Ich bin schon seit 1979 emanzipiert. Plus/minus ein paar Monate. Damals machte ich Abitur in der Waldorfschule Marburg und hatte für das Fach Gesellschaftskunde das Thema Frauenrecht gewählt. Eigentlich hatte es meine Mutter ausgesucht, die mich zeitlebens folgendermaßen gebrieft hatte: Eine Frau braucht einen Beruf, eine eigene Wohnung und vor allem ein eigenes Konto.
Von Mann und Kindern war nie die Rede. Ich habe ihre weisen Ratschläge befolgt, außer die Sache mit dem Nachwuchs, der mir nun auf dem Kopf herumtanzt. Mit zwei Söhnen kann ich weibliche Emanzipation täglich üben und lehren.
Der Prüfer lief damals rot an. Dass eine Frau das Recht haben will, über ihren eigenen Körper zu bestimmen, fand er absurd. Ich dagegen finde es absurd, dass wir heute, 47 Jahre später, noch immer und immer wieder über den Paragrafen 218 diskutieren, als wären wir im Mittelalter.
Equal Pay (gleiche Bezahlung), Schwangerschaftsabbruch, Frauenquote et cetera müssten selbstverständlich sein. Punkt! Stattdessen könnte ich jeden Morgen, nachdem ich die Zeitungen gelesen habe, mit dem Satz beginnen: »Ich dachte, wir wären weiter!« Sind wir aber nicht. Im Gegenteil.
Meine Mutter hat mich zeitlebens gebrieft: Eine Frau braucht einen Beruf, eine eigene Wohnung und vor allem ein eigenes Konto.
Es gab eine kurze Phase, als Frauen ganz selbstverständlich ohne Quote in Führungspositionen gelangten, ihren Job gut oder besser oder zumindest genauso gut wie die Männer machten. Den Betrieben ging es gut, denn es tut allen gut, wenn Frauen und Männer zusammen arbeiten und miteinander reden.
Diese Zeit ist vorbei. Jetzt sind alte oder mittelalte Männer beleidigt, weil sie nicht mehr die absolute Macht haben, und werden ganz schön böse. Ganz weit oben sitzen in den USA, in Russland, dem Iran skrupellose, alte narzisstische Kerle, die sich an ihrer Position festkrallen. Sie missbrauchen ihre Macht, machen ihre Länder kaputt und stürzen sie ins Unglück. Aber auch in meinem geliebten Israel ist die Führungsriege männlich – und nicht immer von hehren Zielen dominiert. Es ist zum Haareraufen.
Man erkennt es sofort, wenn die Rechte der Frauen minimiert werden, wenn man versucht, sie kleinzuhalten, stumm zu machen. Ich will nicht behaupten, Frauen seien unfehlbar oder die besseren Menschen. Medea hat vor Wut ihre Kinder gegessen, Penthesilea (nur bei Heinrich von Kleist aus Versehen?) ihren Mann totgebissen, und Lady Macbeth hat ihren Mann zum Morden angestiftet. Keine perfekten Vorbilder.
Trotzdem habe ich kein Verständnis für »Tradwives«, die sich bewusst für ein unemanzipiertes Leben entscheiden. Und damit meine ich nicht Erziehungsurlaub, Work-Life-Balance und Zeit für die Familie. Zurück an den Herd? Das darf doch nicht wahr sein!
Es ist schwer, sich im Beruf zu verwirklichen, Geld zu verdienen und gleichzeitig die Brut aufzuziehen. Aber als Konsequenz nur noch Torten zu backen und den Herd zu putzen, halte ich für nicht sehr klug.
Nehmt euch eure Söhne vor! Respekt gegenüber Frauen kann man vorleben und abverlangen.
Am 8. März ist wieder Internationaler Frauentag. Die Femizide (Morde an Frauen) haben Rekordzahlen erreicht. Das ist eine Katastrophe. Die Epstein-Files bringen mich zur Verzweiflung. Übrigens war eine Frau, Ghislaine Maxwell, maßgeblich am Missbrauch von Minderjährigen beteiligt. Ich kann mich gar nicht entscheiden, wen ich widerlicher finde. Von Gisèle Pelicot will ich gar nicht erst anfangen, sonst kann ich vor Tränen nicht mehr schreiben.
Mein Gott, Männer, was ist bei euch los? Ja, es gibt mehr zu tun, als uns allen vielleicht lieb ist. Euch Frauen möchte ich von Herzen bitten, Vorbilder zu sein für eure Töchter, für die nächste Generation junger Frauen. Damit sie den Mut entwickeln, sich zu artikulieren, sich selbst ernst zu nehmen in ihren Belangen und Wünschen. Sich öffentlich und privat gegen Übergriffe wehren, und denen helfen, die das nicht so gut können. Lasst euch nicht die Butter vom Brot nehmen, meine Damen!
Nehmt euch eure Söhne vor! Respekt gegenüber Frauen kann man vorleben und abverlangen. Und nun, ganz verwegen: Wenn es irgendwie geht, liebe Frauen, geht in die Politik! Wir brauchen kluge empfindsame Frauen im Kreml, im Weißen Haus, in der Knesset, in Ungarn, in Dänemark und auch im Bundestag.
Damit Deeskalation, Empathie und Intelligenz, vielleicht sogar Humor in den Chefetagen Einzug halten. Damit die Gesetze Frauen unterstützen und beschützen. Sie nicht verfolgen, einsperren oder sogar umbringen.
Und um nochmals die antike und jüngere Geschichte zu bemühen: Nero, Caligula, Stalin, Pinochet, Mao Zedong, Trump, Putin, Ali Chamenei und wie sie alle heißen, allen voran Hitler. Ich habe diese Männer mit ihren hässlichen Frisuren, ihrer Liebe zur Gewalt, ihrer Eitelkeit und ihrem Hang zum Machtmissbrauch so satt.
Also: Liebe Mädchen, Frauen, Damen, Weiber: Steht auf und zeigt euch. In eurer ganzen Schönheit!