttingen sei nach dem 7. Oktober bis heute beeinträchtigt. Viele Mitarbeiter arbeiteten im Home­office, manche Gemeindemitglieder wollten an den Gottesdiensten lieber online als vor Ort teilnehmen.

Aron Schuster bestätigte, der psychische Druck sei »enorm geworden«. Es bestehe ein großer Bedarf, in geschützten Räumen zusammenzukommen. Er selbst könne die Frage inzwischen nicht mehr hören, warum nur jüdische Kinder an den Machanot der ZWST teilnehmen dürften.

»Wir brauchen unsere eigenen Räume und lassen uns diese auch nicht nehmen.«

ZWST-Direktor Aron Schuster

Es sei eminent wichtig, dass die Kinder innerhalb der jüdischen Gemeinschaft gestärkt würden, um sich in der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft widersetzen zu können. »Wir müssen noch viel mehr darauf drängen: Wir brauchen unsere eigenen Räume, und wir dürfen uns diese auch nicht nehmen lassen«, so Schuster.

Daniel Botmann hatte zuvor skizziert, die jüdische Gemeinschaft in Deutschland sei europaweit bis zum 7. Oktober als selbstbewusst wahrgenommen worden. Nun sei deutlich geworden, dass das Selbstbewusstsein erschüttert sei, weil sich viel auch aus der Sicherheit speise, ein starkes Israel im Rücken zu haben. Wenn Israel destabilisiert sei und nicht als Anker diene, werde die jüdische Gemeinschaft nicht so funktionieren wie zuvor. Daher müsse Israel gestärkt und als Sieger aus der gegenwärtigen Situation hervorgehen.

Auch Rüdiger Mahlo konstatierte, die Abhängigkeit von Israel, in der sich Diasporajuden befänden, sei »unheimlich stark«. Er fragte: »Was heißt es für uns, wenn es kein Israel gibt?« Eine Antwort darauf gab er selbst: »Dann wird es ja wieder wie im Mittelalter.« Zum Titel des Panels erläuterte Mahlo, der hebräische Satz »Am Israel Chai« (»Das Volk Israel lebt«) sei zum ersten Mal in einem Gottesdienst nach der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen belegt. Bis heute beeindrucke ihn die Resilienz von Schoa-Überlebenden, die nach dem Zweiten Weltkrieg den Staat Israel aufbauten. Sie gebe ihm »in dieser Situation viel Kraft und Stärke«.

Auch Rüdiger Mahlo konstatierte, die Abhängigkeit von Israel, in der sich Diasporajuden befänden, sei »unheimlich stark«.

Dass er offene Worte nicht scheut, demonstrierte Daniel Botmann auch gegen Ende der Podiumsdiskussion. Die gegenwärtige Regierung in Jerusalem sei diejenige in Israel, die »am schlimmsten gescheitert« sei. Kein aktiver Politiker könne es politisch überleben, wenn er den Schutz der Bürger nicht zu gewährleisten vermag. Darauf, dass Israel über die beste Verteidigung und die beste Armee verfüge, hätten sich »alle Bürger und auch alle Juden verlassen«.

Nach Botmanns Ansicht muss es zu einem Regierungswechsel in Israel kommen, weil die Bevölkerung in die Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kein Vertrauen habe. Er sei überzeugt davon, dass nach der Ablösung der derzeitigen Regierung in Jerusalem auch »wirre Ideen« wie die Justizreform und die Ideen (rechtsextremer) Politiker wie Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich ad acta gelegt würden. Erst dann könne die Spaltung in der israelischen Gesellschaft überwunden werden. »Es wird dazu kommen müssen, alles andere ist toxisch für dieses Land«, unterstrich der Geschäftsführer des Zentralrats.

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