»Unter Sachsen«

Wutbürger und andere

Haben nicht vielmehr alle ostdeutschen Bundesländer vergleichbar gravierende Probleme? Foto: Ch. Links

»Unter Sachsen«

Wutbürger und andere

Ein neuer Sammelband versucht, die sächsische Seele zwischen Fremdenhass und Freundlichkeit zu erkunden

von Steffen Alisch  02.05.2017 15:54 Uhr

Der Autor und heutige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Leipzig Küf Kaufmann kam Anfang der 90er-Jahre als jüdischer Zuwanderer aus der Sowjetunion nach Sachsen. Sein Kurzbericht über die eigenen Erfahrungen ist einer von 24 Zwischenrufen in dem Sammelband Unter Sachsen, der auch Reportagen und Analysen enthält.

»Wir verliebten uns in die Sachsen«, erinnert sich Kaufmann, »in ihre gurgelnde, weiche Sprache, ihre Kommunikationsfreude und ihre Freundlichkeit, ihren unerschütterlichen, dem jüdischen so artverwandten Optimismus und Humor. Ein Humor voller Doppeldeutigkeit, Wärme, Herzlichkeit, Sarkasmus und – das Wichtigste von allem – voller Ironie sich selbst gegenüber.«

Freiberg Da lacht das Herz des Rezensenten, der als gebürtiger Freiberger selbst die erste Hälfte seiner mehr als 50 Jahre »unter Sachsen« verbracht hat und schon aus familiären Gründen an einem guten jüdisch-sächsischen Verhältnis interessiert ist. Nicht wenige Zuwanderer machten in Sachsen allerdings leider ganz andere Erfahrungen als Kaufmann, ihnen wird im Buch breiter Raum gegeben.

Neben den bekannten Berichten über rechtsextremistische Übergriffe etwa aus Freital und Meißen verstören die vielen alltäglichen Vorfälle, zum Beispiel die im Erzgebirge. Auch »Eingeborenen« geht es nicht immer besser als Zugereisten: Der dunkelhäutige Leipziger Ali Schwarzer verdeutlicht in seiner »unversöhnlichen Abschiedsrede«, warum er den Rassismus vieler seiner Mitbürger nicht mehr erträgt und seiner Geburtsstadt den Rücken kehrt – ein ausgesprochen trauriger Text.

Wo liegen die Ursachen für diese verheerenden Entwicklungen? Inwieweit sind diese wirklich sachsenspezifisch, oder haben nicht vielmehr alle Neuen Länder vergleichbar gravierende Probleme mit rechtsextremistischer Gewalt, wie ein Blick in einschlägige Statistiken nahelegt? Hier fehlt es dem Buch eindeutig an analytischem Tiefgang. Stattdessen knöpft sich Herausgeber Matthias Meisner, Redakteur beim »Tagesspiegel«, in einem einseitigen polemischen Text die sächsische CDU vor.

Keine Frage, die christdemokratische Partei nahm insbesondere unter dem ersten Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf Teile der eigenen Bevölkerung viel zu stark gegen durchaus berechtigte Rassismusvorwürfe in Schutz – so wie das die Brandenburger SPD unter Manfred Stolpe auch tat – und redet auch heute noch manches klein.

Linksextremismus Doch im Kern vertritt Meisner ein ganz anderes Argument: Die bloße Erwähnung des insbesondere in Leipzig extrem gewalttätigen Linksextremismus ist für ihn mit einer »Gleichsetzung von rechter und linker Gewalt« sowie mit einer »Dauer-Verharmlosung des Rechtsextremismus« verbunden. Diesen absurden Vorwurf erhebt er nicht nur gegen Ministerpräsident Stanislaw Tillich, sondern auch gegen den Dresdner Politikprofessor Werner Patzelt, dem er »Pegida-freundliche Analysen« unterstellt.

Ein Gegengewicht bildet die fundierte Analyse des Dresdner FAZ-Korrespondenten Stefan Locke, der sich in differenzierter Weise mit Pegida auseinandersetzt. Störend wirken die zynischen Karikaturen Klaus Stuttmanns, dessen rabiate Bildsprache an die im früheren Zentralorgan des ZK der SED veröffentlichten Propagandazeichnungen erinnert. Nur in einem Rückblick auf die Ereignisse in Hoyerswerda vor rund 25 Jahren wird ansatzweise auf den bereits in der DDR grassierenden Rechtsextremismus eingegangen.

Autoritäres Denken und Fremdenfeindlichkeit wurden seitens der SED eher instrumentalisiert als bekämpft, die Nachwirkungen dieser ideologischen Verfehlungen sind heute noch zu spüren.

Zum Schluss noch ein Lichtblick: Der tschechische Autor Jaroslav Rudis erinnert in warmen Worten an die jahrhundertealte Verbindung zwischen Sachsen und Böhmen, ohne die aktuellen Probleme kleinzureden. Von solchen Ermutigungen hätte man sich mehr gewünscht.

Matthias Meisner (Hg.): »Unter Sachsen«. Ch. Links, Berlin 2017, 312 S., 18 €

Fernsehen

»Babylon Berlin«: Was bisher geschah (Folgen 1–4)

Wer jetzt noch einsteigen will bei der fünften Staffel der ARD-Serie, lernt hier die wichtigsten Figuren und ihre Verstrickungen kennen

von Wilfried Urbe  10.09.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Das süße Jahr oder Ein neues Kleid für Rosch Haschana

von Nicole Dreyfus  10.09.2026

Fernsehen

»Zu Asche, zu Staub«

»Babylon Berlin« endet düster: Die fünfte Staffel spielt in der Zeit um Hitlers Machtergreifung 1933

von Julia Kilian  10.09.2026

Argentinien

»Portrait of a Lady« wird restituiert

Ein niederländischer Journalist entdeckte die Raubkunst in einer Immobilienanzeige. Ein Jahr, nachdem der Fall für Furore gesorgt hat, wird das Gemälde endlich an die rechtmäßige Erbin übergeben

 10.09.2026

Filmfestspiele

Politik trifft auf Leinwand

In Venedig gibt es auch dieses Jahr zahlreiche Premieren, die für Kontroversen sorgen

von Patrick Heidmann  10.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  10.09.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

 10.09.2026

Teschuwa

Umkehrer und Rückkehrer

Der Berliner Rapper Ben Salomo brauchte lange, um herauszufinden, woher die eigene Stimme kommt

von Nicole Dreyfus  10.09.2026

Deutschland

Schoa-Überlebende und Antisemitismusbeauftragte rechnen mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und Maha El Hissy ab

Die Hintergründe

 09.09.2026 Aktualisiert