Debatte

»Wohin sonst hätten wir gekonnt?«

Lamya Kaddor, geboren 1978 in Ahlen, ist Islamwissenschaftlerin und Vorsitzende des Liberal‐Islamischen Bundes. Michael Rubinstein, geboren 1972 in Düsseldorf, ist Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Duisburg‐Mülheim/Ruhr‐Oberhausen.

Kaddor:
Wer hat Schuld am Nahostkonflikt?

Rubinstein:
Die Engländer. Es kommt darauf an, wie man den Nahostkonflikt definiert oder wann man ihn beginnen lässt: mit der Staatsgründung Israels am 14. Mai 1948, mit dem Zweiten Weltkrieg und der Schoa, mit den ersten größeren Einwanderungswellen jüdischer Menschen im ausgehenden 19. Jahrhundert, mit dem seit Jahrtausenden in der Region schwelenden Konflikt zwischen Juden und anderen Völkern oder eben mit der Balfour‐Deklaration vom 2. November 1917. Damals hatte der britische Außenminister Arthur James Balfour dem Bankier Walter Rothschild in einem Brief versichert, dass seine Regierung die Zionistische Weltorganisation bei der »Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina« unterstützen würde.

Kaddor:
Und zugleich hatte die britische Regierung den Arabern signalisiert, dass sie die Hoheit über die Region erhielten, wenn sie sich dem damaligen Kampf gegen das Osmanische Reich anschlössen. Zu dieser Zeit spielt bekanntlich die berühmte Geschichte des Lawrence von Arabien.

Rubinstein:
Genau. Und ungeachtet des Ganzen hatten die Briten am 16. Mai 1916 auch noch eine geheime Übereinkunft mit Frankreich getroffen, wie sie die Region nach der Zerschlagung des Osmanischen Reichs unter sich selbst kolonialistisch aufteilen wollten. Frankreich riss sich die nördlichen Bereiche …

Kaddor:
… vor allem das heutige Syrien …

Rubinstein:
… unter den Nagel und die Briten den südlicheren Bereich – also vor allem Jordanien und den Irak. Diese Doppelzüngigkeit und Doppelstrategie der Engländer, beiden Seiten quasi dasselbe zu versprechen und dann etwas ganz anderes zu tun, war natürlich ein entscheidender Aspekt für den Beginn des Nahostkonflikts. Aber auch das ist selbstverständlich nur eine Ursache. Letztendlich kann das kaum ein Grund sein, warum man sich auch im Jahr 2013 noch die Köpfe einschlägt. Deswegen ist die Schuldfrage eine ganz, ganz schwierige Frage. Es werden nationale Interessen, sprich: der Streit um Boden, mit religiösen Aspekten zusammengebracht. Was die rein staatliche Gewalt angeht, dürfte die Schuldfrage einfach zu klären sein. Israel ist angegriffen worden. Kaum war der junge Staat 1948 ausgerufen, überfiel ihn die arabische Welt auch schon gemeinschaftlich. Bis heute wird Israel von mehreren Staaten der Region nicht anerkannt. Man kann also schon sagen: Israel war am Anfang nicht der Aggressor. Israel hat sich nur gewehrt.

Kaddor:
Aber was ist mit den jüdischen Terrorgruppen und paramilitärischen Einheiten, die lange vor der Staatsgründung Israels die Engländer und die Palästinenser angegriffen haben? Bis in die 1980er‐Jahre hinein galt der Anschlag vom 22. Juli 1946 auf das King David Hotel in Jerusalem, wo damals ein Teil der britischen Mandatsregierung saß, als einer der weltweit folgenschwersten mit mehr als 90 Toten. Urheber war die Irgun unter Führung von Menachem Begin, dem späteren israelischen Ministerpräsidenten. Also ich würde das schon auch aggressives Verhalten nennen.

Rubinstein:
Vergiss aber bitte nicht, dass die Palästinenser vor der Staatsausrufung Israels ebenfalls zu den Waffen gegriffen haben. Es gab nicht nur jüdische Kampfeinheiten. Was ist mit dem Massaker in Hebron 1929? Da wurden über 67 jüdische Zivilisten von Palästinensern ermordet. Und es gab weitere Pogrome gegen Juden.

Kaddor:
Ich verstehe deinen Standpunkt. Wenn ich mich aber in die Position der Palästinenser versetze, wirkt deine Aussage trotzdem ganz schön merkwürdig. Die Palästinenser denken nicht zu Unrecht: Wir wurden doch besetzt! Unser Land wurde doch genommen. Die Aggression ging doch nicht von uns aus!

Rubinstein:
Die Ländereien sind den Menschen nicht nur mit Waffengewalt weggenommen worden. Es gab viele Bauern, denen die Felder legal abgekauft wurden.

Kaddor:
Stimmt, und unter welchen Umständen? Da trafen reiche, gebildete Händler aus Europa auf arme, ungebildete Bauern in Palästina. Letztlich kann man nicht von der Hand weisen, dass damals fremde Leute gekommen sind und die Lebensumstände der Bewohner dieses Landstrichs manipuliert, oder neutraler gesprochen: verändert haben. Ich finde, man muss ihnen das schon zugestehen.

Rubinstein:
Natürlich haben die politischen Entscheidungen im Hinblick auf das frühere Palästina Freundschaften zerstört und Freunde zu Feinden werden lassen. Es ist ja nicht so, als hätten Juden und Muslime im Heiligen Land nicht auch friedlich nebeneinander und sogar miteinander gelebt, bevor der Staat Israel gegründet wurde. Auch die Frage nach Araber oder Jude als Aggressor ist letztlich nur zweidimensional. Vielleicht muss man akzeptieren, dass einige Fragen nicht eindeutig zu lösen sind. Was ich nur sagen wollte, ist, dass die erste kriegerische Gewalt nach der Ausrufung des Staates Israel von der arabischen Seite ausging. Selbstverständlich hat sich Israel nicht nur verteidigt, sondern auch aktiv gehandelt und angegriffen. Aber der erste Angriff eines Staates auf einen anderen kam eben von der arabischen Seite. Darum ging es mir, und nicht darum, zu sagen, wer die Gewalt in der Region oder unter den verschiedenen Bevölkerungsteilen ausgelöst hat.

Kaddor:
Gut, darüber kann man natürlich reden, dass nach der Staatsausrufung die arabische Seite trotz allen Zorns erst einmal Zurückhaltung hätte üben können, um möglicherweise auf diplomatischem Weg weiter nach einer Lösung zu suchen, statt einen Angriffskrieg zu führen? Allerdings müsste man vorher klären, mit welchem Recht 1947 die Vereinten Nationen überhaupt die Resolution 181 beschließen durften. Warum durften ein paar Länder, 57 an der Zahl, ein bewohntes Gebiet teilen und einen Landstrich Israel nennen und den anderen Palästina? Zumal auch noch 13 Staaten gegen diesen Plan votierten und sich zehn weitere enthielten?

Rubinstein:
Nun, wo hätte man denn sonst über diesen Konflikt beraten sollen? Die UNO war damals die politische Vertretung der weltweiten Staatengemeinschaft. Und durch den Internationalen Gerichtshof hätte Israel in der arabischen Welt auch keine größere Legitimation erhalten. Die Araber wollten den Staat partout nicht, und nichts hätte sie davon überzeugen können. Damals gab es nicht die kommunikativen und medialen Möglichkeiten wie heute. Da wurde in der UNO eine Resolution beschlossen und dann zack, zack Fakten geschaffen. Da gab es keine langen Diskussionen in der Bevölkerung. Wir versuchen, das aus dem heutigen Kontext zu betrachten, vergessen dabei aber, dass die Zeiten damals anders waren. Wir können über die UNO‐Entscheidung jetzt noch trefflich streiten, aber ich bin sicher, am Ende würden wir zu derselben Meinung kommen: Denn es ist selbstverständlich der besonderen Situation, dem Schock geschuldet, den der Holocaust weltweit ausgelöst hat. Das hat international dafür gesorgt, dass die Unterstützung für die zionistische Idee wuchs.

Kaddor:
Ja, und genau da stellen sich eben auch viele die Frage, warum die Palästinenser ausbaden müssen, was die Europäer mit den Juden angerichtet haben.

Rubinstein:
Das glaube ich auch, dass bei den Palästinensern ein Aggressionspotenzial erzeugt wurde, weil sie sich ungerecht behandelt fühlten. Aber wo hätten die Juden hingehen sollen, außer in das einzige Stückchen Erde, zu dem sie historisch und religiös Bezug haben? Abgesehen davon hätte jede Wahl eines Territoriums Widerstand der jeweils dort lebenden Bevölkerung provoziert: Es sei denn, die Juden hätten sich die unbewohnte Antarktis ausgesucht.

Der Text ist dem soeben erschienenen Buch von Kaddor und Rubinstein »So fremd und doch so nah. Juden und Muslime in Deutschland« entnommen (Patmos, Ostfildern 2013, 160 S., 17,99 €). Wir danken Verlag und Autoren für die Abdruckrechte.

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