Clemens J. Setz

Wahn in Worms

Clemens J. Setz kam 1982 in Graz zur Welt. Foto: picture alliance/dpa

Clemens J. Setz

Wahn in Worms

Ein jüdisches Schicksal als biografischer Roman

von Helmut Kuhn  27.04.2023 09:13 Uhr

Der Österreicher Clemens J. Setz steht im Ruf, sympathisch verschroben zu sein. Wenn er etwa erklärt, er ernähre sich aus gesundheitlichen Gründen ausschließlich von Fleisch. Weniger sympathisch ist anderen seine Rolle als »Aufklärer« in einem Nachrichtenmagazin, wo er seinen Penis thematisiert: Vor der späten Phimose-Beschneidung sei der Sex besser gewesen.

Zugleich ist Setz einer der höchstdekorierten Autoren deutscher Sprache. Zuverlässig wird ihm das Attribut »genial« verliehen. Jetzt ist sein Roman Monde vor der Landung für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, den er 2011 für Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes bereits gewann.

Darin geht es um einen sympathisch Verschrobenen, Peter Bender, und dessen jüdische Ehefrau Charlotte Asch. Anfang der 1920er-Jahre gründet der ehemalige Fliegerleutnant in Worms eine Religionsgemeinschaft nach der Hohlwelttheorie des 17. Jahrhunderts; davon ausgehend, die Menschheit lebe auf der Innenseite der Erde, und das Weltall befinde sich im Zentrum der Kugel. Nach der Machtergreifung der Nazis wird er verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

SCHICKSAL Die Geschichte ist ein biografischer Roman. Montiert sind Korrespondenzen, Fotos, Illustrationen, was in der Form an W. G. Sebalds Austerlitz erinnert und Setz neben dem üblichen Attribut auch die Kritik eintrug, dies sei ein »unanständiges Buch«, in dem er das Schicksal der Figuren lustvoll vorführe.

Warum? Handwerklich ist nichts auszusetzen. Setz bleibt perspektivisch konsequent bei seinem Protagonisten. Dialogisch zuweilen gestelzt, verzichtet er auf ironische Brechung und billige Psychologie. Er soll sogar einen Recherchedienst beauftragt haben, ein neuer Spleen unter Autoren, die sich das leisten können.

Am Ende folgt, was 500 Seiten ausgespart bleibt: Bender wird in Mauthausen ermordet, Charlotte in Auschwitz. Das markiert vielleicht einen Unterschied zu unterhaltsamen Romanen über Sigmund Freud oder Angela Merkel.

Clemens J. Setz: »Monde vor der Landung«. Suhrkamp, Berlin 2023, 528. S., 26 €

Philadelphia

Erstes Konzert nach Macklemore-Aus: Sheeran äußert sich

Wegen israelfeindlichen Äußerungen und einer antisemitischen Vorgeschichte wurde US-Rapper Macklemore aus dem Vorprogramm von Popstar Ed Sheeran gestrichen. Jetzt ist Sheeran erstmals wieder aufgetreten

 20.09.2026

Musik

Biermann mit neuen Liedern: »Mensch, misch’ dich ein«

Der Liedermacher Wolf Biermann präsentiert auf einem neuen Album Unveröffentlichtes - manches neu, manches auch noch aus DDR-Zeiten. Die Themen hätten sich kaum verändert, sagt der Künstler

 20.09.2026

Fernsehen

»Zu Asche, zu Staub«

»Babylon Berlin« endet düster: Die fünfte Staffel spielt in der Zeit um Hitlers Machtergreifung 1933

von Julia Kilian  19.09.2026

Kommentar

Die Schatten der Vergangenheit sind lang

Wie der Hessische Rundfunk über jüdische Grundstücke stolpert

von Daniel Neumann  18.09.2026

Zahl der Woche

5 Dinge

Fun Facts und Wissenswertes

 18.09.2026

Social Media

Nach weltweiten viralen Song: Hasswelle gegen israelische Band Temper City

Der Song der israelischen Band wird zum Welthit – bis die Herkunft der Musiker bekannt wird. Dann beginnt im Netz der Boykott

von Sabine Brandes  18.09.2026

Noah Bendix-Balgley

»Musikalisches Risiko ist wichtiger als absolute Perfektion«

Der Erste Konzertmeister der Berliner Philharmoniker über seine Philosophie beim Spiel, Kritik an Boykotten gegen Künstler und sein erstes Klezmer-Album

von Christine Schmitt  18.09.2026

Bewusstsein

Pause!

Warum wir unser Leben und unseren Alltag immer wieder gezielt entschleunigen sollten. Eine Hymne auf die Langsamkeit

von Sophie Albers Ben Chamo  18.09.2026

New York

Künstlerin macht New Yorker Guggenheim Museum zur Murmelbahn

Taryn Simon ist für ihre Foto-Reportagen berühmt. Für eine große Ausstellung im Guggenheim Museum hat sie sich dazu noch etwas ganz anderes einfallen lassen

 18.09.2026