Essay

Warum Israel?

Schuldabwehr, Ignoranz, mangelnde Empathie: Israel polarisiert besonders die Deutschen. Foto: Thinkstock

Wenn es um Israel geht, bin ich befangen. Mir ist das Schicksal des jüdischen Staates nicht egal. Wie auch? Jener Teil meiner Familie, der überlebt hat, lebt dort, und dessen Kinder. Ich sorge mich um sie und sie sich um mich.

»Komm nach Israel. Dort wirst du sicherer sein«, hat mir der Sohn meiner Cousine während des Gaza-Krieges im August 2014 gemailt. Das klingt nur für Außenstehende absurd. Während deutsche Israeltouristen rasch ihre Buchungen stornierten und froh waren über ihre Reiserücktrittsversicherung, die es ihnen ersparte, aus nächster Nähe zu erleben, was es heißt, wenn die Hamas ihre »selbst gebastelten Raketen« abfeuert, stieg die Zahl der Juden in Europa, die überlegten, nach Israel auszuwandern.

Hatten sie Angst? Fühlten sie sich in Paris oder Berlin nicht mehr sicher? Fürchteten sie um ihr Leben? Natürlich nicht. Aber sie hielten die Kälte nicht mehr aus und die Kaltschnäuzigkeit, mit der den Juden die Leviten gelesen wurden.

ahnungslos In einem Land, in dem über die Helmpflicht für Radfahrer diskutiert wird, wurde während des Gaza-Krieges im Sommer 2014 die Angst der Israelis vor dem Raketenbeschuss und den Terrortunneln aus Gaza als überzogen abgetan. Menschen, die weder über militärisches Wissen noch über existenzielle Erfahrungen verfügten, wussten ganz genau, dass Israel falsch und unverhältnismäßig handelte.

Eine Idee, wie der Staat seine Bürger schützen sollte, hatten sie nicht und brauchten sie auch nicht. Und vorsorglich sprachen sie sich selbst von jedem Verdacht frei, ihre »Israelkritik« könne von unbewussten antisemitischen Gefühlen geleitet sein. Natürlich waren sie keine Antisemiten.

Natürlich? Warum glauben die Kinder und Enkel der Mörder und Mitläufer, »unbefangen« über Israel und über Juden reden zu können? Wieso trifft der Vorwurf der »Befangenheit« in der Debatte nur die Nachkommen der Opfer?

Echte, bekennende Antisemiten habe ich in meinem Leben nur wenige getroffen. Und doch weiß ich, dass es sie gibt. Die Umfragen bestätigen es Jahr für Jahr aufs Neue. Und ich weiß es, fühle es, wenn ich auf einen treffe.

Warnsignale Was also ist das Problem? Israel ist das Problem. Mein Problem. Sobald es nämlich um Israel geht, lauere ich auf Zwischentöne, auf halbe Wahrheiten und ganze Diffamierungen. Ich werde selten enttäuscht. Wenn es um Israel geht, wird auch ein müde dahin plätscherndes Gespräch schnell emotional. Bin ich überempfindlich? Womöglich. Aber ich kenne die Warnsignale und versuche rasch, die Weichen anders zu stellen. Selbst bei Freunden. Zu groß ist die Sorge, dass bei zu viel Wein und Wahrheit die Freundschaft enden könnte.

Die Deutschen und ihr Judentick – das ist die eine Seite. Die Juden und ihr Deutschentick – das ist die andere Seite. Ich kenne beide Seiten. Denn ich bin beides. Tochter einer protestantischen deutschen Mutter und eines jüdischen Vaters aus der Bukowina, der nach dem Krieg heimat- und staatenlos war. Und ich? Zu jüdisch für die Deutschen, zu deutsch für die Juden. Erst mit zwölf Jahren wurde ich offiziell Deutsche. Mit meinem deutschen Pass kann ich in jedes Land dieser Welt reisen. Die Liste der Länder, in die Juden besser nicht reisen, ist jedoch lang. Länder, die nach Tausendundeiner Nacht klingen und deren Märchen ich als Kind liebte.

Terroristen aus ebendiesen orientalischen Länder entführten nun jedoch Flugzeuge und überfielen die israelische Olympiamannschaft. Mein Vater hatte Nachsicht mit meiner pubertären erwachenden linken Leidenschaft für die Nachfahren meiner Märchenhelden. Die toten Sportler in München und die Entführung eines Flugzeugs nach Entebbe unter Beteiligung deutscher Linker setzten seiner Toleranz Grenzen.

Als Wilfried Böse jüdische Passagiere selektierte, um den palästinensischen Freiheitskampf zu unterstützen, war ich 15 Jahre alt, und Palästinensertücher waren in Mode. Es war mir peinlich, meiner Freundin erklären zu müssen, dass sie ihr schönes schwarz-weißes Tuch ablegen solle, wenn sie mich besuchte. Verstanden hat sie es nicht, aber das Tuch blieb draußen.

Golfkrieg Als 15 Jahre später im Golfkrieg Scud-Raketen aus dem Irak in Tel Aviv einschlugen, war mein Vater schon tot. Palästinensertücher waren noch immer in Mode, und ich wusste politisch nicht mehr, wohin. Viele in meinem Umfeld waren inzwischen bei den Grünen engagiert. Vielleicht hätte auch ich mich dort wohlfühlen können. Das Problem aber war – Israel. Mein Problem.

Fassungslos stand ich auf dem Opernplatz in Frankfurt, um während einer großen Anti-Kriegsdemonstration meine Solidarität mit Israel auszudrücken. Immerhin war an diesem Tag Frankfurts Partnerstadt Tel Aviv angegriffen worden. Das aber kümmerte offenkundig nur wenige. Im Gegenteil. Schon damals attackierten uns wütende Friedensfreunde. »Kein Blut für Öl«, riefen sie und sorgten sich um Auswirkungen auf die Umwelt und das Klima in Europa durch die brennenden Ölfelder.

Für mich aber war das politische Klima durch die Gefühlskälte so vieler Friedensbewegter, Linker und Grüner, die gegen die Lieferung von Patriot-Raketen an Israel protestierten, vergiftet. Allen voran der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele. Die Selbstgerechtigkeit, mit der dieser Pazifist die Menschen, um die ich mich täglich sorgte, schutzlos lassen wollte, hat sich mir tief ins politische Gedächtnis eingebrannt.

»Das sowohl politische wie jüdische Nazi-Opfer, das ich war und bin, kann nicht schweigen, wenn unter dem Banner des Antizionismus der alte miserable Antisemitismus sich wieder hervorwagt. Die Unmöglichkeit, Jude zu sein, wird zum Zwang, es zu sein: und zwar zu einem vehement protestierenden«, schrieb Jean Améry, 1977, ein Jahr vor seinem Freitod.

Antisemiten Unter dem »Banner des Antizionismus« sammeln sich heute weltweit mehr Antisemiten als damals. Die Solidarität mit Israel ist hierzulande Staatsräson, doch bei kaum einem anderen Thema ist die Kluft zwischen Politik und Bürger größer – und zwar unabhängig von Parteien, Generationen und Religion.

Améry kann nicht mehr protestieren. Wir schon. Ich bin befangen. Ich weiß es. Und Sie?

Die Autorin ist Ressortleiterin Zeitgeschehen beim Fernsehen des Hessischen Rundfunks. Zusammen mit Georg M. Hafner schrieb sie »Israel ist an allem schuld« (Eichborn 2015).

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