Musik

»Wie ein Rausch«

Frau Tal, Herr Groethuysen, ist Ihre neue CD »Götterdämmerung« Ihr Beitrag zum Wagner-Jahr?
Yaara Tal: Wir beschäftigen uns schon seit Längerem mit Wagner. Vor 15 Jahren haben wir bereits eine Wagner-CD veröffentlicht, allerdings mit Werken für Klavier zu vier Händen. Also Transkriptionen, da es von Wagner keine Originalwerke für diese Besetzung gibt.

Zwei der Bearbeitungen, die Sie spielen, stammen von Alfred Pringsheim, dem jüdischen Schwiegervater Thomas Manns.
Andreas Groethuysen: Die zentrale Literatur, wie es sie für Klavier solo gibt, gibt es für Klavierduo eben nicht. Weder für Klavier vierhändig noch für zwei Klaviere. Darin liegt auch die Leistung des Bearbeiters. Er steht ja ständig vor großen Fragen: Wie teile ich das auf? Wie kann ich möglichst viel vom Original unterbringen, sodass es plastisch ist, aber nicht überladen? Aber auch pianistisch realisierbar? Und es hat sich herausgestellt, dass Alfred Pringsheim, der eigentlich Autodidakt war, mit die interessantesten und auch pianistischsten Lösungen gefunden hat.

Yaara Tal: Er war ein Naturgenie. Nichts gegen Reger oder Debussy, aber ich kann mir vorstellen, dass Pringsheim ihnen von seiner musikalischen Begabung her in nichts nachgestanden hat. Ich glaube, er war ein extrem begabter Mensch und eine sehr großzügige Person. Und seine Großzügigkeit hat sich auch in der Art seiner Arrangements gezeigt: diese großzügigen Bearbeitungen, diese süffigen, wohltuenden Klänge. Er wusste ganz einfach, was gutes Leben bedeutet. So stelle ich ihn mir vor: als Lebemann, als Vollblutmensch und Vollblutmusiker.

Ein schöner Gedanke, dass sich Pringsheims persönliche Großzügigkeit in der Bearbeitung widerspiegelt.
Yaara Tal: Ich glaube, es ist auch ein trauriger Gedanke. Pringsheim war ein sehr reicher Mann und hat das Geld auch genutzt, um Wagner finanziell zu unterstützen, bei der Errichtung des Festspielhauses und bei der ersten Ring-Aufführung. Als die Nazis an die Macht kamen, wurde Pringsheim schändlich, unverschämt und grausam von seinem Anwesen vertrieben. Er konnte in letzter Sekunde noch nach Zürich fliehen. Lange Zeit wollte er sich nicht damit abfinden, dass die Kultur, die er selbst so unterstützt hatte, ihn dermaßen abgewiesen hat. Darin liegt auch eine große Tragik.

Ist es nicht paradox, dass Wagner als Judenhasser Hilfe und finanzielle Unterstützung von einem Juden angenommen hat?
Andreas Groethuysen: Wagner hatte durchaus freundschaftliche und eben auch berufliche Kontakte mit Juden, die ihn ja musikalisch sehr unterstützten, seine Werke dirigierten und arrangierten. Nicht nur Pringsheim, sondern auch Carl Tausig und Nikolai Rubinstein. Seine Haltung gegenüber Juden war auf philosophischer Ebene sehr problematisch. Aber auf praktischer Ebene – man kann vielleicht auch sagen, auf pragmatischer Ebene – war sie offenbar mehr oder weniger normal.

Yaara Tal: Das ist noch schlimmer. Noch charakterloser.
Andreas Groethuysen: Vielleicht auch opportunistischer. Aber Wagner war nicht generell ein Judenhasser. Das kam erst durch seine persönliche Geschichte, weil es für ihn sehr schwierig war, sich als Komponist durchzusetzen. Es waren Juden in wichtigen Funktionen, etwa Giacomo Meyerbeer, die ihm das Leben schwer gemacht haben. So hat Wagner getickt, und so ist es vielleicht auch zu erklären, dass er den Juden mangelndes Künstlertum unterstellt hat.

Yaara Tal: Ich sehe das anders! Das ist, wie wenn ein Mörder oder ein Vergewaltiger vor Gericht gestellt wird und dann Gutachter und Psychologen sagen: »Er kann ja nichts dafür. Sein Vater ist mit ihm genauso umgegangen.« So kann man es vielleicht erklären, aber moralisch ist es nach wie vor unentschuldbar.

Andreas Groethuysen: Ich versuche es nur biografisch zu erklären. Aber zu entschuldigen ist es natürlich überhaupt nicht!

Werden Sie mit dem Programm auch in Israel auftreten?
Yaara Tal: Es gibt keinen Grund, in Israel Wagner zu spielen. Es gibt keinen Konsens, dass das gewünscht ist. Da werden wir sicherlich nicht kommen und sagen: »Wir spielen das unbedingt!«

Andreas Groethuysen: Wenn Barenboim das macht … Ich finde es irgendwie gut, dass er es macht. Man kann sagen: »Leute, die es nicht hören wollen, brauchen ja auch nicht hinzugehen.« Und er möchte es, wahrscheinlich auch langfristig, möglich machen, dass die Menschen Wagner dort hören können. Aber auf der anderen Seite kann ich auch nachvollziehen, dass man sagt: »Wir wollen mit dieser Musik, die im Dritten Reich so eine große Rolle gespielt hat, nichts zu tun haben.« Das muss man respektieren.

Yaara Tal: Die Versuche, die gemacht worden sind – zum Beispiel im Juni vergangenen Jahres –, sind nicht gescheitert, weil sich Leute verletzt fühlten. Das war eine politische Entscheidung. Ich hätte es gut gefunden, wenn es eine Möglichkeit gegeben hätte. Ich bin völlig ohne Wagner aufgewachsen, hatte keine Ahnung von der Bedeutung seiner Musik. Als ich an der Hochschule in Tel Aviv war, hat unser Lehrer uns nach Schulschluss zum ersten Mal aus »Tristan und Isolde« vorgespielt. Das war wie ein Rausch. Solche Klänge hatte ich in meinem Leben noch nie gehört! Und mir war plötzlich klar, dass ohne Wagner ein riesiges Stück Musikgeschichte fehlt. Das wurde ganz einfach ausradiert. Zumindest als professioneller Musiker führt kein Weg daran vorbei. Natürlich muss man Wagner nicht im Konzert spielen, aber diese Musik nicht wahrzunehmen, das geht einfach nicht.

Glauben Sie, dass Pringsheim von den Wagnerklängen so mitgerissen war wie Sie?
Yaara Tal: Unbedingt! In seinen Tagebüchern, die jetzt zugänglich gemacht wurden, kann man lesen, wie begeistert er war. Alfred Pringsheim war ein Vollblut-Wagnerianer. Er hat das alles natürlich auch kritisiert, hat also eine gewisse Distanz wahren können. Aber ich glaube, diese Musik hat einen Punkt in ihm grenzenlos angesprochen.

Existieren nur die Wagner-Transkriptionen, oder hat Pringsheim auch andere Komponisten bearbeitet?
Andreas Groethuysen: Wir wissen von keinen anderen Transkriptionen. Vollkommen ausschließen möchte ich es nicht, aber ich glaube, es war bei ihm wirklich an Wagner gekoppelt. Ich denke, wir hätten von anderen Bearbeitungen gehört. Aber interessant wäre es. Und was Wagner angeht, sind wir jetzt wieder für eine Weile bedient.

Das Gespräch führte Ann Katrin Bronner.

Duo Tal & Groethuysen: Richard Wagner »Götterdämmerung«. Sony Classical 2013

www.tal-groethuysen.de

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