Geburtstag

Widerspenstig und ungezähmt

Sein Leben lang gegen den Strom geschwommen: Wolf Biermann Foto: Marco Limberg

Wolf Biermann hat einmal den Witz gemacht, dass er eigentlich alles im Leben der Partei verdanke – gemeint ist, versteht sich, die allein selig machende Einheitspartei, die in der DDR die Zügel der Macht in ihren haarigen Altmännerhänden hielt. Ohne jede Ironie!

dissident Denn ohne die Partei wäre Biermann nicht 1953, mit 17 Jahren, gegen den Flüchtlingsstrom aus Hamburg in den Osten gegangen. Und dass er ging, erwies sich als ein Glück: Die DDR war für Biermann so etwas wie der zweite Bildungsweg. In der Bundesrepublik wäre er wahrscheinlich versumpft und verdummt, er hätte irgendeine schreckliche Karriere unter den sowjettreuen Linken gemacht. In der DDR begann er zu studieren (Ökonomie, Mathe- matik, Philosophie), und er kam – was vielleicht wichtiger war – mit Brechts Theater am Schiffbauerdamm in Berührung.

Ferner machte die Partei sich um ihn verdient, als sie sein erstes Theaterstück verbot, das Berliner Brautgang hieß. Biermann hatte nun keine Wahl mehr, er musste sich auf das Schreiben von Liedern und Gedichten verlegen; dafür brauchte man keine Bühne, keine Schauspieler und Regisseure, nur einen Stift, ein Blatt Papier und eine Gitarre.

Sehr gut auch, dass die Partei 1965 ein totales Auftritts- und Publikationsverbot über ihn verhängte. Denn als er nur noch im Zimmer vor Freunden singen durfte, als die Tonbänder seiner privaten Auftritte in den Westen geschmuggelt und dort in Schallplatten verwandelt wurden, gab es kein Zurück mehr: Biermann, der im Herzen Kommunist geblieben war, wenn auch ein kritischer, konnte sich nicht mehr mit den Inhabern der Macht arrangieren; ihm war also verwehrt, eine moralisch zwielichtige Figur zu werden. Was für ein Glück!

Das endgültig Beste aber war die Ausbürgerung. Als die SED ihm 1976 den Stuhl vor die Tür setzte, als sie Biermann gegen alle Rechtsnormen bei einer Konzertreise in die Bundesrepublik seiner DDR-Staatsbürgerschaft beraubte, sorgte sie dafür, dass er endlich andere Länder und andere Sitten kennenlernen konnte.

judentum Seit Biermann im Westen lebte, hatte er die wesentlichen Lernfortschritte allerdings nicht mehr der Partei, sondern nur noch sich selbst zu verdanken. 1981, nach dem Putsch von Jaruzelski in Polen, fand er die Kraft, sich vom kommunistischen Glauben seiner Kinderzeit zu verabschieden (leicht gefallen ist ihm das nicht). Und zehn Jahre später, im Golfkrieg von 1991, hatte er dann die Courage, mit einem Teil seines Stammpublikums zu brechen: Wolf Biermann bekannte sich damals zu seiner jüdischen Herkunft (sein Vater wurde 1943 in Auschwitz vergast) und zum Staat Israel. Er sagte öffentlich, dass er den Krieg der Amerikaner und ihrer Verbündeten gegen den Irak des Saddam Hussein befürworte, der Israel mit einer neuen »Endlösung« gedroht hatte.

Hier wird ein kleines Geständnis fällig. Ich kenne Wolf Biermann jetzt seit einem Vierteljahrhundert (Kinder, wie die Zeit vergeht), ich bin stolz darauf, dass ich ihn meinen Freund nennen darf. Als er 1991 seinen legendären Essay Kriegshetze Friedenshetze schrieb, der in der »Zeit« veröffentlicht wurde (und ihm rund einen Leitz-Ordner voll wütender antisemitischer Leserbriefe einbrachte), habe ich neben ihm vor dem Computerbildschirm gesessen. Ich habe Wolf immer gemocht. Aber als er diesen Text schrieb, da habe ich ihn – dieses peinliche Wort muss jetzt leider sein – geliebt.

Mittlerweile hat Wolf Biermann alle Literaturpreise abgegrast. Seine Konzerte finden immer noch vor ausverkauften Sälen statt. Als er nach dem Golfkrieg von 1991 anfing, immer häufiger nach Israel zu fliegen, verführte sein Freund Arno Lustiger ihn dazu, Jizchak Katzenelsons Lied vunem ojsgehargetn jiddischn volk, das große Poem über den Völkermord an den europäischen Juden, ins Deutsche zu bringen.

Auch dies habe ich aus nächster Nähe miterlebt: Biermann hat damals nicht nur Verse geschmiedet (gute übrigens), er hat auch zwei Jahre lang recherchiert, mit Überlebenden gesprochen, mehr als einmal den Kibbuz der Warschauer Ghettokämpfer besucht, kurz: Er hat gründlich und sorgfältig gearbeitet. Als er im Hamburger Schauspielhaus zum ersten Mal seine Nachdichtung vortrug – ich habe es selbst erlebt –, da blieb es hinterher erst einmal still. Manche weinten. Das Publikum war von diesem Poem über den Völkermord an den Juden dermaßen erschüttert, dass es nicht zu klatschen wagte.

freund und feind Die gute Nachricht lautet: Es gibt mittlerweile also Leute, die gemerkt haben, dass dieser Wolf Biermann von den lebenden Dichtern nicht der allerschlechteste ist. Die weniger gute Nachricht (warum darum herumreden?): Es gibt außerdem viele Zeitgenossen, die diesen Biermann nicht ausstehen können. Nicht nur alte Stasi-Mitarbeiter, nicht nur neue Antisemiten, sondern auch andere. Ist er daran selbst schuld? Gewiss doch, er kann verletzend sein, hochfahrend, er kann austeilen, er ist nicht immer gerecht. (Als ich ihn zum ersten Mal traf, war ich allerdings eher überrascht, wie sanft er ist und wie gut er zuhören kann.)

Manchen gefällt sein Gesangsstil nicht. Ja, und er ist eitel, wie die meisten Künstler. Den tieferen Grund für die grassierende Biermann-Antipathie finden wir aber in einer Novelle von Hermann Melville geschildert, die Billy Budd, Sailor heißt. Sie handelt im Wesentlichen davon, wie schwer die meisten Menschen moralische Vortrefflichkeit aushalten. Sie ist auf Dauer wirklich nicht zu ertragen. Billy Budd, der Held der Geschichte, ein hübscher, blonder, blauäugiger Junge, wird nach einem Gerichtsprozess aufgehängt – nicht obwohl, sondern gerade weil er unschuldig ist. Das dürfte auch das Aufreizende an Biermann sein: Er hat sich immer wieder geirrt, er hat gelegentlich törichte Sachen gesagt (wer unter euch ohne Torheit ist, der werfe den ersten Stein), aber er hat sich im Grunde immer tapfer und richtig verhalten. Er war also moralisch integer, und das wird nicht verziehen.

Dass er dieser Tage 75 Jahre alt wird, weigere ich mich entschieden zu glauben, obwohl es natürlich wahr ist. Den traditionellen Segenswunsch »ad mea weesrim« spare ich mir aber für den 80. auf. Dieses Mal rufe ich ihm einfach von dieser Stelle aus zu: Mögest Du leben, so lange Du Dir das wünschst. Und ceterum censeo: Wolf, schreib’ gefälligst Deine Autobiografie!

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