Interview

»Wir stehen hier völlig am Anfang«

Die Historikerin Karina Urbach, Enkelin von Alice Urbach Foto: Dan Komoda

Die Wienerin Alice Urbach (1886-1983) war in der Zwischenkriegszeit eine bekannte Köchin und Autorin eines populären Koch- und Haushaltsbuches. Im Interview erklärt die Historikerin Karina Urbach, wie ihre Großmutter wegen ihrer jüdischen Herkunft die Autorenschaft ihres Kochbuchs: »So kocht man in Wien!« verlor und dass das kein Einzelfall war.

Frau Urbach, Ihre Großmutter Alice Urbach war in den 1930er-Jahren Autorin eines erfolgreichen Koch- und Haushaltsbuchs. Später tauchte ein Mann als Autor auf. Was war passiert?
Alice war eine jüdische Wienerin, und nach dem »Anschluss« Österreichs 1938 unterstand sie plötzlich den Nürnberger Rassegesetzen. Ihr Verleger entschied, dass sie nicht mehr die Autorin ihres eigenen Buches sein durfte. Er setzte stattdessen einen arischen Autor ein, einen gewissen Rudolf Rösch, »Mitglied des Reichsnährstandes«. Bis heute ist das Buch unter Röschs Namen erhältlich.

Wie stellt man sich diesen Diebstahl geistigen Eigentums vor?
Das wurde sehr geschickt gemacht. Alices Verlag wechselte zuerst einmal das Vorwort aus. In der neuen Fassung lobte Rösch sich selbst und die »Küche der Ostmark«. Alice persönliche Kommentare im Buch wurden gestrichen, aber fast alle Kapitel übernommen oder paraphrasiert. Auch die Kochfotos, auf denen ihre »jüdischen Hände« zu sehen waren. Das fand sie besonders bizarr.

War das ein Einzelfall oder die Regel bei jüdischen Autoren?
Als ich anfing zu recherchieren, dachte ich, nur Alice wäre Opfer einer »Bucharisierung« geworden. Aber dann habe ich gemerkt, dass dahinter eine Methode steckt. Auch anderen jüdischen Sachbuchautoren ist das passiert, man hat ihre Werke teilweise plagiert oder einen arischen Strohmann eingesetzt. Nur hatte bisher niemand die Puzzlesteine zusammengesetzt.

Wieso weiß man so wenig darüber?
Arisierungsakten wurden von den Archiven sehr lange zurückgehalten, denn darin stehen die Namen der Leute, die von den Arisierungen profitiert haben. Das waren ganz normale Menschen - nicht nur NSDAP-Bonzen - die sich jüdische Wohnungen, Autos oder ganze Firmen aneigneten. Alices Verleger zum Beispiel war ein Schweizer, der in München seinen Verlag leitete. Über Schweizer, die sich an Arisierungen beteiligt haben, wissen wir immer noch sehr wenig.

Gab es nach dem Krieg Anstrengungen, dieses Unrecht wieder gut zu machen? Steht Ihre Großmutter wieder als Autorin auf dem Cover?
Leider nicht! Sie hat nach dem Krieg um ihr Buch gekämpft, aber der Verlag hat es ihr nie zurückgegeben und bis 1966 gut daran verdient. Als ich 2018 um Einsicht ins Verlagsarchiv bat, wurde mir gesagt, es gäbe zu Alices Fall wegen »der Kriegswirren« keine Unterlagen mehr. Dabei hat der Verlag 1974 und 1999 zwei Festschriften mit ausführlichen Quellen aus der Vor- und Kriegszeit veröffentlicht. Vielleicht befürchten sie, ich würde auf einer finanziellen Entschädigung bestehen. Aber ich will natürlich kein Geld, ich hoffe einfach nur, dass der Verlag nach 80 Jahren Alice wieder zur Autorin ihres eigenen Buches macht.

Gibt es auf diesem Gebiet der »Arisierung« von Büchern noch Handlungsbedarf?
Absolut. Wir stehen hier völlig am Anfang. Bisher hat niemand zu dem Thema »Bucharisierung« gearbeitet. Ich hoffe daher sehr, dass Alices Fall etwas bewegen wird.

Karina Urbach, Das Buch Alice. Wie die Nazis das Kochbuch meiner Großmutter raubten, Propyläen Verlag, 432 Seiten, 25 Euro.

Deutschland

Schoa-Überlebende und Antisemitismusbeauftragte rechnen mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und Maha El Hissy ab

Die Hintergründe

 09.09.2026 Aktualisiert

Kommentar

Warum der Börsenverein des Deutschen Buchhandels nie wieder »Nie wieder!« sagen sollte

Wer Antisemitismus nur dort bekämpft, wo es bequem ist, bekämpft ihn nicht – und wer wie im Fall Maha El Hissy konkrete Vorwürfe nicht ernsthaft prüfen will, sollte aufhören, zu erklären, wie ernst er diesen Kampf nimmt

von Andreas Büttner  09.09.2026 Aktualisiert

»Von Monet bis Picasso«

Ausstellung in Hamburg würdigt jüdische Kunstsammler

Die Schau versammelt rund 100 Werke unter anderem von Claude Monet, Pablo Picasso, Paul Cézanne, Ernst Ludwig Kirchner, Paula Modersohn-Becker und Vincent van Gogh

 09.09.2026

Mascha Malburg und Joshua Schultheis

In eigener Sache

Mascha Malburg und Joshua Schultheis werden mit dem Georg-Stefan-Troller-Preis ausgezeichnet

Die Redakteurin der Jüdischen Allgemeinen und der freie Mitarbeiter erhalten die Auszeichnung für ihre Interviewreihe mit Juden aus Deutschland

 09.09.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 10. September bis zum 17. September

 09.09.2026

Zahl der Woche

22.233 israelische Kinder und Jugendliche

Fun Facts und Wissenswertes

 09.09.2026

Musik und Politik

Pink kritisiert Macklemore für Anti-Israel-Auftritt bei Ed Sheeran

Macklemore nutzte seinen Auftritt bei einem Konzert von Ed Sheeran, um Israel Völkermord vorzuwerfen. Das hat offenbar nicht nur jüdische Organisationen verärgert, sondern auch die Sängerin Pink

 09.09.2026

Ausstellung

Der zerbrochene Messias

Utopien, Visionen und eine Frau als Erlöserin: 25 Jahre nach seiner Gründung zeigt das Jüdische Museum Berlin zwölf zeitgenössische Künstler als Kontrast zu den Schrecken der Gegenwart

von Ayala Goldmann  09.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  09.09.2026