Thilo Mischke

Inside AfD: So ticken die Rechtsradikalen

Thilo Mischke Foto: imago images/Future Image

Thilo Mischke

Inside AfD: So ticken die Rechtsradikalen

Das große Ziel dieser Partei war es, neben politischem Einfluss, die Sprache, das Sagbare zu verschieben. Es ist ihr geglückt

von Thilo Mischke  02.06.2022 09:32 Uhr

Fast zwei Jahre habe ich mich auf rechten und rechtsextremen Veranstaltungen aufgehalten. Als Journalist, mal undercover, öfter aber offiziell. Ich war dabei, als im Fraktionssaal der AfD der Islam verboten werden sollte, auf Demos wurde mir mit dem Galgen gedroht, auf rechten Festivals gleich mit dem Gas. »Wie früher«, wurde mir entgegengespeichelt. Anfänglich war ich entsetzt, am Ende war es mir egal.

Als Christian Lüth, Ex-Sprecher der Bundestagsfraktion der AfD, vom Erschießen der Flüchtlinge fantasierte, vom Zustand Deutschlands sprach, hatte ich mich so sehr an die Sprache der AfD gewöhnt, dass ich es nicht mehr als schockierend empfunden habe.

konsens »So reden die eben« oder »Die sind Idioten« – das ist der Konsens, wenn außerhalb der »Echokammer Rechts« über die AfD gesprochen wird. Wenn über ihre menschenverachtenden, demokratiefeindlichen Äußerungen debattiert wird.

Gut nachverfolgen lässt sich das an den kürzlich veröffentlichten WhatsApp-Leaks der AfD. 40.000 Nachrichten, seit 2017. LGBTQ+-feindlich, antisemitisch, frauenfeindlich, ausländerfeindlich, demokratiefeindlich, ach, einfach menschenfeindlich, so liest sich die Erkenntnis aus diesen Nachrichten.

Nach unzähligen öffentlich gewordenen Verfehlungen zeigt sich eine dramatische Ermüdungserscheinung in unserer Mitte.

Ist es überraschend? Nein. So sind die einfach. War es eine Katastrophe für die AfD, dass diese Nachrichten aus dem Zentrum der kalkulierten Provokation veröffentlicht wurden? Nein. Es war ein Gewinn für diese Partei. Und das ist das Problem. Der Umgang mit diesen Nachrichten, der Umgang mit der Sprache der AfD zeigt: Rechts hat gewonnen. Rechts hat seinen Platz in der Gesellschaft gefunden.

Deutschland hat sich abgefunden. Das große Ziel dieser Partei war es, neben politischem Einfluss, die Sprache, das Sagbare zu verschieben. Es ist ihr geglückt. Wo ist der Shitstorm, wo die Sanktionen? Wo das Entgegenstellen? Nach unzähligen öffentlich gewordenen Verfehlungen zeigt sich eine dramatische Ermüdungserscheinung in unserer Mitte. Eine Ermüdung, die zu einem Bruch der Demokratie führen kann.

Der Autor ist TV-Reporter und mit Dokumentationen über Rechtsradikalismus bekannt geworden.

Kommentar

Warum der Börsenverein des Deutschen Buchhandels nie wieder »Nie wieder!« sagen sollte

Wer Antisemitismus nur dort bekämpft, wo es bequem ist, bekämpft ihn nicht – und wer wie im Fall Maha El Hissy konkrete Vorwürfe nicht ernsthaft prüfen will, sollte aufhören, zu erklären, wie ernst er diesen Kampf nimmt

von Andreas Büttner  09.09.2026 Aktualisiert

Meinung

London belohnt die Verweigerungshaltung der Palästinenser

Mit ihren Sanktionen gegen israelische Siedlungen will die britische Regierung im Nahost-Konflikt einer Zwei-Staaten-Lösung näher kommen. Doch sie zeigt vor allem: Verhandeln lohnt sich nicht, Blockade und Terror aber sehr wohl

von Daniel Neumann  08.09.2026

Meinung

Die Wähler sind selbst schuld

Die AfD macht die etablierten Parteien verächtlich und höhlt so die Demokratie aus. Doch die eigentliche Verantwortung für die Misere trägt der Souverän

von Michael Thaidigsmann  08.09.2026

Kommentar

Und nun?

Bloße Empörung über den Wahlsieg der rechtsextremen AfD ist billig und wohlfeil. Es sollte vielmehr über die Gründe ihrer Popularität gesprochen werden. Die Parteien der Mitte müssen endlich aufwachen

von Philipp Peyman Engel  07.09.2026

Kommentar

Warum es eine Brandmauer gegen die Linkspartei braucht

Wenn eine Brandmauer nur auf einer Seite steht, brennt es von der anderen rein. Über diese offene Seite müssen wir reden

von Nelly Eliasberg  06.09.2026

Kommentar

Wladimir Putin setzt auf unsere Langsamkeit

Konsulatsschließungen fangen keine Drohnen ab, Sanktionen schützen keinen Flughafen. Deutschland muss gegenüber Russland endlich eine härtere Gangart einschlagen

von Sergey Lagodinsky  04.09.2026

Medien

Wie »Die Zeit« den fanatischen Israelhasser Zohran Mamdani zur politischen Lichtgestalt umdeutet

von Regula Stämpfli  03.09.2026

Meinung

Ärmer durch die Wohngeldreform

Bereits heute ist mehr als die Hälfte der jüdischen Zuwanderer im Rentenalter auf Grundsicherung angewiesen. Die Reform drängt ausgerechnet jene dorthin zurück, die es mit eigener Lebensleistung geschafft haben, ihr zu entkommen

von Günter Jek  03.09.2026

Justiz

Meinungsfreiheit ist kein Freibrief: Zur Leugnung des Existenzrechts Israels

Eine Klarstellung von Nathan Gelbart

von Nathan Gelbart  01.09.2026