Restitution

»Was man in die Hand nehmen kann«

»Erst langsam gewinnen wir Klarheit«: Elisabeth Gallas Foto: Christiane Lindstrot

Restitution

»Was man in die Hand nehmen kann«

Die Historikerin Elisabeth Gallas über von den Nazis geraubte Bücher und ihre Rückgabe

von Thyra Veyder-Malberg  04.03.2019 09:47 Uhr

Frau Gallas, wenn man heute über Provenienzforschung spricht, ist meistens von Bildender Kunst die Rede. Warum ist Raubkunst so viel prominenter, als es geraubte Bücher sind?
Das war nicht immer so. Unmittelbar nach dem Krieg war die Rettung von Büchern ein kollektives Unternehmen. Man war der Überzeugung, dass die Rettung dieser Erinnerungsträger und Wissensbestände des jüdischen Volkes dessen Weiterexistenz, ja sein Überleben als Ganzes sichern könne. Dagegen war die Kunstrestitution von Anfang an ein eher individuelles Verfahren, dem nach dem Holocaust zunächst weniger Gewicht zukam. Dass man sich dann später mehr um Kunst als um Bücher kümmerte, hat sicher auch damit zu tun, dass es so spektakuläre Funde in öffentlichen Museen gab.

Haben Bücher dadurch an Bedeutung gewonnen, dass sie geraubt und restituiert wurden?
Ja, und diese Bedeutung zeigt sich von zwei Seiten: Einerseits wurden die Bücher nach dem Krieg geradezu zu Monumenten – die letzten materiellen Spuren, die überhaupt von den Herkunftseinrichtungen oder ihren ermordeten Besitzern zu finden waren. Etwas, das man in die Hand nehmen kann, wenn alles andere vernichtet und verloren ist. Andererseits bargen die Bücher einen Schatz von Wissen, Tradition, Religion, der ermöglichte, Kontinuität herzustellen – so brüchig sie natürlich nur sein konnte. Den an den Restitutionsvorgängen Beteiligten ist klar gewesen, dass die Rettung keine Brücke bilden konnte, die über die Dimension der Vernichtung zu spannen wäre. Aber ein Gefühl war, dass die geretteten Kulturgüter eine signifikante Rolle für den Neuaufbau geistigen Lebens nach der Katastrophe spielen und dabei helfen könnten, Anteile der zerstörten jüdischen Lebenswelten Europas für die Zukunft zu bewahren.

Sie sind über ihre Beschäftigung mit der Philosophin Hannah Arendt auf das Thema der Restitution von Büchern gekommen. Was war die wichtigste Erkenntnis, die Sie gewonnen haben?
Erstaunlicherweise hat es eine kleine, sehr aktive Gruppe von jüdischen Intellektuellen – unter ihnen eben Hannah Arendt oder auch Gershom Scholem – nach dem Zweiten Weltkrieg geschafft, über eine halbe Million von den Nazis geraubte Bücher und mehrere Tausend Torarollen und Ritualgegenstände ausfindig zu machen und zu restituieren. In dem Falle hieß das allerdings, sie nicht an die Herkunftsorte zurückzugeben, sondern an die Orte zu bringen, wo das neue jüdische Leben nach 1945 seine Zentren fand, nämlich nach Israel und Amerika. Um das zu tun, musste eine jüdische Treuhandgesellschaft eingerichtet werden – die sogenannte Jewish Cultural Reconstruction (JCR). Ihre rechtliche Anerkennung war ungeheuer komplex. Denn das Restitutionsrecht war – wie alles internationale Recht zu dieser Zeit – zwischenstaatlich organisiert. Die Alliierten, in diesem Fall die Amerikaner, mussten davon überzeugt werden, dass eine jüdische Interessenvertretung, die den Anspruch vertrat, das gesamte auf der Welt verteilte Kollektiv zu repräsentieren, die verbliebenen Bücher dieses ungeheuer großen Raub- und Zerstörungssystems der Nazis in Obhut nehmen sollte und nicht die Herkunftsstaaten. Mit ihrem Erfolg hat die JCR auch den Weg für die spätere Jewish Claims Conference geebnet.

Die JCR wollte verhindern, dass Bücher, die jüdischen Institutionen in Deutschland geraubt wurden, nach Deutschland zurückgehen. Warum?
Zum einen war wieder die Rechtslage das Problem: Man fand zahlreiche erbenlose Güter, die der deutsche Staat zuvor seinen eigenen jüdischen Staatsbürgern geraubt hatte. Nach angewandter Rechtsprechung wären sie an den deutschen Staat als Generalerben zurückgefallen. Das empfanden die jüdischen Akteure als skandalös, schien es doch wie eine nachträgliche Belohnung für den Massenmord. Gleichzeitig gab es um die 20.000 Juden in den Besatzungszonen Deutschlands, die versuchten, das Gemeindeleben wiederaufzubauen, und die dafür Bücher und Ritualgegenstände brauchten. Das führte zu Streit, denn die Mitglieder der JCR waren überzeugt, dass grundsätzlich so wenige Kulturgüter wie möglich in Deutschland verbleiben sollten. Die Angst vor weiterem Verlust war groß. Man konnte sich schlicht nicht vorstellen, dass in Deutschland jemals wieder ein Gemeindeleben aufleben und sich verstetigen würde.

Wie hat sich diese Arbeit auf die beteiligten Intellektuellen ausgewirkt?
Sie hat einen sehr nachhaltigen Eindruck gemacht. Viele der Beteiligten sind selbst Flüchtlinge gewesen, die durch ihre Arbeit für die JCR zum ersten Mal nach Europa zurückgekehrt sind und mit den Trümmern dieses Kontinents konfrontiert waren. Die Massen von Büchern, die sie hier fanden, verwiesen in besonderer Form auf die Toten und die Zerstörung. Bemerkenswert ist hierbei, dass es kaum Juristen waren, die sich in diesem Zusammenhang engagiert haben, sondern Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler, die sehr stark von diesem Eindruck geprägt wurden, auch hinsichtlich ihres weiteren Nachdenkens über den Holocaust. Sie waren unter den Ersten, die sich historisch angenähert und versucht haben, Begriffe zu finden und Erinnerungskultur zu gestalten.

Wie ist das etwa in den Werken von Hannah Arendt zu sehen?
Man kann gut nachvollziehen, wie ihr berühmtestes Buch zum Totalitarismus parallel zu dieser Rettungsaktivität geschrieben wurde. Im Text verweist sie häufiger auf Kulturraub als Beispiel, wenn sie die politischen Strukturen und Praxen des Nationalsozialismus beschreibt. Es gibt aber auch weichere Verbindungen, etwa ihr Nachdenken über Möglichkeiten einer rechtlichen Anerkennung des jüdischen Kollektivs – diese Fragen fanden politische Umsetzung in der JCR. Es gibt zahlreiche Aufsätze über die Möglichkeiten des Wiederaufbaus von jüdischer Kultur und jüdischem Geistesleben, in denen Arendt fragte: Kann es eine Kontinuität geben? Was bedeutet der Bruch – kann nach der Katastrophe überhaupt an die Traditionsbestände früherer Zeit angeknüpft werden? Hannah Arendts Auseinandersetzung der 40er- und 50er-Jahre zeigt, inwiefern die politische Arbeit – das Bücherretten – mit der intellektuellen Arbeit eingeführt wurde.

Konnten die restituierten Bücher als Grundlage für neues jüdisches Leben dienen?
In Israel kann man diese Entwicklung am besten sehen. Durch die Initiative der Hebräischen Universität in Jerusalem ist eine große Menge an Büchern gerettet worden, die den Nukleus für die im Aufbau begriffene Nationalbibliothek gebildet haben. Gleichzeitig profitierten auch kleine Gemeinden, Kibbuzim, Schulen und Kultureinrichtungen von den europäischen Beständen. Sie förderten die neu entstehende Bibliothekskultur. Dass diese Prozesse stark symbolisch aufgeladen waren, kann man an den eindrucksvollen Fotos erkennen, die zeigen, dass etwa am Bahnhof in Jerusalem, wo die Züge mit Kisten voller Bücher eintrafen, Festakte zu deren Ankunft ausgerichtet wurden.

Sie haben sich mit der Restitution von Büchern direkt nach dem Krieg befasst. Wie bewerten Sie die heutige Debatte?
Es ist erfreulich und auch dringend notwendig, dass heute eigentlich alle großen Bibliotheken in Deutschland und Europa Projekte zur Provenienzrecherche umsetzen und immer wieder Raubbestände finden. Nach dem Versanden der groß angelegten Aktivität in der Nachkriegszeit mit dem Beginn des Kalten Krieges brauchte es einen neuen Antrieb, der erst sehr spät kam (mit der Washingtoner Erklärung von 1998; Anmerkung der Redaktion). Erst langsam gewinnen wir Klarheit darüber, was es bedeutet, dass immer noch Unmengen an geraubten jüdischen Kulturschätzen in europäischen Einrichtungen und deutschen Haushalten zu finden sind, die direkt auf das Verbrechen verweisen.

Mit der Kulturhistorikerin vom Leipziger Simon-Dubnow-Institut sprach Thyra Veyder-Malberg.

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