Sprachgeschichte(n)

Wo der Barthel den Most mit dem Brecheisen holt

Auch Bond holt Most: Sean Connery in »Man lebt nur zweimal« Foto: cinetext

Mit dem Titel seines Parodienbandes Wo der Barthel die Milch holt verulkte der Sprachvirtuose Friedrich Torberg 1981 eine landesweit beliebte, zahllosen Deutungen ausgesetzte Spruchweisheit. Sie findet sich bei so unterschiedlichen Autoren wie Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, August Bebel, Jakob und Wilhelm Grimm, Heinrich Heine, Gottfried Keller, Karl May, Wilhelm Raabe, Eugenie Marlitt und Kurt Tucholsky.

Alle nutzten die seit dem 17. Jahrhundert belegte Wendung, nach der auch Peter Rosegger eine Erzählung benannte. Wo der Bartel den Most herholt (1914) berichtet vom Bartel, der Knecht auf einem Hof ist und den Most nicht dort holt, wo es ihm aufgetragen wurde, sondern sich ins Wirtshaus stiehlt, um seine angebetete Kellnerin zu treffen.

drohung Diese wörtliche Deutung verkannte allerdings den üblichen Sprachgebrauch. »Man wendet diese Redensart an«, belehrt uns schon 1867 Karl F. W. Wanders Deutsches Sprichwörter-Lexikon, »wenn man jemand als klug, gewandt und schlau bezeichnen will, als einen, der Mittel und Wege kennt, seinen Zweck zu erreichen.« Darauf zielte 2009 auch Claus C. Malzahns Spiegel-Beitrag über Ex-Bundeskanzler Kohl: »Er fuhr im Urlaub nicht nur an den Wolfgangsee, sondern auch nach Sachsen in die DDR. Auch deshalb wusste er, als die DDR auseinanderbrach, wo der Barthel den Most holt.« In manchen Situationen muss Barthel auch für eine Drohung herhalten: »Ich werde dir zeigen, wo Barthel den Most holt!«

Aber woher stammen sprachhistorisch Barthel und sein Most? Häufig boten Philologen als Erklärung Namensderivate an: Im Niederdeutschen ist Batheld ein Storch, der die Mäuse, also die Kinder, holt; ein Heilbronner Schultheiß Barthel soll Most aus dem Ratskeller geholt haben; in Südhessen fasst man Wein in »Bartelkrügen«; im katholischen Raum weisen Bauernregeln auf den 24. August, den Tag des Heiligen Bartholomäus. Für Sedlaczeks Wörterbuch der Alltagssprache Österreichs (2011) ist die »Personalisierung von Datumsangaben in Volkssprüchen üblich: Wie Bartl sich verhält, so ist der ganze Herbst bestellt.«

gaunersprache Ihr Gebrauch verrät jedoch nicht die Herkunft der Redensart, meinte 2009 Wolfgang Hug, der sie zum Titel seiner Kulturgeschichte geflügelter Wort erkor. Die von ihm angedeutete Lösung findet man prägnant zusammengefasst in Jasmina Cirkics Arbeit über Rotwelsch in der deutschen Gegenwartssprache (2006): »Weder ist hier mit Barthel der Rufname Bartholomäus noch der Most als Getränk gemeint.

Die Redewendung stammt aus der Gaunersprache und ist aus ›Barsel‹ für Brecheisen und Moos aus hebräischem ›maoth‹ und jiddischem ›maos‹ für Kleingeld, Pfennige bzw. Geld allgemein entlehnt und meinte eigentlich: wissen, wo man sich mit dem Brecheisen Zugang zu fremdem Geld verschafft.« Der gute Barthel ist also eigentlich ein Geldschrankknacker. Mit anderen Worten, ein Ganove. Dieses Wort geht übrigens auf das Jiddische »ganeff« zurück. Darüber mehr ein anderes Mal.

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